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Marathon-Läufe : 42,195 Kilometer rund um die Welt

  • -Aktualisiert am

Aussichtsreich: Marathon auf Helgoland Bild: dpa

Wenn Sport Mord ist, dann ist ein Marathonlauf der Garaus mit Höllenfahrt und Fegefeuer inklusive. Das hält Hunderttausende nicht davon ab, sich auf die mythische Distanz zu begeben. Inzwischen kann man das fast überall auf der Welt machen.

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          Wenn Sport Mord ist, dann ist ein Marathonlauf der Garaus mit Höllenfahrt und Fegefeuer inklusive. Das hält Hunderttausende nicht davon ab, sich auf die mythische Distanz zu begeben - nicht wissend oder verdrängend, wie der erste Lauf im antiken Griechenland der Sage nach endete. Anfang der siebziger Jahre waren die Teilnehmerfelder der City-Marathons noch übersichtlich. Heute ist Marathon Breitensport. Oberstudienräte und Bauingenieure, Bankkauffrauen und Friseusen tauchen in den Startlisten auf. Auch Politiker schnüren die Laufschuhe, und nicht nur Joschka Fischer hat eine gute Nase für Massenveranstaltungen.

          Die eine Folge davon ist, daß man an den großen Läufen, etwa in New York, nur noch mit Losglück teilnehmen kann. Die andere Folge, daß man auf New York längst nicht mehr angewiesen ist. Denn Rennen gibt es inzwischen an fast jedem Flecken der Erde. Ob Honolulu oder Helgoland - viermal um die Insel -, Sao Paulo oder Bad Salzuflen: Wer 42,195 Kilometer an einem Stück in begrenzter Zeit hinter sich zu bringen vermag, kann laufend die Welt entdecken.

          Berlin mag es historisch

          In Deutschland war Berlin der Trendsetter. 1974 fiel der erste Startschuß. Läuferinnen waren von Anfang an dabei, was nicht selbstverständlich war. Lange wurde Frauen nicht zugetraut, eine so weite Distanz ohne bleibende Schäden zu verkraften. Heute zählt das Fachorgan "Runner's World" Berlin zu den zehn besten und schönsten Marathons dieser Erde. Er ist auch einer der größten. 35000 Läufer aus achtzig Ländern haben sich für die dreißigste Ausgabe am 28.September angekündigt, die Teilnehmergrenze ist seit Mitte Juni erreicht. Der Weg führt längst auch durch den Osten der Stadt, vorbei an alten DDR-Regierungsgebäuden, über den Alexanderplatz, über den Kurfürstendamm, durchs Brandenburger Tor bis zum Ziel am Sowjetischen Ehrenmal auf der Straße des 17.Juni. Die Strecke gilt als flach und schnell und damit als rekordträchtig.

          Während es die Routenplaner der Hauptstadt eher historisch mögen, bietet der jeweils im April stattfindende Hamburger Marathon Gelegenheit zu Milieustudien von Kilometer zu Kilometer: Früh um neun führt der Weg zunächst über die Reeperbahn, an der die letzten Nachtschwärmer aus den Kneipen stolpern, dann hinaus ins sonntagsfeine Blankenese, über die Elbchaussee zum Fischmarkt in Sankt Pauli, zurück zu Jungfernstieg und Alster, durchs Arbeiterviertel Barmbek über City Nord und Eppendorf zur Messe. Daß ein Marathon ein Großereignis ist, zeigt sich nicht nur an den imposanten Teilnehmer- und Zuschauerzahlen, sondern auch am wachsenden Rahmenprogramm mit Pastaparties und Cool-down-Feten.

          New York mag es gigantisch

          Frankfurt wiederum ist als spätester deutscher Marathon einer der beliebtesten unter Einsteigern. Der Termin Ende Oktober, in diesem Jahr am 26., erlaubt ein ausgedehntes Training über die Frühjahr- und Sommermonate. Zehntausend Teilnehmer werden erwartet. Die Strecke durch die City ist weitgehend flach und windgeschützt. Ausnahmen bestätigen die Regel - 2002 herrschten orkanartige Zustände. In diesem Jahr endet der Lauf erstmals nicht unter freiem Himmel, sondern führt über einen roten Teppich in die Festhalle.

          Der bekannteste City-Marathon mag der 1970 initiierte Lauf von New York sein, der älteste ist er aber bei weitem nicht. Diese Ehre gebührt Boston. Die Erstauflage des Boston-Marathons fand am 19. April 1897 statt, nur ein Jahr nach dem ersten olympischen Marathonwettbewerb in Athen. Das nächste Rennen wird 2004 ebenfalls am 19. April gestartet. Boston hat sich puritanisch strenge Regeln bewahrt, die ihn zu einem exklusiven Rennen machen. Als Mindestleistung wird von Männern erwartet, daß sie das Ziel in drei Stunden und zehn Minuten erreichen. Frauen dürfen sich eine halbe Stunde mehr Zeit lassen.

          Jamaica mag es melodisch

          Anfangs nahm man es noch nicht so genau mit der Distanz. In Boston betrug die Strecke knapp vierzig Kilometer. Die heute gültige Länge wurde 1908 zu den Olympischen Spielen in London eingeführt. Mit verfeinertem Nachmessen des Urparcours hatte das nichts zu tun. Vielmehr wollte man der britischen Königsfamilie die Begeisterung durch Entgegenkommen erleichtern: Die Startlinie wurde an Schloß Windsor verlegt, das Finish vor die Royal Box in Wembley. Das ergab eine Strecke von 42,195 Kilometern. 1924 wurde in Paris dieser Zufall für die Zukunft festgeschrieben. Auch Griechenland überläßt die Erinnerung an den berühmtesten Botenlauf der Geschichte nicht mehr nur den anderen. Athen lädt - zeitgleich mit New York - für den 2. November zum "Klassik-Marathon".

          Es müssen freilich nicht die Metropolen dieser Welt sein. In Tromso am siebzigsten Breitengrad wird am 19. Juni 2004 der nördlichste Lauf über die offizielle Marathondistanz von der Mitternachtssonne beleuchtet. Abseits der üblichen Ströme der Marathontouristen liegt auch der "Reggae-Lauf" auf Jamaika am 6.Dezember um die Bob und Rita Marley Trophäe. Exotisches Flair besitzt Chinas "Marathon auf der Großen Mauer" am 1.November. Diejenigen, die etwas ganz Neues ausprobieren möchten, suchen sich ehemalige Krisengebiete: Beirut im Libanon sperrt am 19. Oktober erstmals die Straßen für Laufbegeisterte. Anmeldungen sind noch willkommen.

          Das Bordelais mag es gemütlich

          Wer Jamaika und Beirut schafft, ist auch bereit für den "Marathon du Medoc". Das ist etwas für Kenner, genauer für Weinkenner. Am 6. September führt der Lauf durch die Weingüter rund um Pauillac an der Gironde. Es wird gelaufen, aber auch getrunken, und zwar Rotwein. Schon nach zwei Kilometern wartet die erste Degustation. Zwanzig weitere Weinstationen folgen bis zum Ziel. Der "Marathon du Medoc" gilt als der längste der Welt - bezogen auf die gefühlte Entfernung nach den ersten Trinkpausen. Die tatsächliche ist, wie überall seit 1924, exakt 42,195 Kilometer.

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