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Mount Everest : Aus dem Mythos wird ein Mensch

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War George Mallory der erste Bezwinger des Mount Everest? Bild: Herald Sun

Die Petroleumlampen tauchten unser Basislagerzelt in ein goldgelbes Licht. In der Luft hing der Geruch von feuchtem Stoff. Vor uns auf dem Tisch lagen verschiedene Bündel aus Baumwolle, Seide, Wolle, Segeltuch - der Berg hatte die Leiche von George Mallory freigegeben.

          Die Petroleumlampen tauchten unser Basislagerzelt in ein goldgelbes Licht. In der Luft hing der Geruch von feuchtem Stoff. Vor uns auf dem Tisch lagen verschiedene Bündel aus Baumwolle, Seide, Wolle, Segeltuch. Es waren die Reste der Kleidung eines Bergsteigers aus vergangenen Tagen. Daneben einige seiner Habseligkeiten: ein Höhenmesser, eine Streichholzschachtel, eine alte Schneebrille, ein paar Briefe. Vorsichtig falteten wir sie auseinander. Das Papier wirkte fast neu, die Schrift war unverblaßt, so als wären die Worte erst gestern geschrieben worden. Dann lasen wir das Datum: 5.Juni 1924. Und den Adressaten: "G. L. Mallory". Es war Mai 1999. Fünfundsiebzig Jahre nach seinem Verschwinden hatte der Berg die konservierte Leiche des britischen Everest-Pioniers freigegeben.

          George Leigh Mallory: Kein Name ist so eng mit dem Mount Everest verknüpft wie dieser. Das gesamte Drama und die Symbolik des Bergsteigens am höchsten Gipfel der Welt sind auf sein Leben und seinen Charakter projiziert worden. Seine eigene Antwort, warum er den Everest besteigen wollte, ist legendär: "Weil er da ist." Bei seinem dritten Versuch ist Mallory verschollen, gemeinsam mit seinem Partner Andrew Irvine. Am 8. Juni 1924 um 12.50 Uhr mittags wurden sie zum letzten Mal gesehen, bevor sie der Nebel verschluckte, zwei dunkle Punkte hoch oben am Nordostgrat, "energisch dem Gipfel entgegenstrebend".

          Spärliche Spuren im Schnee

          Was bewog mich dazu, fast fünfzehn Jahre lang der Geschichte um das Verschwinden von Mallory und Irvine nachzugehen? Was motivierte mich und einige Amerikaner, wochenlang in dünner Luft, Kälte und Wind nach Spuren der Vergangenheit zu suchen, die am Ende vielleicht nur aus ein paar spärlichen Kleiderfetzen und verrosteten Sauerstoffflaschen bestanden? Vordergründig war da natürlich das große ungelöste Rätsel, ob Mallory und Irvine vor ihrem Tod vielleicht doch den Gipfel des Mount Everest erreicht hatten und somit die wahren Erstbesteiger waren, neunundzwanzig Jahre vor Hillary und Tenzing. Doch dahinter stand noch etwas anderes.

          George Mallory. 75 Jahre nach seinem Tod wurde seine Leiche am Everest gefunden

          Es ging darum, für einen Moment den unumkehrbaren Lauf der Dinge zu überlisten, zurückzureisen in der Zeit, an einem historischen Ereignis noch einmal teilzunehmen. In der Möglichkeit einer solchen Zeitreise lag der eigentliche Anreiz bei der Suche nach Mallory und Irvine am Mount Everest: Würde es gelingen, auch nach Jahrzehnten Spuren zu finden, die uns zu den Ereignissen des 8. Juni 1924 zurückführten? Und was würden uns diese Spuren erzählen können?

          Das Geheimnis des englischen Toten

          Handfeste Hinweise gab es vor 1999 nur wenige: 1933 fand man Irvines Eispickel in 8450 Metern Höhe am Nordostgrat. Ein Chinese, Wang Hongbao, stieß 1975 in der Nähe seines Lagers auf 8200 Meter auf einen "englischen Toten" in alter, windzerfetzter Kleidung. Dabei konnte es sich nur um Mallory oder Irvine gehandelt haben. Leider konnte Wang keine weiteren Angaben zu seinem Fund machen, denn er kam vier Jahre später am Everest in einer Lawine um - kurz nachdem er einem Japaner von seiner Entdeckung erzählt hatte. Und noch 1991 entdeckte man unweit des Eispickelfundortes eine zurückgelassene Sauerstoffflasche von 1924. Unser Ziel war klar: Wir mußten den "englischen Toten" wiederfinden. Denn nur die Entdeckung der Verschollenen selbst bot eine realistische Chance, auch eine ihrer Kameras zu finden. Die Filme, durch die Kälte konserviert, könnten möglicherweise beweisen, wie hoch Mallory und Irvine bei ihrem Versuch am Everest gelangt waren.

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