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Neuseeland : Der Delphin hat Haifischzähne

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Flippers Urgroßmutter war eine Dame zum Fürchten: Delphinkopf aus den Kindertagen der Evolutionsgeschichte. Bild: Roland Knauer

Das Waitaki-Tal auf der Südinsel Neuseelands ist ein Bilderbuch aus der Frühzeit der Evolution. Dort gibt die Erde Fossilien frei, die man nirgendwo sonst findet.

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          Ein Hardware Store, ein Tante-Emma-Laden und eine hübsche Kirche mit wuchtigem Wehrturm aus Kalkstein säumen die Landstraße des Hundertzehn-Einwohner-Dorfes Duntroon auf der Südinsel Neuseelands. Es bietet den Farmern der Umgebung alles, was sie für den Alltag zwischen Schafweiden und Weizenfeldern benötigen. Nichts aber scheint den Besucher aus dem fernen Europa auf dem Weg zwischen dem Mount-Cook-Nationalpark mit seinen funkelnden Gletschern und der Pazifikküste mit ihren fotogenen Felsformationen in dieser Ministadt aufhalten zu können. Erst der große Schriftzug auf einem Gebäude bringt die Durchreisenden dann doch zum Anhalten: "Vanished World Centre" steht da - eine "verschwundene Welt" macht immer neugierig.

          Der Eintrittspreis ist mit umgerechnet zwei Euro moderat, einer Reise in die verschwundenen Welt steht also nichts im Weg. Drinnen erfährt der Besucher aus Übersee, dass sich die Kalksteine der Nord-Otago genannten Region nicht nur hervorragend zum Bau von Kirchen eignen. Manchmal tauchen aus einem Steinbruch auch versteinerte Knochen auf. Sie sind fünfundzwanzig Millionen Jahre alt. Man sieht etwa den Kiefer eines Delfins, mit dem aber irgendetwas nicht zu stimmen scheint: Die lange Reihe scharfer Zähne passt nicht recht in den Kiefer, der eher wie ein Schnabel aussieht. Genau solche Funde machen das Waitaki-Tal zu einem Dorado der Paläontologen, weil die Versteinerungen dort jedem Laien nicht nur die Evolution der Wale, Delphine und Pinguine zeigt, sondern auch demonstriert, wie sich das Leben überhaupt entwickelt hat. Der Ausgräber dieser Schätze, Ewan Fordyce von der Otago University in Dunedin, hält diese Versteinerungen deswegen für ein Weltkulturerbe, das er auf eine Stufe mit dem Kölner Dom und dem Yellowstone-Nationalpark stellt. Also sollen auch Neuseeländer und alle Besucher dieser jungen Nation im Südpazifik die Chance haben, die Funde zu bewundern.

          Mit der Steinsäge am Werk

          Das Schaffen solcher Touristenattraktionen gehört allerdings auch in Neuseeland nicht zu den Kernaufgaben eines Universitätsforschers. Wie viele seiner Landsleute schert sich Ewan Fordyce jedoch wenig um solche Richtlinien. Er packt das Notwendige einfach an. Und da viele Pensionäre im Land sich auch nach dem Berufsleben noch für die Gesellschaft engagieren, finden sich Helfer. Mit ihnen hat Ewan Fordyce im Waitaki-Tal nicht nur das Vanished World Centre aufgebaut, sondern auch noch einen Lehrweg angelegt, auf dem Neugierige sowohl die Geowissenschaften als auch die Paläontologie kennenlernen können.

          Schatzkiste: Ewan Foryce bei der Arbeit

          An der Stelle des heutigen Waitaki-Tals plätscherte jahrmillionenlang ein flaches Meer. Aus den Schalen toter Muscheln und Krebse bildete sich am Grund dieses Meers der Kalk, aus dem mehr als zwanzig Millionen Jahre später die Kirche in Duntroon und die Brücke über dem Waianakarua-Fluss gebaut wurde, die eine der Stationen auf dem Geo-Weg ist. Auch tote Delphine und Pinguine sanken auf den Grund, manchmal blieben ihre Knochen als Versteinerungen erhalten. Später hoben die Kräfte des Erdinneren die Kalksteinschicht über den Meeresspiegel. Aus diesem Grund ragt aus der Abbruchkante eines Steinbruchs manchmal der versteinerte Schädel eines Delphins hervor. Oder die Wellen des Pazifik waschen aus den Felsen am Ufer den Knochen eines Tieres frei. Meist wird das Fossil dann von den Elementen zerstört. Es sei denn, ein Bauarbeiter verständigt die Universität in Dunedin, oder Ewan Fordyce ist zufällig gerade selbst am Strand. Dann schneidet der Forscher rasch mit einer Steinsäge das Fossil aus dem Fels heraus. "Einen Tag später ist vielleicht alles von den Wellen zerstört", sagt er.

          Miniaturhöhlen im Kalk

          Die geologische Geschichte des Waitaki-Tals ist einmalig. Nur dort tauchen immer wieder versteinerte Delphine, Wale und Pinguine auf, die zwischen vierundzwanzig bis zweiunddreißig Millionen Jahre alt sind; überall sonst auf der Welt sind solche Funde extrem selten, und noch ältere hat es bisher nirgendwo gegeben. Deshalb hat sich Ewan Fordyces Anfangsverdacht zur Gewissheit verdichtet: Die Wale und Delphine müssen genau in dieser Zeit entstanden sein, das Waitaki-Tal ist also eine Art Fotoalbum aus der Kinderstube der Meeressäuger.

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