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Namibia : Gegen Speikobras empfehlen wir Schrotflinten

Wir sind stundenlang durch diesen Skulpturenpark gewandert, fassungslos berauscht vom Granit, der manchmal so fein gemasert ist wie vatikanischer Bernini-Marmor und manchmal so filigran schwarzweiß betupft wie Wachteleier. Und dann sind wir zu einer Grotte hoch oben in den Bergen hinaufgestiegen, in der die Ureinwohner Namibias rätselhafte Felszeichnungen hinterlassen haben, einen Elefanten etwa, in dessen Bauch eine Antilope steckt. Hier oben saßen wir lange, haben über die zertrümmerten Berge von Erongo geblickt, hörten den Wind pfeifen, sahen die Blitze eines Gewitters zucken, beobachteten die Erosion in ihrem Atelier bei ihrer Hundert-Millionen-Jahre-Arbeit und bekamen eine Ahnung davon, was Zeit wirklich bedeutet und wie lächerlich Stunden, Tage, Jahre, Jahrtausende sind.

Namibia ist ein Land, in dem man viel Zeit braucht und noch viel mehr Geduld. Es ist fast dreimal so groß wie Deutschland, wird aber nur von zwei Millionen Menschen bewohnt und gilt nach der Mongolei als der am dünnsten besiedelte Staat der Erde. Namibias Leere ist keine leere, statistische Drohung, sondern der stumme Begleiter bei jeder Fahrt durch die Einsamkeit einer Welt, die jede Ungeduld mit einer Extradosis Monotonie bestraft. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als kontemplativ oder verrückt zu werden, wenn man durch das Land reist, stundenlang auf schnurgeraden Straßen, vorbei an Farmen, die so groß sind wie kleine Bundesländer, vorbei an der immer gleichen Vegetation aus Akazien, Kameldorn und Bitterbusch. Man freut sich über jede Abwechslung, und sei es nur eine Familie Warzenschweine, eine Horde Baboos, eine Herde Springböcke. Man studiert irgendwann mit absurder Akribie die Form der feuerroten Termitenhügel am Straßenrand, die sich wie tausend Variationen von Breughels Turmbau zu Babel aus der Kalahari erheben. Und manchmal sieht man ganz hinten am Horizont das Haus eines Farmers, verloren in rettungsloser Einsamkeit wie ein Stück Treibholz in einem staubtrockenen Ozean der Ödnis, fünfzig, hundert Kilometer vom nächsten Treibgut entfernt. Wie hält man es dort aus? Mit Misanthropie? Mit Philosophie? Mit Einfältigkeit? Mit einer Eremitenseele?

Eine Oase, buchstäblich auf Kupfer erbaut

Noch immer ist Namibia ein Sehnsuchtsland, nicht mehr für kaiserliche Untertanen wie einst, die ihr Herrenmenschenplätzchen an der Sonne suchten, sondern für patentere Auswanderer, die in der Einsamkeit Namibias ihre Freiheit finden wollen und dabei bis heute auf ein Geflecht aus deutschen Vertrautheiten treffen. Wir begegneten einem Kürschner von Räuber-Hotzenplotz-Statur, der ausgewandert ist, um Skulpturen aus dem Wurzelholz des Eisenbaums zu schnitzen, und einem Großbäcker aus dem Sächsischen, der jetzt eine Lodge betreibt und nebenbei Geparden großzieht. Wir überquerten ausgetrocknete Flussbetten, die „Bismarck“ oder „Teufelsbach“ heißen, und zuckten in den Supermärkten der allgegenwärtigen Marke Spar vor der „Deutschen Ecke“ zusammen, in der Tütensuppen, Dosenravioli und Maggi-Würze das germanisch-kulinarische Unheil in der Weite Südwestafrikas unbeirrt weiterverbreiten. Und wir begegneten immer wieder „Deutschnamibiern“, die in vierter Generation im Land leben, voller Stolz von ihren Urgroßvätern erzählen und völlig frei von Kaiser-Wilhelm-Nostalgie oder Pickelhauben-Revanchismus sind - so wie in Tsumeb, einem schönen Gartenstädtchen im Nordosten Namibias, in dem die quälende Trockenheit des Landes ausnahmsweise einmal eine Atempause macht.

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 Unsere Autorin: Anna-Lena Ripperger

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