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Mein Lieblingsort (3):  Budaörs : Unter der Akazie bleibt der Tisch gedeckt

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Bild: F.A.Z.

Wir blieben an diesem Abend lange an dem schweren Holztisch unter der Akazie sitzen. Im Nebenhaus versuchte eine Mutter lautstark ihren Karcsi zur Räson zu bringen, der partout nicht ins Bett wollte. Auf der anderen Seite der Gasse übte jemand Trompete. Überall schien man noch etwas zu reparieren, eine Motorsäge auszuprobieren oder wenigstens so Radio zu hören, dass auch die Nachbarn etwas davon haben konnten. Auf wunderbare Weise war das Leben im Lot. Die hohen Kalksteinmauern schützten die Privatsphäre, aber der Corso drang unüberhörbar bis in den hintersten Winkel des Hofes und erinnerte daran, dass man nicht alleine auf der Welt war. In Deutschland hätte man vielleicht schon zum Telefon gegriffen und sich den ruhestörenden Lärm verbeten. Hier regte sich niemand auf, der allgemein akzeptierte Geräuschpegel war einfach wesentlich höher und machte bewusst, dass die Ungarn - vom Klima begünstigt - ein Freiluftvolk sind, mit einer angemessenen Sprache und Diktion, die dem Wind trotzen kann.

Der wundervolle Duft der Pflaumen

Etwas anderes musste einem zwangsläufig auffallen. Die Ungarn brauchten offensichtlich Tuchfühlung. Männer küssten zur Begrüßung Männer, man gab sich nicht nur die Hand, man klopfte sich auf die Schulter, hakte sich unter, tätschelte eine Wange oder strich einer Frau auch einmal über den verlängerten Rücken. Man sage nicht, das sei in Deutschland nicht anders gewesen. Anno 1972 war das in Deutschland - Ost wie West - durchaus anders und schon gar nicht Mode. Aber damals war auch in Budaörs alles ganz anders als heute. Ich versuche, mich daran zu erinnern. Nehmen wir beispielsweise diese unmöglichen Straßen. Meine Freunde nannten sie lakonisch „Szocialista utak“, Straßen des Sozialismus. Zweimal im Jahr, am 4. April und am 20. August, kamen Lastwagen in den Ort und luden einen rötlichen Kies ab, den Arbeiterbrigaden oder auch abkommandierte Soldaten gleichmäßig auf den Straßen verteilten. Die ungarische Provinz wurde zur Feier des Tages herausgeputzt und ausgebeult. Beim nächsten Unwetter wuschen die Sturzbäche den Kies zwar unweigerlich in den Graben, und die Holperei begann von neuem. Aber zumindest eines blieb erhalten: der ewige Kreislauf zwischen dem Willen der Natur und den Vorstellungen der Regierung.

Etwas anderes, was mir in die Nase steigt: Pflaumenbäume, die zu einem bestimmten Haus gehörten, aber im Blumenbeet vor dem Gartenzaun standen. Sonst wurde in Ungarn - das hat sich im Übrigen nicht grundsätzlich geändert, eher verstärkt - alles eingezäunt, abgeriegelt, weggeschlossen. Nur diese Pflaumenbäume und ein paar Nussbäume nicht. In Österreich, im Burgenland, sonst wo findet man solche Vorgärten vor den Vorgärten ebenfalls: Eigentum, das mit einer generösen Geste das private Territorium transzendiert, als wollte man die Öffentlichkeit am persönlichen Besitz teilhaben lassen. Hier aber bekamen diese Bäume etwas buchstäblich Eindringliches: als pochten die allgemeinen Pflaumen darauf, dass auch das Haus und der Garten hinter dem Zaun allen gehören sollten. Die Pflaumen dufteten im Übrigen wundervoll. Alles duftete in Ungarn. Während man in Deutschland geradezu eine Passion dafür entwickelte, natürliche Gerüche zu unterbinden, als müsse jede Leberwurst noch gereinigt werden, bevor sie einen Käufer finden konnte, ließ man hier den Düften freien Lauf.

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