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Neuseeland : Zwischen Himmel und Erde

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„Es geht um unser Verhältnis zur Natur, zum Kosmos” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wenn das Siebengestirn sich zeigt, feiern die Ureinwohner Neuseelands, die Maori, ihr Neujahrsfest Matariki. Diese uralte Zeremonie wird immer populärer. In dem kleinen Land wird auch die bikulturelle Förderung groß geschrieben.

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          Der Himmel über Wellington hat schon Sterne gesehen: Sie kamen aus Hollywood, zur Premiere des „Herrn der Ringe“, und sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift „I love NZ“. Doch daß dieser neuseeländische Himmel plötzlich selbst zum Star wird, damit scheint er nicht gerechnet zu haben: An diesem Morgen versteckt er sich hinter dichten Wolken. Es ist sechs Uhr früh und - mitten im tiefen antipodischen Winter - noch stockdunkel. Festlich gekleidete Menschen schieben sich auf die Terrasse des imposantesten Gebäudes der Stadt, dem modernen Museumskomplex Te Papa, direkt am Hafen der neuseeländischen Hauptstadt. Heute früh wird das Museum Stunden vor der Öffnungszeit sanft geweckt: Te Papa ist zugleich die Arena eines Festes, von dem viele Neuseeländer nicht einmal wissen, daß es existiert: Matariki, das Neujahr der Maori.

          Die offizielle Zeremonie feiert den ersten Neumond nach dem Auftreten des Siebengestirns am Firmament. Doch nicht Böller oder Silvesterraketen, Trompetenmuscheln sind im Einsatz: Die Töne des traditionellen Instrumentes heben sich in den verhangenen Morgenhimmel. Es klingt wie das sanfte Tuten von Schiffen. Frauen stimmen wechselseitige Begrüßungsgesänge in Maori an. Eine der Ältesten spricht ein dröhnendes Karakia, ein Maori-Gebet, das den Himmel und die Erde beschwört. „Ja, so ist es“, antwortet die Gruppe im Chor. Es sind Museumsangestellte von Te Papa und Würdenträger der Stadt, Maori-Gelehrte und Stammesoberhäupter samt Familien. Einige alte Damen haben weiße Albatros-Federn im Haar: Zeichen von Kraft und Weisheit, über Generationen vererbt.

          Höhepunkt der festlichen Stimmung

          Als die Klänge und Gesänge unter dem freien Himmel verstummen und die Menschen sich ins Innere von Te Papa schieben, zeigt ein junger Mann aufgeregt auf ein Funkeln am Horizont: „Da drüben, das ist Matariki!“ Die Plejaden meint der Mann entdeckt zu haben, nach denen in diesem Moment Zehntausende von Neuseeländern Ausschau halten. Aber das Siebengestirn, das sich auf der Südhalbkugel nur um diese Jahreszeit zeigt, hält sich leider unter den Wolken versteckt. Das Glitzern in der Ferne ist nur die Straßenbeleuchtung von Wellingtons Vorort Wainui.

          Traditionelle Maori zelebrieren den „Haka”
          Traditionelle Maori zelebrieren den „Haka” : Bild: picture-alliance / dpa

          An der festlichen Stimmung ändert das nichts. Das Ritual im Morgengrauen ist der Höhepunkt einer Reihe von Veranstaltungen, die Te Papa anläßlich von Matariki abhält. Es gibt Hip-Hop-Konzerte und Haka (einen Kriegstanz), ein großes Gala-Dinner, Kinderprogramm und Vorträge: Von Flachsflechten über Knochenschnitzereien zum Kanu-Bau wird die Kultur der Urbevölkerung von Aotearoa, dem Land der langen, weißen Wolke, gezeigt. Der offiziell zweisprachige Staat hat nach Jahrhunderten der Unterdrückung seiner Ureinwohner die weltweit fortschrittlichste bikulturelle Förderung. Aber die Mythologie der Maori ist noch lange nicht Allgemeingut.

          Zwar weiß jedes Schulkind, daß nach der Legende der Halbgott Maui einen Fisch aus dem Meer zog, aus dem die Nordinsel Aotearoa entstand. Aber bei Ranginui, dem Himmelsvater, und Papatuanuku, der Mutter Erde, hört das Wissen um die spirituellen Wurzeln meist auf. Die Schöpfungsgeschichte der Maori sieht die beiden fest vereint, bis sie von ihren Söhnen getrennt werden. Darüber ist eines der Kinder so erzürnt, daß es sich die Augen ausreißt, sie in Stücke zerfetzt und ins Weltall wirft. Die „Augen Gottes“ sind die Matariki-Sterne und ihre Bedeutung ein Anker für all jene, die eine Alternative zur eurozentristischen Weltsicht suchen.

          Eine Phase des Neubeginns

          In früheren Tagen war Matariki die Zeit der Ernte, des Einlagerns und Aussähens. Manche Stämme hatten heilige Gärten, deren Ernte den Göttern galt. Die Sterne waren Indikatoren für Wachstum und Pflanzzeiten. Hing das Siebengestirn matt und verschwommen im Himmel, dann bedeutete das einen kalten Winter. Ein klares Leuchten dagegen versprach ein warmes Jahr.

          Da die meisten der 500.000 Maori sich jedoch eher von Big Macs als von selbstangebauten Süßkartoffeln ernähren, hat das gärtnerische Potential heute vor allem symbolische Bedeutung. „Es geht um Neubeginn“, sagt Professor Pou Temara von der Waikato University vor versammeltem Publikum in Te Papa. „Um Matariki zu feiern, muß man durch eine Phase der Trauer gehen. Es ist die Zeit, um an Verstorbene zu denken.“ Er sagt einen göttlichen Spruch auf: „Laß den Tod wie den Zyklus des Mondes sein.“

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