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Northumberland : Mutiges Mädchen, melancholischer Mönch

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Bildschön: Blick von Alnwick Castle herunter auf die Ländereien Bild: Michael Bengel

Von Heiligen und Helden: In Northumberland standen gleich zwei Wiegen - die des englischen Christentums und die der größten Heroine in der Geschichte des Landes.

          8 Min.

          Die Schotten haben für den Küstennebel, der am Morgen schon die Aussicht auf den Tag verdirbt, einen Namen: "Haar". Hier, einige Kilometer südlich der Grenze, ist er namenlos, aber er sorgt für die rechte Stimmung auf dem Friedhof. Aufrecht drängen sich die Grabsteine wie Auferstandene zusammen. Dazu ein Regen von der allerfeinsten Körnung, der sich wie feuchter Staub auf alles legt, auf Haut und Haare, jeden Halm.

          Die Kirche von St.Aidan, schwer gefügt aus dem Stein der fernen Normandie und viel zu groß für diesen kleinen Ort, sieht nicht so aus, als sei sie noch nach acht Jahrhunderten von irgendeiner Unbill zu erschüttern. Ohne jede Spur von himmelstrebender Architektur duckt sie sich über die Tafeln wie ein Hirte über seine Schafe. Sie ist nicht schön, nur alt, die erste, die man dem Iren Aidan geweiht hat, jahrhundertelang die einzige im ganzen Land. Hier in Bamburgh legte er sich hin zum Sterben. Damals bauten sie auch Kirchen noch in Holz. Beda, der Historiker der Angelsachsen, Beda Venerabilis, der Ehrwürdige, legt seinen Namen dafür ein, dass es an einem Außenpfosten in der Wand des Chorraums war, am letzten Tag im August des Jahres 651. So kann man die Stelle noch zeigen und den Balken auch. Er zieht sich heute durch das Dach, geradewegs über dem Taufstein: der sinnfälligste Ort für die Erinnerung an einen Missionar. Sein Namenstag ist seither der 31.August.

          Engel über der Klosterinsel

          In der Nacht, nachdem man ihn auf seiner Klosterinsel Lindisfarne bestattet hatte, sah Cuthbert, ein Hirtenjunge von siebzehn Jahren, wie Engel Aidans Seele in den Himmel trugen. Er trat ins Kloster Melrose ein und wurde, Jahre später, der größte Bischof Lindisfarnes. Hundertfünfunddreißig Kirchen in England tragen heute seinen Namen, siebzehn weitere in Schottland. Darum nennt man die kleine Insel im Watt die Wiege des englischen Christentums. Doch dies hier ist, dem Bild gemäß, die Eizelle: St. Aidan's Church. Und der Friedhof drum herum ist die Probe aufs Exempel. Denn keinen Steinwurf weiter, an der westlichen Umfriedung, finden wir das neugotische Grabdenkmal für Grace Darling, "Amazing Grace", den Liebling der Victorianer, vor allem ihrer jungen Königin, die größte Heldin in der ganzen englischen Geschichte, an ihren Füßen frische Veilchen. Hier ruht sie, ausgestreckt, die Hände vor der Brust gefaltet, gleich einer Stifter- oder Heiligenfigur, seit 1885 als Kopie ihrer selbst. Das Original aus Portlandstein wird in der Kirche aufbewahrt. Und sollte sich die allerjüngste und allerüberflüssigste Gelehrtenmeinung auch noch bewahrheiten, nach der das Mädchen eine Hasenscharte hatte, so wird sie uns doch so schneewittchenhaft und makellos wie hier auch zukünftig vor Augen stehen.

          Wie gemalt: Bamburgh Castle bei Sonnenaufgang und Ebbe.

          Grace Darling hat als Einundzwanzigjährige nach einem Schiffsunglück im Sturm neun Menschen vor dem Tod bewahrt mit jener staunenswerten Mischung aus Opfermut und unbedingter Hilfsbereitschaft dem unbekannten Nächsten gegenüber, wie dies nur das Christentum lehrt. Mit dieser Selbstvergessenheit hat sie es hundertsiebzig Jahre später bis in den englischen Lehrplan gebracht als "female heroine", allenfalls durch Florence Nightingale ersetzbar. Swinburne und Wordsworth haben sie besungen, Heldenballaden wie die von John Maynard, nur mit dem Unterschied, dass bei ihr alle Details wahr sind. Das Jahr war 1838, der Tag war der 7.September, das Schiff hieß "SS Forfarshire" und galt bei jenen, die sich seiner Kraft versichert hatten, als unsinkbar. So ließ die Dundee & Hull Shipping Company das Schiff auch drastisch unterversichert.

          Rasch noch ein Gebet

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