https://www.faz.net/-gxh-78g70

Namibia : Gegen Speikobras empfehlen wir Schrotflinten

Die Natur als Brückenbauer: In den Erongo-Bergen im Herzen von Namibia, einer der ältesten geologischen Formationen der Erde, haben Wind und Wetter ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und aus dem Stein lauter Skulpturen geschliffen. Bild: IMAGO

Wir fuhren nach Namibia, um wilde Tiere zu sehen und die ältesten Landschaften der Erde. Mit dem Erbe von Deutsch-Südwestafrika wollten wir nichts zu schaffen haben. Doch wir entkamen ihm nicht und waren verblüfft.

          10 Min.

          Frau Kugel hatte einen Traum. Seit sie zum ersten Mal nach Ameib in den Erongo-Bergen gekommen war und all die Wunder gesehen hatte, wollte sie hier leben. Irgendwann war genug Geld da, um der Hauptstadt Windhoek den Rücken zu kehren und die Ameib Ranch mitsamt einem der spektakulärsten Naturschauspiele Namibias zu kaufen. Frau Kugel züchtete Vieh, baute eine Handvoll Gästebungalows, und da ihr Herz groß ist und ihre Mildtätigkeit grenzenlos, hatte sie eines Tages viel zu viele Angestellte und dreihundert Katzen, die immerhin dafür sorgten, dass sich keine Giftschlange der Farm zu nähern wagte. Jetzt ist Frau Kugel alt und krank, hat ihren Besitz notverkaufen müssen, genießt wenigstens lebenslanges Wohnrecht und erzählt all das ohne eine Spur von Verbitterung mit einem wunderbaren, wenngleich lückenhaften Lächeln in makellosestem Hochdeutsch. Sie klagt das Schicksal nicht an, trauert nicht den alten Tagen nach, schwärmt stattdessen von den guten neuen Zeiten seit der Unabhängigkeit 1990, ist auch im Greisenalter noch von glühender Heimatliebe beseelt, nennt sich stolz eine „Deutschnamibierin“ und sagt, dass man vom Leben nicht mehr erwarten könne, als am schönsten Ort auf Erden leben zu dürfen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wir hätten nicht gedacht, dass es die stille Frau Kugel gerne so dramatisch hat. Denn ihr schönster Ort auf Erden ist ein Fanal der Schönheit des Schreckens, ein steinernes Memento mori der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. Kaum eine geologische Formation des Planeten ist älter als Erongo, schon vor hundert Millionen Jahren gab es diese Ungetüme aus rotem Granit. Und in hundert Millionen Jahren hat die Erosion mit ihrer Unerbittlichkeit hier so ungeheuerliche Dinge geschaffen, dass sie uns an unserem Verstand zweifeln lassen: Ist das alles hier wirklich nur von Wind und Wasser modelliert worden? Wie können allein zwei Elemente einen Elefantenschädel so präzise wie die Sphinx von Gizeh aus einer Bergflanke schälen? Waren es nicht doch titanische Bildhauer mit Zyklopenmeißeln? Oder hunderttausend Generationen von Strafgefangenen, die Erongo zerhackt, zerschmettert, zerstückelt, zerstört und ganze Bergmassive in gigantische Steinbrüche verwandelt haben?

          Die absurde Akribie der feuerroten Termitenhügel

          Manche Gipfel haben sich in fragile Zinnen und Zacken aufgelöst, als seien sie sturmreif geschossen worden. Andere sind übersät mit Bohrlöchern und Bruchlinien, als habe ein himmlischer Sprengmeister hier ganze Arbeit geleistet. Und wieder andere Berge bestehen nur noch aus runden Felsen, aus Monstermurmeln, Riesenkieselsteinen, Steinpilzungetümen, die so tollkühn aufeinandergestapelt sind, als seien sie von einem göttlichen Kind dort drapiert und nicht von Wind und Wetter aus dem Steinmassiv geschliffen worden. Einige Granitkugeln, groß wie Mehrfamilienhäuser, sind schon ins Tal gerollt und haben die Phantasie der Menschen angeregt, so wie bei der „Bull’s Party“, deren Steinbälle in Wahrheit die versteinerten Hoden monströser mythischer Bullen sein sollen. Doch das Unglaublichste ist: All diese Kugeln hier, die in jedem anderen Land längst von einem Nationalpark geschützt wären, haben bis vor kurzem Frau Kugel gehört.

          Wir sind stundenlang durch diesen Skulpturenpark gewandert, fassungslos berauscht vom Granit, der manchmal so fein gemasert ist wie vatikanischer Bernini-Marmor und manchmal so filigran schwarzweiß betupft wie Wachteleier. Und dann sind wir zu einer Grotte hoch oben in den Bergen hinaufgestiegen, in der die Ureinwohner Namibias rätselhafte Felszeichnungen hinterlassen haben, einen Elefanten etwa, in dessen Bauch eine Antilope steckt. Hier oben saßen wir lange, haben über die zertrümmerten Berge von Erongo geblickt, hörten den Wind pfeifen, sahen die Blitze eines Gewitters zucken, beobachteten die Erosion in ihrem Atelier bei ihrer Hundert-Millionen-Jahre-Arbeit und bekamen eine Ahnung davon, was Zeit wirklich bedeutet und wie lächerlich Stunden, Tage, Jahre, Jahrtausende sind.

          Namibia ist ein Land, in dem man viel Zeit braucht und noch viel mehr Geduld. Es ist fast dreimal so groß wie Deutschland, wird aber nur von zwei Millionen Menschen bewohnt und gilt nach der Mongolei als der am dünnsten besiedelte Staat der Erde. Namibias Leere ist keine leere, statistische Drohung, sondern der stumme Begleiter bei jeder Fahrt durch die Einsamkeit einer Welt, die jede Ungeduld mit einer Extradosis Monotonie bestraft. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als kontemplativ oder verrückt zu werden, wenn man durch das Land reist, stundenlang auf schnurgeraden Straßen, vorbei an Farmen, die so groß sind wie kleine Bundesländer, vorbei an der immer gleichen Vegetation aus Akazien, Kameldorn und Bitterbusch. Man freut sich über jede Abwechslung, und sei es nur eine Familie Warzenschweine, eine Horde Baboos, eine Herde Springböcke. Man studiert irgendwann mit absurder Akribie die Form der feuerroten Termitenhügel am Straßenrand, die sich wie tausend Variationen von Breughels Turmbau zu Babel aus der Kalahari erheben. Und manchmal sieht man ganz hinten am Horizont das Haus eines Farmers, verloren in rettungsloser Einsamkeit wie ein Stück Treibholz in einem staubtrockenen Ozean der Ödnis, fünfzig, hundert Kilometer vom nächsten Treibgut entfernt. Wie hält man es dort aus? Mit Misanthropie? Mit Philosophie? Mit Einfältigkeit? Mit einer Eremitenseele?

          Eine Oase, buchstäblich auf Kupfer erbaut

          Noch immer ist Namibia ein Sehnsuchtsland, nicht mehr für kaiserliche Untertanen wie einst, die ihr Herrenmenschenplätzchen an der Sonne suchten, sondern für patentere Auswanderer, die in der Einsamkeit Namibias ihre Freiheit finden wollen und dabei bis heute auf ein Geflecht aus deutschen Vertrautheiten treffen. Wir begegneten einem Kürschner von Räuber-Hotzenplotz-Statur, der ausgewandert ist, um Skulpturen aus dem Wurzelholz des Eisenbaums zu schnitzen, und einem Großbäcker aus dem Sächsischen, der jetzt eine Lodge betreibt und nebenbei Geparden großzieht. Wir überquerten ausgetrocknete Flussbetten, die „Bismarck“ oder „Teufelsbach“ heißen, und zuckten in den Supermärkten der allgegenwärtigen Marke Spar vor der „Deutschen Ecke“ zusammen, in der Tütensuppen, Dosenravioli und Maggi-Würze das germanisch-kulinarische Unheil in der Weite Südwestafrikas unbeirrt weiterverbreiten. Und wir begegneten immer wieder „Deutschnamibiern“, die in vierter Generation im Land leben, voller Stolz von ihren Urgroßvätern erzählen und völlig frei von Kaiser-Wilhelm-Nostalgie oder Pickelhauben-Revanchismus sind - so wie in Tsumeb, einem schönen Gartenstädtchen im Nordosten Namibias, in dem die quälende Trockenheit des Landes ausnahmsweise einmal eine Atempause macht.

          Tsumeb ist eine Oase, umringt von Maisfeldern, Mangobäumen und Orangenplantagen, geschmückt von Abertausenden Jacaranda-Bäumen, die im Frühjahr ihre lilafarbenen Blüten über die Stadt streuen wie duftendes Konfetti, beherrscht in ihrem Zentrum von einem großen Park, um den sich neogotische Kirchen aus der Kaiserzeit und Villen auf fußballfeldgroßen Grundstücken scharen. Denn Tsumeb ist reich, dem Kupfer sei Dank, dem der Ort seine Existenz und sein Geld verdankt und wahrscheinlich auch sein Glück. Und daran, dass Tsumeb buchstäblich auf Kupfer gebaut ist, erinnert ein Förderturm mitten in der Stadt, ein rostendes Wahrzeichen, denn gefördert wird nichts mehr, wohl aber Kupfer noch geschmolzen, das aus aller Welt herbeigeschafft wird.

          Das erste Haus am Platz kann da gar nicht anders als Minen Hotel heißen. Vor hundert Jahren begann es als Baracke mit Bar, wuchs dann zu einem repräsentablen Haus rund um einen tropischen Garten mit Bougainvilleen, Oleander und Magnolien heran, ist seit alters berühmt für seine deutsche Küche, führt auf der Karte unerschütterlich Toast Hawaii, Birne Helene und Strammen Max, doch das ist nicht so schlimm, solange die Ewiggestrigkeit kulinarisch bleibt. Geführt wird das Hotel von Herrn Radenberg, den alle nur Max nennen und der kein strammer Generaldirektor, sondern ein freundlicher, zurückhaltender Mann Mitte dreißig ist, „Deutschnamibier“ aus Überzeugung, stolzer Nachfahre seines Urgroßvaters, „neunzehnnullvier aus Moers nach Namibia gekommen“, mit der alten Heimat noch immer freundschaftlich verbunden - „einmal im Jahr gehe ich rüber“ -, ansonsten aber der neuen Heimat genauso leidenschaftlich zugetan wie die gute alte Frau Kugel.

          Ein einträchtiges Bier im Minen Hotel

          „Die Unabhängigkeit hat uns Namibier zusammengeschweißt“, sagt Max Radenberg. „1990 saßen bei mir in der Klasse plötzlich auch schwarze Kinder, doch das war überhaupt kein Problem. Wir haben einfach zusammen Fußball gespielt.“ Namibia sei eben ein Land der vielen Ethnien, und die Deutschen seien eine davon, so einfach sei das. „Wir trinken mit den Ovambos oder den San ein Bierchen, dann geht jeder wieder seines Weges und lebt sein eigenes Leben.“

          Überhaupt sei Namibia ja gar kein richtiges Afrika, kein Uganda oder Ruanda, wo sich die Rebellen gegenseitig auf die Schnauze hauten. Hier sei alles schon immer entspannter gewesen, sogar zu den unseligen Apartheid-Zeiten während der südafrikanischen Zwangsherrschaft. „Bei uns in der Bar hockten schon 1982 schwarze Swapo-Kämpfer gemeinsam mit weißen Farmern am Tresen. Wir waren das einzige Hotel in ganz Namibia, in dem das möglich war“, sagt Max Radenberg mit einem scheuen Triumphlächeln. Und genauso entspannt wie einst geht es heute noch in der Kneipe zu, in der Schwarze Weiße bedienen und Weiße Schwarze und alle geruhsam ihr Bier unter deutschen Wappen, deutschen Bierkrügen und deutschen Sinnsprüchen wie diesem trinken: „Es grünt die Tanne, es wachse das Erz, Gott schenke uns allen ein fröhliches Herz. Glück auf!“

          Moses Khumub geht eher selten ins Minen Hotel, um ein Bierchen zu trinken. Er hat genug damit zu tun, sein Tourismusprojekt voranzubringen und so zumindest einigen Angehörigen seines Volkes eine Lebensperspektive zu geben. Denn auch das ist die Wirklichkeit Namibias: Nur weil es kaum Rassismus gibt, bedeutet das noch lange keine Chancengleichheit. So besitzen die viertausend überwiegend weißen Großfarmer mehr Grund als der gesamte Rest der Bevölkerung zusammen. Und ein schwarzer Hotelier oder Tourismusunternehmer ist immer noch eine Rarität - so wie Moses Khumub, der ein San ist, die man früher Buschmänner nannte und nicht mehr so nennen darf, und der als erster Vertreter seines Volkes überhaupt eine Hochschule besuchte.

          Die grandiose, höllenheiße Hitzefalle

          Ein paar Kilometer nördlich von Tsumeb betreibt er als Kopf einer San-Kooperative einen Campingplatz, erweitert ihn gerade um ein paar Gästebungalows, muss sich dabei mit schwerfälligen Bürokraten und hinterlistigen Geschäftspartnern herumplagen und verliert trotzdem nicht den Glauben an das Gute im Menschen. Dafür wäre es mit dreiunddreißig auch noch ein bisschen zu früh.

          Dabei hat Moses Khumub Grund genug, an der Gerechtigkeit des Schicksals zu zweifeln. Sein Volk lebt in bitterer Armut, steht auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie, verdingt sich als Tagelöhner auf den großen Farmen, hat kaum Bildungschancen, weil die San-Kinder zu Hause kein Englisch lernen, in der Grundschule Englisch aber die Hauptunterrichtssprache ist. Zu allem Übel ist auch noch Aids wie eine biblische Plage über die San hereingebrochen, seit eine Straße von Tsumeb nach Norden gebaut wurde und sich viele San-Mädchen aus purer Not und Verzweiflung mit infizierten Wanderarbeitern eingelassen haben. Man fürchtet, dass die Hälfte aller jungen Frauen in der Gegend HIV-positiv sind. Der Gipfel der Schicksals- und Nackenschläge aber sei, sagt Moses Khumub mit einer unerschütterlich sanftmütigen Stimme, dass die San seit 1907, seit der Vertreibung aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet in Etosha, ihrer kulturellen Wurzeln beraubt seien. Das sei eine Tragödie, die kein Ende nehme. Denn die Gräber der Ahnen seien ihre heiligsten Stätten, dort sprächen die San mit den Toten, wenn sie Rat suchten, und die Gräber lägen jetzt im Etosha-Nationalpark, in dem niemand mehr wohnen dürfe außer Löwen und Elefanten.

          Es gehört viel Mut und viel Todesverachtung dazu, in Namibias berühmtestem und ältestem Naturschutzgebiet leben zu wollen. Denn der zwanzigtausend Quadratkilometer große Etosha-Park ist eine grandiose, höllenheiße Hitzefalle, in der fünfzig Grad keine Seltenheit sind und schon dreißig Grad mitteleuropäische Menschen fast in den Wahnsinn treiben - wir haben literweise Wasser in unseren Körper hineingeschüttet, ohne den geringsten Effekt, es versickerte einfach, als seien wir ein Fass ohne Boden. Kein Lufthauch sorgt in der brettflachen Endlosigkeit für Linderung, kaum eine Akazie spendet Trost und Schatten, keine Wolke mildert das gleißende Licht, das vom kalksteinweißen Boden gnadenlos reflektiert wird und so die Hitze noch potenziert. Himmel und Erde scheinen von den mörderischen Temperaturen zusammengeschweißt zu sein, und gäbe es an der Nahtstelle des Horizonts nicht ab und zu ein paar Giraffen, die sich wie Bäume auf Beinen fortbewegen, fände das Auge überhaupt keinen Halt.

          Genüsslich knabbert die Löwin an der Kudu-Haxe

          Und als wir glaubten, Namibias Leere und Weite habe sich nun endgültig auf die eigene Spitze getrieben, kamen wir zur Etosha-Pfanne und verstummten. Denn dieser ausgetrocknete See, unfassbare fünftausend Quadratkilometer groß, die größte Salzpfanne auf Erden, so heiß, dass man darin Eier und auch Menschen braten könnte, ist eine spiegelglatte, schneeweiße, totenstille, lebensleere Fläche, die aussieht, wie die Welt ausgesehen haben mag, bevor der Schöpfer mit seiner Schöpfung begann, oder wie sie aussehen wird, wenn sich der Rauch der Apokalypse gelichtet hat. Wir sind ein paar Kilometer in die Pfanne hineingefahren, fehlgeleitet von Fata Morganas, von Brandungen, die wir sogar zu hören glaubten, und standen dann inmitten des existentialistischen Nichts. Wer jemals glaubt, des Lebens überdrüssig zu sein, sollte ein paar Minuten in diesem irdischen Totenreich verbringen. Er wird danach dürsten nach dem Leben.

          Menschen sind Memmen. Das sagen sich wahrscheinlich die Tiere, die zu Hunderttausenden den Etosha-Nationalpark bevölkern. Allein die Zahl der Zebras, die immer ein wenig wie Kinderspielzeug aussehen, und der eleganten Springböcke, die wie Ballerinas auf Spitzen durch die Savanne zu tänzeln scheinen, ist geradezu epidemisch. Wir haben auch sehr bald aufgehört, die Oryx-Antilopen mit ihren endlos langen Doppelfloretthörnern zu zählen, oder die Gnus, die mit ihren unförmigen Monsterschädeln und struppigen Haarkämmen aussehen, als seien sie gerade einer prähistorischen Felsmalerei entsprungen. Wir haben Unmengen von Straußen gesehen und uns darüber gewundert, dass ausgerechnet eines der dümmsten Tiere der Wildnis mit einem erbsengroßen Hirn ihr heimlicher König ist; denn der Strauß überwacht mit seinem lächerlich überdimensioniert wirkenden Hals die gesamte Ebene wie mit einem Periskop und rennt bei Gefahr mit siebzig Sachen pro Stunde jedem Feind davon. Noch mehr haben wir über die Webervögel gestaunt, die gigantische Nester mit Aberhunderten von Eingängen in den Akazien bauen und einfach nicht aufhören können, so dass die elefantengroßen Behausungen irgendwann zu Boden krachen - und die Webervögel immer noch weiterbauen.

          Manchmal glaubten wir, all diese friedlich grasenden, im Schatten dösenden, zwischen Bitterbüschen schlendernden Tiere warteten hier nur auf die Abfahrt der Arche Noah. Doch jeder Glaube an Friedfertigkeit ist Illusion in dieser Welt des Fressens und Gefressenwerdens. Wir sahen keine Knochen, weil die verschlagenen Allesfresser von Hyänen selbst sie zernagen. Wir sahen Dutzende von Schakalen, klein wie Füchse, klapperdürr wie Straßenköter, die wohl selbst nicht wussten, ob sie Opfer oder Täter sind. Wir stießen auf fünf Löwinnen, die sich keine fünf Meter von uns entfernt am Straßenrand unter einer Akazie räkelten, miteinander schmusten und sich ganz entzückend liebkosten, bis eine Löwin aufstand, um eine Kudu-Haxe hinter einem Busch hervorzukramen und genüsslich abzuknabbern, der Digestif ihrer letzten erfolgreichen Jagd. Und schließlich sahen wir an einem Wasserloch auch drei mächtige Elefantenbullen, Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem benachbarten Angola, den Rebellen und Wilderern gerade noch entkommen und jetzt in Etosha zweihundert Liter Wasser am Tag trinkend, ein Viertel mehr als ihre Artgenossen in Südafrika, weil es hier so brüllend heiß ist. Wir fühlten uns ihnen plötzlich sehr verwandt.

          Exitusmethode für Puffottern und Schwarze Mambas

          Später sollte uns Herr Pauly in seinem Waffengeschäft in Omaruru die Patronen zeigen, mit denen man Elefanten erschießt, Höllengeschosse mit Mordskaliber, und wir konnten es kaum fassen, dass dieser junge, nette, zuvorkommende Mann mit diesem herzensguten Lächeln und diesen sanftmütigen Augen kein Bettelmönch oder Dorfkirchenprediger ist, sondern mit einem derart todbringenden Sortiment handelt. Doch Herr Pauly kassierte mit seiner entwaffnenden Liebenswürdigkeit alle unsere Waffenhändlerklischees im Handumdrehen ein. Die Namibier seien alles andere als schießwütig, sagte er ohne einen Schimmer des Kummers mit Hinblick auf sein Geschäft, und Gott sei dank gebe es hier keine südafrikanischen Verhältnisse. Aber eine Waffe müsse man unbedingt zu Hause haben, allein schon, wenn man eine Schlange im Haus und einen Schakal im Hühnerstall habe, da sei man froh über eine Schrotflinte. „Oder versuchen Sie mal, eine Speikobra mit einem Stock zu erschlagen, na, dann aber viel Vergnügen, mein Herr.“

          Herr Pauly erzählte uns dann noch die eine oder andere Exitusmethode für Puffottern und Schwarze Mambas, erklärte uns Laien mit engelsgleicher Geduld das offensichtlich ganz hervorragende, weltweit vorbildliche namibische Jagdgesetz, schenkte uns zum Abschied die neueste Ausgabe der örtlichen Jägervereinszeitschrift und wünschte uns mit einem derart überzeugten Lächeln eine schöne Reise, dass wir keinen Zweifel daran hatten, genau diese haben zu werden. Gekauft haben wir allerdings nichts bei Herrn Pauly. Aber wir mussten ja auch keine Speikobras erschießen.

          Das leere Land am Ende Afrikas

          Anreise: Entweder mit Air Namibia mehrmals wöchentlich direkt von Frankfurt nach Windhoek oder mit South African Airways über Johannesburg nach Windhoek. Für die Einreise genügt ein Reisepass.

          Arrangements: Namibia haben alle großen und eine Vielzahl kleinerer Veranstalter im Programm. Der auf kleine Gruppen und Begegnungen mit Einheimischen spezialisierte Veranstalter SKR Reisen (Venloer Straße 47-53, 50672 Köln, Telefon: 0221/933720, www.skr.de ) bietet drei Rundreisen durch Namibia an. Sie dauern zwischen 15 und 20 Tagen, kosten ab 2998 Euro pro Person im Doppelzimmer, führen zu den wichtigsten Attraktionen des Landes wie dem EtoshaNationalpark, der Namib-Wüste oder dem Caprivi-Zipfel und beinhalten teilweise auch den Besuch der Victoriafälle und des Okavango-Deltas. Außerdem gibt es maßgeschneiderte Reisen für Einzelreisende und individuelle Touren für Sondergruppen.

          Informationen: Namibia Tourism Board, Schillerstraße 42-44, 60313 Frankfurt, Telefon: 069/1337360, info@namibia-tourism.com, www.namibia-tourism.com.

          Die Reise wurde von SKR unterstützt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Macrons Besuch im Libanon : Von Reue fehlt bislang jede Spur

          In Beirut wird Emmanuel Macron wie ein Heilsbringer empfangen. Frankreichs Präsident verspricht Hilfe – und mahnt Reformen an. Doch nichts deutet darauf hin, dass in der Politik des Libanon eine neue Ära beginnt. Am Abend werden 16 Hafenmitarbeiter festgenommen.

          Wirtschaftswunder Weiden : Von der Zonengrenze zu „Star Wars“

          Weiden galt lange als Oberzentrum einer strukturschwachen Region. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die Oberpfalz nicht mehr „Zonenrandgebiet“. Mit Corona und Donald Trumps Abzugsplänen droht nun aber neues Ungemach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.