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Nantes : Quietschente weckt Dornröschen

  • -Aktualisiert am

Längst nicht mehr das einzige Touristenziel: der Hafen von Nantes Bild: picture-alliance/ dpa

Nantes erlebt zurzeit eine erstaunliche Metamorphose. Früher abschätzig „die schlafende Stadt“ genannt, wird sie heute in Frankreich für ihre Frische und Energie gerühmt. Grund ist die Kultur, die immer mehr Touristen anzieht.

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          Ernst ist der Blick, mit dem Anne de Bretagne ihr Schloss betrachtet, viel zu ernst. Als Bronzestatue wacht sie, vor den Toren stehend, über ihr ehemaliges Anwesen. Schön und anmutig lässt sie der Bildhauer Jean Fréour aussehen, er ist um einiges wohlwollender als die Maler, die sie zu Lebzeiten porträtierten. Damals, im Mittelalter, residierte im Château des ducs de Bretagne Annes mächtige Familie, doch danach verschwand der Glanz für lange Zeit aus Nantes. Erst seit kurzem ist die Stadt wieder so attraktiv, dass die Herzogin allen Grund zum Lächeln hätte.

          Nantes erlebt zurzeit eine erstaunliche Metamorphose. Früher abschätzig „die schlafende Stadt“ genannt, wird sie heute in Frankreich für ihre Frische und Energie gerühmt. Der Kuss, mit dem die Stadtväter ihre Heimat aus dem Dornröschenschlaf weckten, war die Kultur. Durch geschickte Politik und immense Investitionen haben sie Nantes einen neuen Ruf verschafft, der künftig auch im Ausland wahrgenommen werden soll. Denn als Touristenort war die Stadt bislang aus gutem Grund unbekannt: zu schmucklos, zu schlicht, zu bieder.

          Mahnmal für die industrielle Erblast der Stadt

          Die architektonische Tristesse ist allerdings nicht aus dem Stadtbild verschwunden, das unansehnliche Hochhaus Tour de Bretagne ragt noch immer im Zentrum als Mahnmal für die industrielle Erblast der Stadt gen Himmel. Die meisten Einwohner arbeiteten früher im Hafen oder in der Butterkeksfabrik LU. Heute ist Airbus mit zweitausend Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber, dessen Fabrik in einem Vorort steht. Auch LU ist an den Rand der Stadt abgewandert und hat Platz für neues Leben im Zentrum gemacht.

          Die Voraussetzungen von Nantes sind also nicht schlecht: Arbeit gibt es genug, mit dem TGV erreicht man Paris in zwei Stunden, der Atlantik liegt praktisch vor der Tür. So ist es kein Wunder, dass zwischen 1990 und 2000 die Bevölkerung um ein Zehntel wuchs. Und Nantes ist eine junge Stadt: Fast zwei Drittel der Einwohner sind jünger als vierzig Jahre. Tagsüber sieht man viele Familien durch die Innenstadt spazieren, zu späterer Stunde werden die Gassen von Nachtschwärmern bevölkert. Vergangen scheint die Zeit der Depression.

          Die Idee von Nantes ist so bekannt wie bewährt

          Dem Zuzug der Franzosen soll nun der Ansturm der Touristen folgen. Die Idee von Nantes, mit dem Pfund der Kultur zu wuchern, ist so bekannt wie bewährt. Bilbao hat es erfolgreich mit dem Museo Guggenheim vorgemacht, Abu Dhabi wird hundertneunzig Millionen Euro für Kunstleihgaben unter anderem aus dem Louvre zahlen, und Schanghai plant eine Centre-Pompidou-Filiale. Nantes kann sich den Import von renommierten Ausstellungen allerdings nicht leisten und schafft sich deswegen seine eigenen Kunstwerke. Herz und Hirn dieser Umwandlung ist das Fabrikgebäude von LU, das vor sechs Jahren zum Kulturzentrum „Lieu Unique“ umfunktioniert wurde.

          Es wird von Jean Blaise geleitet, dessen Erscheinung dem Bild des idealtypischen Kreativen perfekt entspricht: Blaise, der Initiator der „Nuit Blanche“, einer Kulturnacht, die in Paris zum ersten Mal stattfand und seither in der ganzen Welt ihre Ableger hat, sitzt ganz in Schwarz gekleidet mit einer schicken, etwas zersaustem Frisur und einer dickgerahmten Brille an seinem Holztisch, während seine Mitarbeiter teils auf dem Boden liegend über Entwürfen brüten. Wüsste man nicht um die anstehenden Projekte, die hier koordiniert werden müssen, könnte man das Ganze mit seiner kreativen Leichtigkeit für inszeniert halten.

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