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Namibia : Gegen Speikobras empfehlen wir Schrotflinten

Moses Khumub geht eher selten ins Minen Hotel, um ein Bierchen zu trinken. Er hat genug damit zu tun, sein Tourismusprojekt voranzubringen und so zumindest einigen Angehörigen seines Volkes eine Lebensperspektive zu geben. Denn auch das ist die Wirklichkeit Namibias: Nur weil es kaum Rassismus gibt, bedeutet das noch lange keine Chancengleichheit. So besitzen die viertausend überwiegend weißen Großfarmer mehr Grund als der gesamte Rest der Bevölkerung zusammen. Und ein schwarzer Hotelier oder Tourismusunternehmer ist immer noch eine Rarität - so wie Moses Khumub, der ein San ist, die man früher Buschmänner nannte und nicht mehr so nennen darf, und der als erster Vertreter seines Volkes überhaupt eine Hochschule besuchte.

Die grandiose, höllenheiße Hitzefalle

Ein paar Kilometer nördlich von Tsumeb betreibt er als Kopf einer San-Kooperative einen Campingplatz, erweitert ihn gerade um ein paar Gästebungalows, muss sich dabei mit schwerfälligen Bürokraten und hinterlistigen Geschäftspartnern herumplagen und verliert trotzdem nicht den Glauben an das Gute im Menschen. Dafür wäre es mit dreiunddreißig auch noch ein bisschen zu früh.

Dabei hat Moses Khumub Grund genug, an der Gerechtigkeit des Schicksals zu zweifeln. Sein Volk lebt in bitterer Armut, steht auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie, verdingt sich als Tagelöhner auf den großen Farmen, hat kaum Bildungschancen, weil die San-Kinder zu Hause kein Englisch lernen, in der Grundschule Englisch aber die Hauptunterrichtssprache ist. Zu allem Übel ist auch noch Aids wie eine biblische Plage über die San hereingebrochen, seit eine Straße von Tsumeb nach Norden gebaut wurde und sich viele San-Mädchen aus purer Not und Verzweiflung mit infizierten Wanderarbeitern eingelassen haben. Man fürchtet, dass die Hälfte aller jungen Frauen in der Gegend HIV-positiv sind. Der Gipfel der Schicksals- und Nackenschläge aber sei, sagt Moses Khumub mit einer unerschütterlich sanftmütigen Stimme, dass die San seit 1907, seit der Vertreibung aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet in Etosha, ihrer kulturellen Wurzeln beraubt seien. Das sei eine Tragödie, die kein Ende nehme. Denn die Gräber der Ahnen seien ihre heiligsten Stätten, dort sprächen die San mit den Toten, wenn sie Rat suchten, und die Gräber lägen jetzt im Etosha-Nationalpark, in dem niemand mehr wohnen dürfe außer Löwen und Elefanten.

Es gehört viel Mut und viel Todesverachtung dazu, in Namibias berühmtestem und ältestem Naturschutzgebiet leben zu wollen. Denn der zwanzigtausend Quadratkilometer große Etosha-Park ist eine grandiose, höllenheiße Hitzefalle, in der fünfzig Grad keine Seltenheit sind und schon dreißig Grad mitteleuropäische Menschen fast in den Wahnsinn treiben - wir haben literweise Wasser in unseren Körper hineingeschüttet, ohne den geringsten Effekt, es versickerte einfach, als seien wir ein Fass ohne Boden. Kein Lufthauch sorgt in der brettflachen Endlosigkeit für Linderung, kaum eine Akazie spendet Trost und Schatten, keine Wolke mildert das gleißende Licht, das vom kalksteinweißen Boden gnadenlos reflektiert wird und so die Hitze noch potenziert. Himmel und Erde scheinen von den mörderischen Temperaturen zusammengeschweißt zu sein, und gäbe es an der Nahtstelle des Horizonts nicht ab und zu ein paar Giraffen, die sich wie Bäume auf Beinen fortbewegen, fände das Auge überhaupt keinen Halt.

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