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Osterinsel : So also funktioniert Götzendienst, denkt man

Beim Tapati Rapa Nui frisch gekürt: Die Insel-Königin Bild: F.A.Z.-Freddy Langer

Tausend uralte Köpfe aus Stein und zwei junge Frauen, die Königin werden wollen. Begegnungen mit Gänsehautgarantie auf der Osterinsel.

          8 Min.

          Kenn' ich doch. Denkt man. Schon tausendmal gesehen. Auf Fotos, in Büchern, in Filmen. Starre Blicke, lange Nasen, die Köpfe viel zu groß auf der bedenklich schmalen Brust. "Stupide Steinfiguren" eben, wie die Moais in den Tagebüchern von James Cook bezeichnet werden. Doch kaum schiebt der Rano Raraku sich ins Blickfeld, dieser Vulkan, dessen Hänge den Bewohnern der Osterinsel tausend Jahre lang als Steinbruch dienten für die Skulpturen ihrer Ahnen, kriecht eine Gänsehaut den Körper hinauf, vom Rücken in den Nacken in die Arme und weiter in die Fingerspitzen, bis man ein wenig zu zittern beginnt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Mein Gott, sind diese Kerle groß. Denkt man. Und großartig. Und unirdisch irgendwie. Noch gut einen halben Kilometer entfernt, erkennt man schon deutlich, wie sie über den vom Regen glänzenden Hang verstreut stehen, liegen, in schiefer Haltung balancieren. Wächter des Bergs? Boten einer fremden Welt? Rätselhafte Kolosse jedenfalls, für deren Existenz noch immer die einleuchtendste Erklärung die ist, daß Außerirdische sie zurückgelassen haben.

          Eine Armee schwarzer Geister

          Es war ein gespenstischer Moment, als sich unter den tief hängenden, düsteren Wolken der morgendlichen Einsamkeit diese Armee schwarzer Geister aus dem Berg geschält hat wie aus einem Bett, gerade so, als sei sie eben erst aufgewacht und müßte sich einen Moment lang noch orientieren, wo sie ist und was nun zu tun sei. Vierhundert steinerne Riesen, schweigend und mit starrem Blick. Etliche noch gar nicht restlos aus dem Fels geschlagen, nur in Schemen angedeutet, gleichsam Gefangene des Bergs. Und doch geht von ihnen eine paradoxe Lebendigkeit aus. Von dieser Unordnung am Hang, aber auch von der Vielfalt der Gesichter und ihrer Ausdrucksformen. Obwohl die Augen fehlen und der Mund oft nur als schmale Linie angedeutet ist, wirkt keiner dieser Köpfe wie eine Totenmaske. Ganz im Gegenteil fühlt der Besucher sich beobachtet und weiß dieser Gelassenheit monumentaler Würde nichts entgegenzusetzen. So also funktioniert Götzendienst. Denkt man. Allein diesen Steinbruch zu sehen lohnt die Reise um den halben Globus.

          Es ist kein Schönheitswettbewerb. Sagen Einheimische.
          Es ist kein Schönheitswettbewerb. Sagen Einheimische. : Bild: F.A.Z.-Freddy Langer

          Ansonsten freilich hat Rapa Nui, wie die Einheimischen die Insel, sich selbst und ihre Sprache nennen, nur wenig andere Attraktionen. Die Insel ist klein und überschaubar. Vom höchsten Punkt aus, dem fünfhundert Meter über dem Meer liegenden Plateau des Terevaka, scheint es in keine Richtung weiter als einen Steinwurf bis zur See. Während der Blick die überschaubare Leere des hügeligen Graslands und das ferne Rund des gewölbten Horizonts abtastet, bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, weit fort zu sein von allem.

          Wettstreit jenseits der Vernunft

          Auf der ganzen Welt gibt keinen bewohnten Fleck, der weiter entfernt ist von der restlichen Zivilsation als die Osterinsel. Das vor allem macht die riesigen Köpfe so unheimlich. Daß sie im Nichts stehen. Aber vielleicht findet geradeso, wie die Evolution auf einsamen Inseln ihr ureigenes Experimentierfeld hat, um mitunter befremdliche Spezies zu schaffen, auch die Kultur in der Isolation einer entlegenen Insel den Nährboden für exzentrische Auswüchse. Vielleicht konnte sich überhaupt nur dort, wo man nichts wußte von anderen Menschen und anderen Lebensentwürfen, ein Volk entwickeln, das sein gesamtes Denken und Handeln auf das Erschaffen von Steinriesen konzentriert zu haben scheint.

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