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Marokko : Gottes Gabe ist eine harte Nuss

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Nussknackerinnen: Die Gewinnung des Arganöls ist traditionell Frauensache. Bild: Claudia Diemar

„Gabe Gottes“ nennen die Berber den Arganbaum. Zwischen Juni und August werden seine Früchte reif. Sie sehen aus wie eine kleine gelb-rote Pflaume. Mit der Ernte wird gewartet, bis die Früchte von selbst vom Baum fallen. Und dann wird das kostbare Öl gewonnen.

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          Als die alte Memes nicht mehr gut zu Fuß war, bot ihr Madame Knabô an, die Arbeit ins Haus zu bringen und dort auch wieder abzuholen, damit die Seniorin es bequemer habe. Aber Memes lehnte ab. Sie wollte bei ihren Kolleginnen bleiben, denn Nüsse knacken sei das eine, das andere aber die Gesellschaft der anderen Frauen. Memes stand einfach früher auf, um sich langsamen Schrittes auf den Weg zu machen.

          Zahnlos, aber mit leuchtendblauen Berberaugen sitzt sie in der Runde. Und niemand kann die typisch femininen Freudentriller mit solch durchdringendem Jubel erklingen lassen wie Memes. Heute trillert sie mächtig, denn Besuch ist in die Kooperative gekommen und daher noch mehr Unterhaltung garantiert als sonst. Das Aufstehen und der Weg haben sich also doppelt gelohnt. Memes, in blaue Gewänder gehüllt, die gut zu ihren Augen passen, sitzt am Boden, die Beine untergeschlagen, einen Stein von der Größe eines Brötchens in der Hand und klopft Nüsse auf. Das Geräusch dazu klingt so, als hämmere ein Specht gegen einen Stamm. Gemeinsam mit etwa sechzig anderen Frauen knackt sie Argannüsse. Die Schalen sind zehnmal so hart wie die von Haselnüssen. Wenn Memes einen ganzen Arbeitstag lang fleißig geklopft hat, hat sie etwa ein Kilo der elfenbeinfarbenen Samen oder Mandeln vor sich liegen. Jede Nuss birgt einen bis drei Mandelkerne. Die Arganmandeln sind winzig, etwa so groß wie der Nagel eines kleinen Fingers und kaum stärker als ein solcher. Für die Gewinnung eines Liters Arganöl braucht man fünf bis acht Kilo Mandeln. Oder anders gesagt: Dreißig Kilo Früchte, das ist die gesamte Ernte eines Arganbaums, ergeben einen Liter des bernsteinfarbenen Öls mit dem nussigen Geschmack, der durch das Rösten der Kerne vor der Pressung entsteht.

          Ein Baum mit Geschichte

          Der Arganbaum ist uralt. Das Gewächs aus der Familie der Sapoten ist ein Relikt aus der Zeit des Tertiärs. Wissenschaftler schätzen, dass Argania spinosa seit achtzig Millionen Jahren existiert. In der Kreidezeit soll der Baum in weiten Teilen Südeuropas und Nordafrikas verbreitet gewesen sein. Heute findet man ihn nur noch im Südwesten Marokkos, vor allem im Hinterland der Atlantikküste zwischen Agadir und Essaouira - sonst nirgendwo auf der Welt. Die Kronen, mal leuchtend grün, mal dürr wie filigrane Skelette, dominieren die Landschaft. Denn außer den Arganien gedeiht hier kaum etwas.

          Robust, aber geizig ist der Arganbaum. Die Ernte eines ganzen Jahres reicht nur für einen Liter Öl.
          Robust, aber geizig ist der Arganbaum. Die Ernte eines ganzen Jahres reicht nur für einen Liter Öl. :

          Von Ferne könnte man die Bäume im sanft gewellten Hügelland mit rötlich schimmernder Erde zunächst für Oliven halten. Aber es fehlt der silbrige Schein. Die Blätter des Arganbaumes sind von sattem Grün, sofern nicht gerade eine extreme Trockenperiode den Baum entlaubt. Bis zu fünfzehn Meter können die dornigen Riesen aufragen, manche Krone bringt es auf einen Umfang von bis zu siebzig Metern. Der Arganbaum ist perfekt an das semiaride Klima angepasst. Dennoch war sein Bestand noch vor wenigen Jahren gefährdet. Überweidung durch Ziegen und Kamele sowie das Fällen zur Brennholzgewinnung ließen die Bestände schrumpfen. Vor zehn Jahren hat die Unesco daher die verbliebenen Arganerien zum Biosphärenreservat erklärt. Seither werden Neupflanzungen vom marokkanischen Staat ebenso wie von Nichtregierungsorganisationen wie der GTZ unterstützt.

          Arganöl für die Gourmetküche

          "Gabe Gottes" nennen die Berber den Arganbaum. Zwischen Juni und August werden seine Früchte reif. Sie sehen aus wie eine kleine gelb-rote Pflaume. Mit der Ernte wird gewartet, bis die Früchte von selbst vom Baum fallen. Traditionell sind in Marokko die Frauen sowohl für die Ernte als auch für die Weiterverarbeitung zuständig. Der Arganbaum ist ein dankbares Gewächs. Er schützt die Landschaft vor Versteppung, sein Holz dient ebenso wie die Nussschalen als Brennmaterial. Blätter, Früchte und die Reste der Mandelpressung werden als Viehfutter verwendet. Der Beiname "flüssiges Gold Marokkos" aber bezieht sich auf das kostbare Öl, das als Ergebnis vieler Schritte mühevoller Arbeit am Schluss bleibt.

          Arganöl ist seit einigen Jahren in der Gourmetküche und der Kosmetikherstellung gefragt. Das Öl enthält extrem viel Vitamin E, hat einen hohen Anteil an Antioxidantien, senkt den Cholesterinspiegel und besteht zu mehr als achtzig Prozent aus ungesättigten Fettsäuren. Kosmetisch angewendet, pflegt und regeneriert es die Haut, verbessert die Wundheilung und hilft gegen Akne. Schon immer haben die Berber Öl für den Hausgebrauch hergestellt. Dann schien der Fortschritt einzuziehen. Früchte wurden billig aufgekauft und mechanisch unter großer Hitzeeinwirkung gepresst. Dabei verliert das Öl jedoch viel von seiner Qualität. Außerdem hatte die Bevölkerung so gut wie keinen Anteil an der Wertschöpfung.

          Traum oder Albtraum?

          Der Süden Marokkos ist arm, und die Verdienstmöglichkeiten sind außerordentlich beschränkt. Bauern pflügen bis heute die Felder allenfalls mit der Hilfe von Eseln und Maultieren. Noch immer ist die Küste mit ihren kilometerlangen Sandstränden und zuweilen dramatischen Felsabschnitten touristisch praktisch unerschlossen. Allenfalls Wellenreiter reisen hierher, um die Brandung abzusurfen und ohne jeden Komfort in den Dünen zu kampieren. Inzwischen wurden zwei gigantische Projekte zur vermeintlichen Entwicklung der Region in Angriff genommen, eines unweit von Agadir bei Taghazout, ein anderes nahe Essaouira in Mogador. "Träumen oder investieren?" fragen Schilder des "Plan Azur" potentielle Geldgeber. Aber was an diesen beiden Orten entsteht, Golfplätze, Luxusresorts und Villen in Anlagen, die sich über viele Hektar ausdehnen, wird wenig Geld unter die örtliche Bevölkerung bringen.

          Die Küstenstraße ist längst bemerkenswert gut ausgebaut. Links und rechts der Straße sieht man immer wieder Stände, an denen Öl verkauft wird. Doch alles, was unter einem Preis von etwa vierzehn Euro für ein Fläschchen mit zweihundert Millilitern Inhalt angeboten wird, ist mit Sicherheit großzügig gestreckt, im besten Fall mit Olivenöl. Es lohnt sich daher, einem der vielen Schilder zu folgen, die an der Hauptstraße den Weg zu Arganöl-Kooperativen weisen. Besucher sind willkommen; außer feinem Speiseöl und einem nussigen Brotaufstrich namens "Amlou Beldi" können sie dort auch Pflegeprodukte aus dem Öl kaufen.

          Gut für die Emanzipation

          In der "Union des Femmes de l'Arganeraie" sind nur Kooperativen vereinigt, die selbst für die Pressung nur reine Handarbeit an traditionellen Steinmühlen zulassen. Die Arganöl-Kooperative "Ajddigue" (berberisch für "Blume") wurde 1998 von der Chemieprofessorin Zoubida Charrouf von der Universität in Rabat gegründet, nachdem die Wissenschaftlerin vorab jahrelang die Eigenschaften des Arganöls untersucht hatte. Der Betrieb nahm seine Arbeit mit sechzehn Frauen auf, heute sind sechzig Mitarbeiterinnen in den Produktionsprozess im Weiler Tidzi eingebunden. Doch Madame Charrouf gründete längst weitere Kooperativen wie etwa die in Tamanar, die im Jahr 2001 für ihre Produkte mit dem "Slow Food Award" ausgezeichnet wurde. Insgesamt achthundert Frauen kamen allein durch die Wissenschaftlerin Charrouf zu Arbeit. Der Raum, in dem die Amazigh-Berberfrauen am Boden sitzen, ist kühl und sauber. Die Wände sind mit Ölfarbe bemalt und zeigen in naiver Kunst einen Hain von immergrünen Bäumen. Auf dem Boden liegen Schilfmatten. Die Frauen schwatzen und lachen, während ihre Hände immerfort in Bewegung sind.

          "Viele der Frauen sind alleinstehend oder verwitwet und auf das Einkommen dringend angewiesen. Auswahlkriterium für die Arbeiterinnen ist daher ein guter Leumund sowie eine nachweisliche Bedürftigkeit sowie die Bereitschaft, jedes Jahr zehn neue Bäume zu pflanzen", erzählt die Geschäftsführerin Zahra Knabô. Über die Aufnahme in das Kollektiv entscheidet ein Gremium aus vier Vertreterinnen der Geschäftsleitung und drei gewählten Mitarbeiterinnen. Die Frauen werden nach Leistung bezahlt. Für ein Kilo verarbeitungsfertiger Mandeln erhalten sie umgerechnet vier Euro. Dafür knacken sie einen ganzen Arbeitstag lang Nüsse. Der Verdienst erscheint erbärmlich gering. Tatsächlich aber ist er viermal höher als der, den Frauen sonst gewöhnlich erzielen, und sichert so die Existenz vieler Familien. "Viele Arbeiterinnen sind nicht mehr wiederzuerkennen, sobald sie Mitglied einer Kooperative sind. Sie legen ihre Schüchternheit ab, werden stolz und treten selbstbewusst auf", erklärt Geschäftsführerin Knabô. Knapp fünfzig Kooperativen, in denen die Mitarbeiterinnen direkten Anteil an der Wertschöpfung haben, gibt es inzwischen im Südwesten Marokkos. Die Frage, ob man schon daran gedacht habe, eine Männerkooperative zu gründen, löst bei Madame Knabô einen Lachkrampf aus. "Das ist nur schwer denkbar, denn es fehlt da doch ganz erheblich an Sorgfalt", sagt sie schließlich, als sie wieder zu Atem kommt.

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