https://www.faz.net/-gxh-79hwo

Newport, Rhode Island : Mein Onkel aus Amerika

  • -Aktualisiert am

In Newport trieb der amerikanische Traum die üppigsten Blüten. Und die Gebrüder Brandt zogen Blumenschmuck für rauschende Feste wie bei den Gatsbys. Bild: F1online

Zwei Brüder aus Ostfriesland suchten in Newport das Glück. Einer kehrte zurück, der andere blieb - und wurde verrückt. Eine Spurensuche

          6 Min.

          Dies ist die Geschichte von zwei Brüdern, die in die Vereinigten Staaten auswanderten, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten das Unmögliche zu erreichen: ihrer Herkunft zu entkommen. Sie zogen nach Newport, Rhode Island, in den Neuen Hafen der Neuen Welt, eine kleine Stadt an der Atlantikküste, 120 Kilometer südlich von Boston, hügeliges Land, fruchtbarer Boden, mildes Klima, umgeben von weißen Stränden und steilen Klippen mit einem weiten Blick aufs Meer.

          Der ältere Bruder blieb nur sechs Jahre, dann kehrte er in die Heimat zurück, nach Ostfriesland. Der jüngere blieb bis an sein Lebensende und war - zumindest in Familien- und Gärtnerkreisen - noch über seinen Tod hinaus berühmt und gefürchtet. Es heißt, er sei ein böser Mensch gewesen, jähzornig, arrogant und unerbittlich, ein Perfektionist, dem man nichts recht machen konnte und der sich mit allen überwarf, weil er auch im persönlichen Umgang an seinem hohen Anspruch festhielt und ausfällig wurde, sobald man ihn enttäuschte. Der eine trägt meinen Namen, oder, um genau zu sein, ich trage seinen, Jan Brandt, denn er ist mein Urgroßvater, der andere war Arend, „the Madman“.

          Blütenrausch

          Es ist Ende April, Freitagnachmittag, 18 Grad und sonnig, als ich auf dem Flughafen Boston Logan International lande, in einen silberfarbenen Chevrolet Cruze steige und mich auf Spurensuche nach meinen Vorfahren begebe. Nach eineinhalb Stunden überquere ich die Mount Hope Bridge, die das Festland mit Rhode Island verbindet. Und dann bin ich da: mitten im Frühling, alles um mich herum blüht in den schönsten Farben, Mahagoni-, Tulpen- und Kirschbäume, Rosskastanien und Silberahorne.

          Meine Vorfahren kamen zwar aus der anderen Richtung, aber zur gleichen Jahreszeit an. Als der fast 24-jährige Jan Brandt nach einer zweiwöchigen Reise am 1. Mai 1869 mit dem Segelschiff „Bremen“ in New York eintraf und von dort aus mit der Eisenbahn, der Stonington Line, weiter nach Newport reiste, dürfte er, was die Pflanzenvielfalt angeht, einen ähnlich starken ersten Eindruck gehabt haben wie ich, womöglich sogar einen noch stärkeren. Schließlich stammte er aus einer der ärmsten und kargsten und am dünnsten besiedelten Gegenden Deutschlands, aus Vellage, einem Geestdorf an der Ems, in dem damals in 64 Häusern 249 Menschen lebten, Landarbeiter, Kleinbauern und Handwerker mit ihren Frauen und Kindern.

          Was trieb ihn fort? Jan  Brandt, der Urgroßvater des Autors. In Amerika nannte er sich John und züchtete Chrysanthemen für den Geldadel.

          Ich weiß nicht, was ihn forttrieb. Die Sehnsucht nach der großen weiten Welt? Nach Abenteuer, Wohlstand, Freiheit? Es gibt keine persönlichen Aufzeichnungen, keine Briefe, keine Tagebücher. Ich weiß nur, dass er Gärtner war und Newport zu jener Zeit, während des von Mark Twain so getauften Gilded Age, des Vergoldeten Zeitalters, ein wahres Paradies für professionelle Pflanzenliebhaber gewesen sein muss.

          Goldglanz

          Nach dem Ende des Bürgerkriegs boomte die Wirtschaft. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen war bald doppelt so hoch wie in Europa und versprach sozialen Aufstieg für jedermann. Die First Transcontinental Railroad war eben eröffnet worden und erschloss neue Märkte unvorstellbaren Ausmaßes. Europäische Einwanderer strömten ins Land und mit ihnen Hoffnungen und Bedürfnisse. Die, die am meisten daran verdienten, die Vanderbilts und Astors und Wideners, errichteten palastartige Sommerhäuser an Newports Küste - und ließen ihre Räume und Terrassen mit Blumen ausschmücken und ihre Gärten mit exotischen Bäumen und Büschen.

          Weitere Themen

          Bis ans Ende der Welt

          Hohe Tauern : Bis ans Ende der Welt

          Von Gletschern, Geiern und Werbemaßnahmen für den Nationalpark Hohe Tauern: Mit dem Ranger Emanuel Egger ins Innergschlöß, den schönsten Talschluss der Ostalpen.

          Papstbruder im Alter von 96 Jahren gestorben Video-Seite öffnen

          Georg Ratzinger : Papstbruder im Alter von 96 Jahren gestorben

          Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, ist tot. Das teilte der Vatikan mit. Der langjährige Leiter der Regensburger Domspatzen wurde 96 Jahre alt. Der ältere der Ratzinger-Brüder galt bereits seit vielen Jahren als schwer krank. Noch vor zwei Wochen war der 2013 emeritierte, mittlerweile 93 Jahre alte Papst überraschend nach Bayern gereist, um seinen Bruder zu besuchen.

          Topmeldungen

          Kulissen wie diese am Grundlsee ziehen Urlauber normalerweise in Scharen nach Österreich. 280.000 Menschen leben dort direkt vom Tourismus.

          Tourismus in Österreich : Urlaub nach der „Ischgl-Lektion“

          Ferien in Österreich: Das verspricht Erholung zwischen Bergen und Seen. Doch in der Corona-Krise zeigt das Geschäftsmodell seine Risiken. Warum das Land die Gäste aus Deutschland nun so dringend braucht.
          Wer will, wer hat noch nicht? Rekruten der Bundeswehr nehmen am 20. Juli 2009 vor dem Reichstagsgebäude in Berlin an einem öffentlichen Gelöbnis teil.

          Reaktionen auf Högl-Vorschlag : Wehrpflicht? Nein, danke!

          Die Wehrbeauftragte will eine Debatte über die Wiedereinsetzung. Dafür erntet sie heftige Kritik. Die Verteidigungsministerin schlägt einen Freiwilligendienst vor – ohne Högl zu erwähnen.
          Was vor 30.000 Jahren mit poliertem Gestein anfing, wurde im 19. Jahrhundert unter Strom gesetzt und erhält heute Design-Awards. Julia Ossko und Eugen Schulz setzten die Geschichte der Sexspielzeuge bildhaft in Szene.

          Die Geschichte der Sextoys : Komm, lass uns spielen

          Von Stein zu Silikon, vom Phallus zum Designobjekt – Sexspielzeuge sind (fast) so alt wie die Menschheit. Das Schmuddelimage war einmal, mittlerweile sind Dildos und andere Spielzeuge in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

          Sommer-Transfermarkt : Eine ganz klare Ansage des FC Bayern

          Mit Leroy Sané gab es einen Millionen-Einkauf. Wie geht es nun weiter beim FC Bayern auf dem Transfermarkt? Karl-Heinz Rummenigge gibt Einblicke in die Münchner Planungen – vor allem mit Blick auf Kai Havertz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.