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Neukaledonien : Die schwierige Liebe zum Stiefmutterland

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Auch wenn die Regierung in Paris in den vergangenen Jahren immer mehr Autonomie zugelassen hat, ist ein zuverlässiger Weg in die Zukunft noch nicht gefunden. Richtig zufrieden, so scheint es, sind weder die Melanesier, von denen viele die vollständige Unabhängigkeit Neukaledoniens und einen eigenständigen Staat Kanaky fordern, noch die Caldoches, die mit den politischen Entscheidungen aus dem französischen Mutterland zwar oft kräftig hadern, aber von Unabhängigkeit dennoch wenig halten. Kaum Grund zur Klage sehen lediglich die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zugewanderten Franzosen, die sich in Neukaledonien niedergelassen haben, um dort ihr ganz persönliches "Frankreich in der Südsee" zu genießen.

Tradition und futuristische Moderne im Einklang

Thema in den Gesprächen mit Einheimischen sind auch immer wieder die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Melanesiern und französischer Administration, die ihren Höhepunkt zwischen 1984 und 1988 erreichten. Ein wenig verschämt bezeichnet man sie als "événements", Ereignisse, die schließlich zu einem politischen Waffenstillstand geführt haben, der bis heute andauert. Spätestens im Jahr 2018 soll es zu einem Referendum über die Unabhängigkeit kommen, doch je näher der Termin rückt, desto heftiger wird wohl der Streit darüber entbrennen, wer daran teilnehmen darf, vor allem ob die gerade zugewanderten Franzosen stimmberechtigt sein werden oder nicht. Sie gelten in ihrer großen Mehrheit als Gegner der Unabhängigkeit und könnten in der Abstimmung den Ausschlag geben.

Dem politischen Kompromiss nach dem Konflikt zwischen Melanesiern und Franzosen verdankt sich auch das schönste Gebäude der Insel, das viele Kritiker sogar für eines der überragenden Bauwerke zeitgenössischer Architektur halten. Die französische Regierung zeigte sich damals zur Versöhnung spendabel, und die Melanesier haben den europäischen Star- architekten Renzo Piano ausgewählt, um ein Gebäude zu entwerfen, in dem sie ihre Kultur bewahren und präsentieren können. Renzo Piano hat mit dem Tjibaou-Kulturzentrum am Stadtrand von Nouméa ein Meisterwerk geschaffen. In den glänzenden Metallstreben des Gebäudes erkennt man die unverwechselbare Handschrift des Architekten, der sich in seinem Entwurf aber gleichzeitig eng an die Formensprache der melanesischen Kultur gehalten hat. Die runden Kanak-Hütten, die bis heute überall im Land zu finden sind, hat er in zehn unterschiedlich hohen Gebäudeelementen stilisiert, vergrößert und mit einer transparenten Leichtigkeit versehen, die melanesische Tradition und futuristische Moderne auf großartige Weise in Einklang bringt.

Das Erbe von Emil Nolde

Neben einer Bibliothek und zahlreichen Konferenzräumen besitzt das Kulturzentrum einen Museumskomplex, der sich der Kunst aus dem pazifischen Raum widmet. Eine Abteilung präsentiert traditionelle Holzskulpturen und Masken, die zwar mehrere Jahrhunderte alt sind, mit ihrer abstrakten und klar umrissenen Gestaltung aber wie eigens für Renzo Pianos museale Hülle geschaffen scheinen. Unwillkürlich denkt man an die Maler der Klassischen Moderne in Europa, die sich bei ihrem künstlerischen Aufbruch von der Tradition Ozeaniens inspirieren ließen. Emil Nolde und Max Pechstein befassten sich auf ausgedehnten Reisen intensiv mit melanesischen Kunstformen. In Europa blieb diese Auseinandersetzung nur eine vorübergehende Phase, in Ozeanien hingegen gibt es eine auffällige Kontinuität, die sich eindrucksvoll in der zeitgenössischen Abteilung des Museums widerspiegelt. Die Sammlung moderner Werke umfasst siebenhundert Gemälde, Skulpturen und große Objekte aus Melanesien, Mikronesien, Polynesien, Australien und Neuseeland. Sie sind farbig, mystisch und expressiv und sprühen vor Leben und Phantasie.

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