https://www.faz.net/-gxh-vbo7

Mein Lieblingsort (3):  Budaörs : Unter der Akazie bleibt der Tisch gedeckt

  • -Aktualisiert am

Der historische Stadtkern von Budaörs ist noch erhalten Bild: wikimedia

Budapest ist eine attraktive Stadt. Aber tausendmal attraktiver noch ist Budaörs im Ofener Bergland, am westlichen Rand der ungarischen Hauptstadt gelegen. Dafür gibt es keine objektiven, nur ganz persönliche Gründe.

          6 Min.

          Zum ersten Mal kam ich nach Budapest im Spätsommer des Jahres 1972. Mein Gott, was für eine düstere Stadt war das damals: mit diesen trostlos-sozialistischen Plattenbauten in den Außenbezirken und all den von Abgasen der Zweitaktmotoren angeschwärzten und zerfressenen Kalksteinfassaden an ehrwürdig alten Gebäuden im Stadtzentrum. Das mächtige Gellert-Hotel und der orientalisch anmutende Pariser Hof, der einstmals recht stolze Art-nouveau-Palast der Gresham-Versicherung und die Akademie der Wissenschaften im abweisend-strengen Neorenaissance-Stil wirkten auf mich an diesem Tag wie die verwitterten Gesichter alter Frauen, die ihrer lang schon verblichenen Jugend nachtrauerten. Manche Straßen in diesem sogenannten Paris des Ostens konnte man, so schien es mir zumindest, ohne große Risiken nur befahren, wenn man wenigstens die tiefsten Schlaglöcher kannte. Die Atmosphäre erinnerte an das Wien aus Carol Reeds Film „Der dritte Mann“ mit Orson Welles, und die angeblich so blaue Donau schien sich aus Solidarität der allgemeinen Tristesse vollkommen angepasst zu haben: grau in grau.

          Dann bestieg ich mit meinen Freunden am Móricz-Zsigmond-Platz den rumpelnden, wie ich später feststellte: grundsoliden, offenbar für die Pisten im afrikanischen Busch konstruierten Ikarus-Bus Nummer 40, der mich für zwei Forint - damals vielleicht fünf Pfennig - zum westlichen Stadtrand nach Budaörs brachte. Und siehe da, keine zehn Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt wurde ich zurückversetzt in eine abgelegene Welt des neunzehnten Jahrhunderts. Als wir zu einer Art Begrüßungstrunk ins „Pikler sörözö“, die traditionelle Eckkneipe auf der Hauptstraße, gingen, mussten sich die Augen erst an den von Essensdunst und Tabakqualm verdunkelten Raum gewöhnen. Der Wein wurde mit einer Metallkelle aus irgendeinem Behälter hinter dem Tresen in große Wassergläser geschöpft. Hierher kamen die Arbeiter, hauten mit ihren großen Pranken auf den Tisch und verlangten nach mehr. Manche schienen am frühen Nachmittag dem späten Abend schon sehr nahe zu sein. Und irgendwie versuchten alle, so lange es eben ging, die Heimkehr zu Weib und Kind hinauszuzögern.

          Kittelschürzen und Tök fözelék

          Als wir, vom Welschriesling entsprechend konditioniert, die Vergissmeinnichtstraße neben der katholischen Kirche hinaufgingen, die Zikaden in den von Brennnesseln und Sauerampfer bedeckten Straßengräben neben dem alten Friedhof ein erstaunlich lautes Konzert veranstalteten, die überall herumstreunenden Hunde bellten und die Sonne hinter den abenteuerlich windschief am Steinberg klebenden Häusern unterging, glaubte ich, in Apulien oder Kalabrien zu sein. Im Innenhof eines zum Wohnhaus umgebauten Presshauses zogen die Frauen geblümte Kittelschürzen an und trugen das Essen auf; nicht etwa Salami und Paprika, wie ich vermutet hatte, vielmehr ein Gericht, wie es der Hausmannskost des einfachen Ungarn damals entsprach: Tök fözelék, Kürbisgemüse mit hartgekochten Eiern und Weißbrot. Die Zutaten dafür dürften die Eine-Mark-Grenze nicht überschritten haben.

          Bild: F.A.Z.

          Wir blieben an diesem Abend lange an dem schweren Holztisch unter der Akazie sitzen. Im Nebenhaus versuchte eine Mutter lautstark ihren Karcsi zur Räson zu bringen, der partout nicht ins Bett wollte. Auf der anderen Seite der Gasse übte jemand Trompete. Überall schien man noch etwas zu reparieren, eine Motorsäge auszuprobieren oder wenigstens so Radio zu hören, dass auch die Nachbarn etwas davon haben konnten. Auf wunderbare Weise war das Leben im Lot. Die hohen Kalksteinmauern schützten die Privatsphäre, aber der Corso drang unüberhörbar bis in den hintersten Winkel des Hofes und erinnerte daran, dass man nicht alleine auf der Welt war. In Deutschland hätte man vielleicht schon zum Telefon gegriffen und sich den ruhestörenden Lärm verbeten. Hier regte sich niemand auf, der allgemein akzeptierte Geräuschpegel war einfach wesentlich höher und machte bewusst, dass die Ungarn - vom Klima begünstigt - ein Freiluftvolk sind, mit einer angemessenen Sprache und Diktion, die dem Wind trotzen kann.

          Der wundervolle Duft der Pflaumen

          Etwas anderes musste einem zwangsläufig auffallen. Die Ungarn brauchten offensichtlich Tuchfühlung. Männer küssten zur Begrüßung Männer, man gab sich nicht nur die Hand, man klopfte sich auf die Schulter, hakte sich unter, tätschelte eine Wange oder strich einer Frau auch einmal über den verlängerten Rücken. Man sage nicht, das sei in Deutschland nicht anders gewesen. Anno 1972 war das in Deutschland - Ost wie West - durchaus anders und schon gar nicht Mode. Aber damals war auch in Budaörs alles ganz anders als heute. Ich versuche, mich daran zu erinnern. Nehmen wir beispielsweise diese unmöglichen Straßen. Meine Freunde nannten sie lakonisch „Szocialista utak“, Straßen des Sozialismus. Zweimal im Jahr, am 4. April und am 20. August, kamen Lastwagen in den Ort und luden einen rötlichen Kies ab, den Arbeiterbrigaden oder auch abkommandierte Soldaten gleichmäßig auf den Straßen verteilten. Die ungarische Provinz wurde zur Feier des Tages herausgeputzt und ausgebeult. Beim nächsten Unwetter wuschen die Sturzbäche den Kies zwar unweigerlich in den Graben, und die Holperei begann von neuem. Aber zumindest eines blieb erhalten: der ewige Kreislauf zwischen dem Willen der Natur und den Vorstellungen der Regierung.

          Etwas anderes, was mir in die Nase steigt: Pflaumenbäume, die zu einem bestimmten Haus gehörten, aber im Blumenbeet vor dem Gartenzaun standen. Sonst wurde in Ungarn - das hat sich im Übrigen nicht grundsätzlich geändert, eher verstärkt - alles eingezäunt, abgeriegelt, weggeschlossen. Nur diese Pflaumenbäume und ein paar Nussbäume nicht. In Österreich, im Burgenland, sonst wo findet man solche Vorgärten vor den Vorgärten ebenfalls: Eigentum, das mit einer generösen Geste das private Territorium transzendiert, als wollte man die Öffentlichkeit am persönlichen Besitz teilhaben lassen. Hier aber bekamen diese Bäume etwas buchstäblich Eindringliches: als pochten die allgemeinen Pflaumen darauf, dass auch das Haus und der Garten hinter dem Zaun allen gehören sollten. Die Pflaumen dufteten im Übrigen wundervoll. Alles duftete in Ungarn. Während man in Deutschland geradezu eine Passion dafür entwickelte, natürliche Gerüche zu unterbinden, als müsse jede Leberwurst noch gereinigt werden, bevor sie einen Käufer finden konnte, ließ man hier den Düften freien Lauf.

          Neureich im Gewerbegebiet

          Noch etwas gehörte unweigerlich dazu und lieferte ein Parfum spécial ganz eigener Art, das das Leben im Lande des Gulaschkommunismus leichter machte: die politischen Witze. Mir ist einer in Erinnerung geblieben, vielleicht, weil ich eine westliche Variante dazu kannte, die mir damals zeigte, dass die sozialistisch-kapitalistischen Unterschiede doch nicht so groß waren, wie man bisweilen dachte. Eine blinde Schlange und ein blinder Hase treffen sich. Nachdem die Schlange das Fell, die langen Ohren, die Schneidezähne des Hasen betastet hat, meint sie: „Nach allem, was ich so weiß, musst du ein Hase sein.“ Daraufhin befummelt der Hase die Schlange: „Du bist glatt, schmierig und hast keine Ohren. Ich glaube, du bist ein ungarischer Volksvertreter.“ In der kapitalistischen Version sagt der Hase zu der Schlange: „Du bist glatt, schmierig und hast keine Ohren. Du musst ein Schallplattenproduzent sein.“

          Budaörs hat sich verändert, die Zuneigung aber, das haben alte Lieben so an sich, ist geblieben. Es war ein schleichender Veränderungsprozess. Erst machte es sich in der Infrastruktur bemerkbar. Man baute eine Autobahn, zunächst zum Plattensee, dann von Budapest aus nach Wien. Als die ersten Jointventures abgeschlossen wurden, siedelten sich Firmen an, der Grundstückspreise und des besseren Zugangs wegen vor den westlichen Toren Budapests, in Budaörs eben: Metro, Baumax, Ikea, Tesco, Tetra Pak, McDonald's naturgemäß - alle kamen sie, blieben und machten diesen Teil von Budaörs zu beiden Seiten der Autobahn M 1 zum größten Gewerbegebiet des Landes.

          Aber das „Pikler sörözö“ steht noch immer

          Das hat den Reichtum in den Ort gebracht und die Immobilienpreise ins Unermessliche steigen lassen. Früher wohnte, wer in Ungarn etwas auf sich hielt, auf dem Rózsa domb, dem „Rosenhügel“ von Budapest. Heute zieht, wer es sich leisten kann, nach Budaörs und baut eines jener typisch ungarischen Häuser, die so aussehen, als gäbe es im Land zwischen Donau und Theiß keine Baugenehmigungsverfahren - mit abenteuerlichen Giebeln, festungsartigen, videogeschützten Einzäunungen, mit Türmchen und Säulen, vor allem aber mit repräsentativ-bombastischen Eingängen und Auffahrten, die in keinem Verhältnis zur Größe des eigentlichen Gebäudes stehen. Wer würde sich wundern, wenn die Gemeinde sich da ganz anders verhielte. Das neue Rathaus der Stadt mit ihren vielleicht dreißig-, vierzigtausend Einwohnern sieht aus, als habe man sich vom Berliner Kanzleramt inspirieren lassen.

          Aber wie durch ein Wunder und mit einer kleinen Hilfe der deutschen Minderheiten-Selbstverwaltung ist der Stadtkern des einstigen donauschwäbischen Dorfes nicht nur im Wesentlichen erhalten geblieben, er wurde saniert und wie ein städtebauliches Kleinod geradezu herausgeputzt. Man hat den alten deutschen Friedhof und den Kirchplatz als Zentrum des Ortes mit neuen Brunnen, Grünanlagen und Parkbänken restauriert, aus dem vor sich hingammelnden Spritzenhaus ein schönes Café gemacht, die Wege asphaltiert, das Niemandsland der Straßengräben beseitigt. Das „Pikler sörözö“ gibt es noch immer, aber mittlerweile neben ein paar urigen Weinkellern auch italienische, griechische und chinesische Restaurants. Heute sitze ich noch immer an dem schweren Holztisch unter der Akazie wie früher. Aus dem Trompeter ist ein Profi-Musiker geworden, Karcsi ist längst erwachsen und hat selbst Kinder. Der Nachbar hat sein Haus aufgestockt und kann jetzt in den Innenhof schauen. Macht nichts. Ich lese den weisen Petöfi, der mit vierundzwanzig Jahren starb: Ungarn, schön bist du, für mich zumindest.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nordrhein-Westfalen, Essen: Eine Mitarbeiterin der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten.  (Archivbild)

          Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt weiter auf 10,3

          Das RKI hat seit dem Vortag 1076 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche war der Wert noch mehr als doppelt so hoch. Auch die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen ist kleiner als in der Vorwoche. Weltweit allerdings steigen die Totenzahlen rasant an.
          Naomi Osaka in einem Archivbild von 2019. Die 23-Jährige wird nicht in Wimbledon spielen.

          Nach Rafael Nadal : Auch Naomi Osaka verzichtet auf Wimbledon

          Die 23-Jährige hatte jüngst enthüllt, dass sie unter Depressionen leidet. Zur Olympiade in ihrem Heimatland Japan wolle sie aber antreten. Nach der gesundheitlich bedingten Absage von Nadal fehlt Wimbledon damit ein zweiter Superstar.
          Annalena Baerbock signiert am Donnerstag nach der Vorstellung ihres Buches ein Exemplar

          F.A.Z. Exklusiv : Baerbocks Pakt mit der Wirtschaft

          Die grüne Kanzlerkandidatin konkretisiert ihr Wirtschaftsprogramm. Ein zentraler Punkt sind Klimaschutzverträge, über die sie Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen will. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.