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Nach dem Boom : Aus und Dubai

The Palm, nicht unbedingt eine Oase des guten Geschmacks: Nur Jumeirah, die kleinste der drei aufgeschütteten Inseln, ist vollendet und zu zwei Dritteln bebaut Bild: Reuters

Dubai sollte eine Weltmetropole des 21. Jahrhunderts werden - ein Zentrum des Tourismus, ein Dorado der Reichen und Schönen. Doch die Extravaganz von gestern wird zum Schnäppchen von heute. Nach dem Ende des Booms hat Dubai Mühe, in der Gegenwart anzukommen.

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          Da drinnen, hinter der Scheibe aus Plexiglas, schwimmen dreißigtausend Fische. Oder sind es vierzigtausend? Jedenfalls ist das Wasser hinter der Glaswand dunkel von Fischleibern – Clownfische, Zebrafische, Mantarochen, Katzenhaie, Seeteufel, alles, was das Meer an malerischer Fauna hergibt, tummelt sich hier. Und das Aquarium, das die schuppige Pracht beherbergt, hört am Hallenausgang nicht auf, sondern verzweigt sich in zahllose, höhlenhaft schummrige Kammern und Säle, die nur vom blauen Schimmer der Wasserwelt spärlich beleuchtet werden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Drüben, auf der anderen Seite dieses Mini-Ozeans, hinter den künstlichen Tempelruinen, Säulenstümpfen und Schiffsskeletten, zwischen denen die bunten Schwärme ihre Bahn ziehen, soll es mehrstöckige Suiten geben, in denen man vom Schlafzimmer aus den Haien beim Kurvendrehen zusehen kann – Guckkästen für betuchte Trockenschwimmer, die sich die Mühsal des Tauchens ersparen, aber trotzdem mit den Fischen zu Bett gehen wollen. Von vorn, von der Besucherhalle des großen Aquariums im „Atlantis“-Hotel in Dubai, sieht man freilich nichts von diesen Privilegierten, nur das Breitwandblau des Wassers und tief drinnen ein paar ferne Irrlichter. Es dürfte so ziemlich der einzige Ort im Emirat Dubai sein, an dem Reichtum in Diskretion getaucht wird.

          Zwei Treppen höher, in der Lobby des „Atlantis“, ist dann alles wieder wie gewohnt: klotzige Deckenleuchter im Lampion-Design, Marmorsäulen im Zuckerbäckerpalmenlook, bonbonbunte Wandmosaiken mit Einhörnern und Delphinen und eine gläserne Brunnenskulptur in Signalfarben, als hätten sich sämtliche Glasbläser von Murano zusammengetan, um das größte anzunehmende Kitsch-Ungeheuer in die Welt zu setzen. Nein, Dubai ist keine Oase des guten Geschmacks, hier herrscht der Angeberstil aller Pionierstädte, eine wildöstliche Mischung aus europäischen, arabischen und asiatischen Einflüssen, verrührt und aufgetragen von einer Elite hochbezahlter Architekten und einem Heer mit Billiglöhnen abgespeister Hungerleider aus Indien, Pakistan und Bangladesch.

          Die dunklen Seiten des Wirtschaftswunders am Persischen Golf, das seit Ende der neunziger Jahre die Phantasie westlicher Intellektueller und Investmentbanker beflügelt, sind wenig bekannt – wer nach Dubai kam, um Spitzenlöhne zu verdienen oder in Fünfsternehotels Urlaub zu machen, blickte ungern hinter die Kulisse aus Wolkenkratzern, Wüstensand und himmelfarbenem Meer, die sich beim Anflug auf die Hauptstadt des Scheichtums vor ihm auftat. Und bis vor zwei Jahren konnte der zweitgrößte Teilstaat der Vereinigten Arabischen Emirate die Malaisen der Gegenwart noch hinter der Vision einer goldenen Zukunft verbergen, die von Tag zu Tag greifbarer Gestalt annahm. Dubai, vor hundertachtzig Jahren von den Urahnen der Herrscherfamilie al-Maktum in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde gegründet, sollte eine Weltmetropole des 21. Jahrhunderts werden – ein Knotenpunkt der Waren- und Geldströme, ein Zentrum des Tourismus, ein Dorado der Reichen und Schönen.

          Dann kam die Finanzkrise und zog den Zukunftsträumen den Teppich unter den Füßen weg. Doch noch immer, so scheint es, kämpft das einstige Wunderkind Dubai mit allen Mitteln gegen das Erwachen aus dem Rausch, in den es sich in den Boomjahren hineingesteigert hat. Die Gegenwart steht längst vor der Tür. Aber Dubai weigert sich, sie hereinzulassen.

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