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Nicaragua : Der Öko-Strom

  • -Aktualisiert am

Die nicaraguanische Regierung will den Fluss zur wichtigsten Touristenattraktion des Landes ausbauen Bild: Mirko Lomoth / F.A.Z.

Der Río San Juan ist Nicaraguas neue Hoffnung im nachhaltigen Tourismus – und ein Streitobjekt in den Beziehungen zu Costa Rica. Denn das Wasser gehört zu Nicaragua, das Südufer größtenteils nicht.

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          Hier endet er, stemmt sich gegen das Meer. Die Wellen der Karibik spülen über eine Sandbank hinweg und gehen unter in seinen Wassern. Er wölbt sich, als wolle er überquellen, drängt gegen die Sandbank, strömt seitwärts davon und durch seine Mündungen hinaus ins Meer. Wir drehen bei, der Außenborder dröhnt, der Rumpf des Bootes klatscht auf dem Wasser. Filemo McCrea steuert in einen schmalen Kanal, der sich zu einer weiten Lagune öffnet, das Wasser ist spiegelglatt, ein Abbild des Himmels und der Kokospalmen, die über dem Ufer hängen, ein Krokodil peitscht davon, die Luft schmeckt feuchtwarm-salzig, nach Karibik.

          Der Río San Juan ist ein gewaltiger Fluss, breit, aber nie sehr tief, etwa 200 Kilometer fließt er vom Nicaraguasee durch teils unberührte Regenwaldgebiete bis zur Karibikküste, wo er sich zu einem Wirrwarr aus Kanälen, Inseln und Lagunen verästelt. Dicke Bullenhaie kommen vom Meer und ziehen flussaufwärts, manchmal sieht man ihre dreieckigen Flossen, Spitzkrokodile und Kaimane liegen mit offenen Mäulern an seinen Ufern, Boote ohne Tiefgang fahren auf und ab, zwischen dem Städtchen San Carlos am Nicaraguasee im Landesinnern und San Juan de Nicaragua an seiner Mündung, transportieren Menschen und Waren, wo es keine Straßen gibt.

          Die Souveränität Nicaraguas

          Filemo macht das Boot an einem Anleger fest, ein überfluteter Weg führt in den Wald, es hat viel geregnet in den letzten Wochen. Wenn Touristen bis hierher zur Flussmündung kommen, auf die weltabgewandte Seite des San Juan, dann wollen sie die Gräber von Greytown sehen. Filemo ist Touristenführer, doch die meiste Zeit gibt es keine Touristen, die er führen könnte. Es liegt an der fehlenden Infrastruktur, sagt er, seit Jahren verspricht die Regierung eine Landepiste. Die meisten bleiben daher am Oberlauf des Flusses, sie nehmen den beschwerlichen Weg zur Karibik in öffentlichen Booten nicht auf sich, sie sehen die Gräber nicht.

          Fort La Imaculada, erbaut 1675: Hinter dicken Steinmauern hielten die spanischen Kolonialtruppen Ausschau nach Piraten
          Fort La Imaculada, erbaut 1675: Hinter dicken Steinmauern hielten die spanischen Kolonialtruppen Ausschau nach Piraten : Bild: Mirko Lomoth / F.A.Z.

          Wir waten mit Gummistiefeln durch den Regenwald und stehen plötzlich mitten in einem Guerrilla-Camp; zumindest sieht es danach aus. Feldkochtöpfe dampfen über Holzfeuern, schwere Lederstiefel baumeln aus Hängematten, Gewehre lehnen an Bäumen, ein Soldat spielt mit einem Reptil, das er an einer Schnur hält, ein grüner Stirnlappen-Basilisk. Es ist ein provisorisches Lager der nicaraguanischen Armee, der Kommandant winkt uns durch, aber keine Fotos bitte, es geht hier um die Souveränität Nicaraguas.

          Google und die Grenze

          Der San Juan ist Grenzfluss, sein Südufer gehört größtenteils zu Costa Rica, sein Wasser zu Nicaragua, beide Länder streiten immer wieder um den genauen Grenzverlauf, zuletzt ging es um eine Insel im Mündungsdelta. Google hatte die Grenze in seinen virtuellen Karten zugunsten von Nicaragua verzeichnet, nicaraguanische Soldaten ließen sich nieder und nutzten sie für Baggerarbeiten, um das Flussbett zu vertiefen, der Befehlshaber verwies auf Google, Costa Rica sprach von einer militärischen Invasion, Google änderte den Grenzverlauf, Nicaragua protestierte, benannte den Fluss trotzig in Río San Juan de Nicaragua um, und so weiter und so fort. Jetzt soll der Internationale Gerichtshof entscheiden. Política pues, sagt Filemo.

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