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Neukaledonien : Die schwierige Liebe zum Stiefmutterland

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Und doch gibt es nicht nur Begeisterung. Viele Melanesier hätten das Kulturzentrum lieber im Norden von Grand Terre gesehen, dort, wo die meisten von ihnen leben, dort, wo ihre Kultur viel stärker verankert ist als in der europäisch dominierten Hauptstadtregion um Nouméa. Aus dem Norden stammte auch der Namensgeber Jean-Marie Tjibaou, der bislang einflussreichste und besonders verehrte Kanak-Politiker. Viele Einheimische haben deshalb das Gefühl, dass das Kulturzentrum weniger für sie als für die Touristen gebaut wurde. Und da es eine schwierige und zeitraubende Reise vom Norden der Insel nach Nouméa ist, haben sie wohl nicht ganz unrecht.

Nickel im Korallenriff

Kritische Töne sind auch zu hören über ein gigantisches Vorhaben, das derzeit im Süden Neukaledoniens verwirklicht wird. Mehr als zwei Milliarden Euro wurden in eine Anlage investiert, die mit einem neuartigen Verfahren den Abbau von Nickel auf der Insel in bislang ungeahntem Ausmaß vorantreiben wird. Schon seit Jahrzehnten ist Nickel die wichtigste Einkommensquelle, doch die neue Technik erlaubt nun auch die Ausbeutung von Boden mit äußerst geringem Metallgehalt, und mit dem aktuellen Rohstoffboom scheint das Geschäft erst richtig ins Rollen zu kommen. Experten schätzen, dass derzeit ein Viertel, vielleicht sogar ein Drittel aller Nickelvorkommen auf der Erde in Neukaledonien liegt. Dass saurer Regen, Bodenerosion und Abwässer eine akute Gefahr für die Flora und Fauna von Lagune und Korallenriff bedeuten, wird von dem internationalen Konzern, der den Nickelabbau im kommenden Jahr beginnen wird, bestritten. Umweltschützer freilich schlagen Alarm, finden aber angesichts der ungeheuren Gewinnerwartungen und des damit erhofften Wachstums der neukaledonischen Wirtschaft wenig Gehör.

Der Süden von Grand Terre war schon in der Vergangenheit Schauplatz eines rücksichtslosen Umgangs mit der Natur. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden dort im großen Maßstab die Urwälder abgeholzt. In der unfruchtbaren, mit vielen Metallen durchsetzten Erde waren die Bäume nur extrem langsam gewachsen, das Holz der kerzengeraden Stämme daher von ganz besonderer Härte. Weit verbreitet waren und sind die "pins colonnaires", verschiedene Araukarienarten, die zum Teil nur in Neukaledonien vorkommen.

Landschaft aus roter Erde

Im Süden der Insel sind an manchen Stellen mehr als neunzig Prozent aller Pflanzen endemisch. Sie haben sich über Jahrmillionen an den Mangel an Wasser und Stickstoff im metallischen Boden angepasst. Einige sind sogar Fleischfresser und holen sich das Nötige zum Überleben durch Einfangen von Insekten. Viele Pflanzen stammen noch aus der Ära von Gondwana, dem einstigen Großkontinent auf der Südhalbkugel. Seit sich Neukaledonien vor fünfundachtzig Millionen Jahren von Australien abgespalten hat, haben sie sich genetisch kaum verändert.

Die radikale Abholzung mag ein Umweltfrevel gewesen sein, doch hinterlassen hat sie eine Landschaft aus roter Erde, die von einer bizarren und erhabenen Schönheit ist und vor allem in der Abendsonne geradezu überirdisch erstrahlt. Inzwischen ist der Boden teilweise schon wieder überzogen mit einer Macchia aus buschigen, dornigen und immergrünen Pflanzen, und im Naturpark Rivière Bleue ist sogar intensiv mit der Wiederaufforstung begonnen worden.

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