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Mein Lieblingsort (3):  Budaörs : Unter der Akazie bleibt der Tisch gedeckt

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Neureich im Gewerbegebiet

Noch etwas gehörte unweigerlich dazu und lieferte ein Parfum spécial ganz eigener Art, das das Leben im Lande des Gulaschkommunismus leichter machte: die politischen Witze. Mir ist einer in Erinnerung geblieben, vielleicht, weil ich eine westliche Variante dazu kannte, die mir damals zeigte, dass die sozialistisch-kapitalistischen Unterschiede doch nicht so groß waren, wie man bisweilen dachte. Eine blinde Schlange und ein blinder Hase treffen sich. Nachdem die Schlange das Fell, die langen Ohren, die Schneidezähne des Hasen betastet hat, meint sie: „Nach allem, was ich so weiß, musst du ein Hase sein.“ Daraufhin befummelt der Hase die Schlange: „Du bist glatt, schmierig und hast keine Ohren. Ich glaube, du bist ein ungarischer Volksvertreter.“ In der kapitalistischen Version sagt der Hase zu der Schlange: „Du bist glatt, schmierig und hast keine Ohren. Du musst ein Schallplattenproduzent sein.“

Budaörs hat sich verändert, die Zuneigung aber, das haben alte Lieben so an sich, ist geblieben. Es war ein schleichender Veränderungsprozess. Erst machte es sich in der Infrastruktur bemerkbar. Man baute eine Autobahn, zunächst zum Plattensee, dann von Budapest aus nach Wien. Als die ersten Jointventures abgeschlossen wurden, siedelten sich Firmen an, der Grundstückspreise und des besseren Zugangs wegen vor den westlichen Toren Budapests, in Budaörs eben: Metro, Baumax, Ikea, Tesco, Tetra Pak, McDonald's naturgemäß - alle kamen sie, blieben und machten diesen Teil von Budaörs zu beiden Seiten der Autobahn M 1 zum größten Gewerbegebiet des Landes.

Aber das „Pikler sörözö“ steht noch immer

Das hat den Reichtum in den Ort gebracht und die Immobilienpreise ins Unermessliche steigen lassen. Früher wohnte, wer in Ungarn etwas auf sich hielt, auf dem Rózsa domb, dem „Rosenhügel“ von Budapest. Heute zieht, wer es sich leisten kann, nach Budaörs und baut eines jener typisch ungarischen Häuser, die so aussehen, als gäbe es im Land zwischen Donau und Theiß keine Baugenehmigungsverfahren - mit abenteuerlichen Giebeln, festungsartigen, videogeschützten Einzäunungen, mit Türmchen und Säulen, vor allem aber mit repräsentativ-bombastischen Eingängen und Auffahrten, die in keinem Verhältnis zur Größe des eigentlichen Gebäudes stehen. Wer würde sich wundern, wenn die Gemeinde sich da ganz anders verhielte. Das neue Rathaus der Stadt mit ihren vielleicht dreißig-, vierzigtausend Einwohnern sieht aus, als habe man sich vom Berliner Kanzleramt inspirieren lassen.

Aber wie durch ein Wunder und mit einer kleinen Hilfe der deutschen Minderheiten-Selbstverwaltung ist der Stadtkern des einstigen donauschwäbischen Dorfes nicht nur im Wesentlichen erhalten geblieben, er wurde saniert und wie ein städtebauliches Kleinod geradezu herausgeputzt. Man hat den alten deutschen Friedhof und den Kirchplatz als Zentrum des Ortes mit neuen Brunnen, Grünanlagen und Parkbänken restauriert, aus dem vor sich hingammelnden Spritzenhaus ein schönes Café gemacht, die Wege asphaltiert, das Niemandsland der Straßengräben beseitigt. Das „Pikler sörözö“ gibt es noch immer, aber mittlerweile neben ein paar urigen Weinkellern auch italienische, griechische und chinesische Restaurants. Heute sitze ich noch immer an dem schweren Holztisch unter der Akazie wie früher. Aus dem Trompeter ist ein Profi-Musiker geworden, Karcsi ist längst erwachsen und hat selbst Kinder. Der Nachbar hat sein Haus aufgestockt und kann jetzt in den Innenhof schauen. Macht nichts. Ich lese den weisen Petöfi, der mit vierundzwanzig Jahren starb: Ungarn, schön bist du, für mich zumindest.

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