https://www.faz.net/-gxh-137rl

Mexiko : Gegen die Angst gibt es Tequila

  • -Aktualisiert am

Erst zum Zahnarzt, dann in die Hängematte: Im mexikanischen Grenzstädtchen Los Algodones lassen sich Amerikaner Gebiss und Gemüt richten. Bild:

Los Algodones verlässt man nur mit einem strahlenden Lächeln: Das mexikanische Grenzstädtchen hat sich ganz auf den Zahnarzttourismus aus den Vereinigten Staaten eingestellt.

          5 Min.

          Einnehmend lächelnd lehnt sich eine dralle Mittdreißigerin im zartrosa Kittel auf den Tresen mit dem Hinweisschild, das "Gratis-Kostenvoranschläge" verspricht: "Root canal?", fragt sie mit spanischem Akzent und beginnt, eine Karteikarte für die anstehende Wurzelbehandlung auszufüllen. Es ist Dienstagvormittag, das Wartezimmer der Zahnarztpraxis von Doctora Gomez ist fast leer. Auf dem Ledersofa sitzt ein Herr mittleren Alters und streichelt einen weißen Zwergpudel, der zum Inventar zu gehören scheint. Eine der Sprechstundenhilfen surft mit einem Netbook auf dem Schoß im Internet. Die Dame hinterm Tresen hat ihre dunklen Augen nicht zu knapp mit hellblauem Lidschatten betont, das hübsche Lächeln mit pink Lipgloss eingerahmt und die langen, blondierten Haare in schmale Afrozöpfe geflochten. "Kommen Sie", sagt sie und führt die Patientin durch eine Schwingtür in den hinteren Teil des Gebäudes, in dem von einem langen Flur mehrere Behandlungszimmer abzweigen. Eine Sprechstundenhilfe nimmt sich in einem winzigen Raum der Patientin an. Ein Ventilator in der Ecke ersetzt die Klimaanlage, aber die Geräte sind modern und amerikanischer Provenienz. Und die grell geschminkte Dame, die nun mit Latexhandschuhen und Mundschutz zurückkehrt, ist Dr. Veronica Gomez. Willkommen in Los Algodones.

          Das mexikanische Städtchen südwestlich von Yuma, Arizona, hat sich wie so viele andere Grenzstädte zur Boomtown des amerikanischen Medizintourismus entwickelt. Es ist ein blühender Basar für Leistungen, die amerikanische Krankenversicherungen ausklammern: Zahn- und Augenmedizin. Die Werbetafeln Dutzender Zahnarztpraxen, Hörgerätehersteller und Optiker bestimmen das Ortsbild, ein Wald aus Plakaten mit Zähnen, Ohren und strahlendem Lächeln wächst über den einstöckigen Gebäuden in den Himmel.

          Die Rettung für arme Rentner

          Die Zahnfäule des amerikanischen Gesundheitssystems ist ein einträgliches Geschäft für Los Algodones. Entlang der Interstate 8, die von San Diego nach Tucson an Yuma vorbeiführt, werben riesige Tafeln für "Algodones Dental and Optical". In den Hotels und Motels von Yuma liegen Broschüren von mexikanischen Kliniken und Ärzten aus, die sich "American Dental Team" oder "Art of a Smile" nennen und amerikanische Spitznamen führen wie Dr. Arturo "Chip" Ortega.

          Pyramiden und Paläste gibt es nicht in Los Algodones, dafür aber Brücken und Kronen.

          Unter Kennern gilt Los Algodones als Geheimtipp, weil es ein hübsches, fast verschlafenes Flair hat und weit weniger laut und rauh ist als Tijuana oder Nogales. Die Kenner sind vor allem amerikanische Rentner, deren Sinne mit dem Alter trübe werden und die sich die teuren Korrekturen in ihrer Heimat nicht leisten können. Aber auch unter jungen Leuten spricht sich der Zahn- und Augentourismus an der mexikanischen Grenze zunehmend herum. Hundert Millionen Amerikaner haben keine Dentalversicherung. Dabei klagen immer mehr über Zahnprobleme.

          Fünfzig Prozent billiger als drüben

          Valerie Huddleston aus Tucson ist zum ersten Mal in Los Algodones. Sie ist Angestellte in einem Mineraliengeschäft und wird von ihren Freundinnen um den Job beneidet: Ihr Chef gewährt ihr eine Woche bezahlten Urlaub im Jahr, Krankenversicherung und Überstundenbezahlung, nicht eben üblich im amerikanischen Mittelstand. Als vor ein paar Wochen ein alter Sorgenzahn aufzumucken begann, erwartete ihr amerikanischer Zahnarzt sie mit einer Hiobsbotschaft: Etwa 1500 Dollar würde sie für eine Wurzelbehandlung samt Krone hinlegen müssen. Ein Freund empfahl ihr Veronica Gomez in Los Algodones. Er hatte sich dort zwölf Zähne ziehen und eine Prothese anpassen lassen, für knapp 800 statt der in den Vereinigten Staaten veranschlagten 11000 Dollar. Also nahm sich Huddleston zwei Tage frei und trat die vierstündige Fahrt an. Für dreißig Dollar mietete sie sich in einem Motel ein, fuhr zum Parkplatz an der mexikanischen Grenze und ging zu Fuß durch die Schlagbäume ins Ärztedorf, in dem Veronica Gomez ihre Praxis führt.

          Weitere Themen

          So schön leer hier!

          Undertourism in Deutschland : So schön leer hier!

          Alle klagen über Overtourism. Dabei gibt es in Deutschland viele Gemeinden, in die sich nur selten Besucher verirren. Seelze in Niedersachsen etwa, Weida in Thüringen oder Rheinstetten in Baden-Württemberg. Ein Blick auf die Zahlen.

          Topmeldungen

          Meghan und Harry : Weiß, englisch, konservativ

          Im Drama um Meghan und Harry steckt auch ein eigener politischer Kern: Die Menschen spüren, wie wichtig das Königshaus in bewegten Zeiten ist. Harrys Abschied hat eine andere Frage aufgeworfen.

          Angst um Kakaoernte : Schokolade wird teurer

          Sorgen um eine schlechte Ernte treiben den Kakaopreis an den Märkten. Zudem soll ein Preisaufschlag armen Kakao-Bauern helfen. Verbraucher müssen daher wohl mehr für die tägliche Tafel zahlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.