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Malediven : Da hört der Spa auf

Fisch- und Spa-Reich: Wer auf die Malediven reist, ist entweder Taucher oder sucht Erholung im Spa Bild: dpa

Islamische Interessengruppen wollen auf den Malediven Wellness verbieten. Sie vermuten „versteckte Bordelle“ in den Spas und Massagesalons und kritisieren das Servieren von Alkohol und Schweinefleisch.

          3 Min.

          An Silvester, dem letzten Tag eines erfolgreichen Tourismusjahres auf den Malediven - 850.000 Touristen wurden 2011 gezählt -, versetzte ein Beschluss die Hotelindustrie in Aufregung: Das Tourismusministerium teilte mit, dass alle Spas mit sofortiger Wirkung zu schließen seien. Vorausgegangen waren von der Opposition organisierte Proteste in der Hauptstadt Malé: Am 23. Dezember gingen Tausende Menschen auf die Straße und demonstrierten unter anderem gegen Spas und Massagesalons, in denen viele Bürger des islamisch geprägten Staates „versteckte Bordelle“ vermuten. Auch der Alkohol und das Schweinefleisch, das in den Hotelanlagen serviert wird, sowie der Plan, Direktflüge nach Israel aufzunehmen, waren Gegenstand der Proteste.

          Barbara Liepert

          Verantwortlich für das Ressort „Reise“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Malediven sind eine Republik, deren Bevölkerung hauptsächlich muslimisch ist und in der der Islam faktisch Staatsreligion ist. Über dreißig Jahre lang wurden sie von einer Person, Präsident Maumoon Abdul Gayoom, regiert; 2008 überraschte der Atoll-Staat die Welt mit einem demokratisch gewählten Präsidenten, Mohammed Nasheed - einem Ozeanographen, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten mit Hafterfahrung. Der Inselstaat, im Meer zwischen Indonesien und Saudi-Arabien gelegen, war das erste islamische Land, das den Wechsel zur Demokratie vollzogen hat.

          Bislang keine Stornierungen

          International bekannt geworden ist Nasheed mit einer Kabinettssitzung unter Wasser - ein Appell vor dem Klimagipfel in Kopenhagen, dass der Kohlendioxid-Ausstoß die Malediven sehr bald untergehen lässt. Bis es so weit ist, werden die Staatskassen weiterhin mit Geldern aus dem Tourismus gefüllt, bevorzugt gefördert wird das hochpreisige Segment: Hotelinseln, auf denen die Preise für eine Übernachtung bei 800 Euro beginnen, Fingernägelfeilen 125 Euro und das Glas Champagner so viel wie zu Hause die ganze Flasche kostet.

          Und so begann das neue Tourismusjahr 2012 am vergangenen Sonntag mit einem Aufschrei in der Hotelindustrie. Die Villa-Hotels, so erklärt ihr Vertreter für den Europäischen Markt, Emil Yehiya, „erwirkten umgehend eine Gerichtsverfügung, um die Spas weiterhin geöffnet zu lassen“. Der Gründer und Besitzer dieser Hotelkette, die fünf Inseln auf den Malediven betreibt, ist Ibrahim Qasim, ehemaliges Regierungsmitglied unter Gayoom und Chef einer der Oppositionsparteien, die zu den „Defend Islam“-Protesten aufgerufen hatte. Die Verflechtungen zwischen Politik und Tourismus sind auch in der aktuellen Regierung vorhanden: Die Tourismusministerin Mariyam Zulfa etwa ist mit Sim Ibrahim verheiratet, dem Chef des Toursimusverbandes (MATI), der die Spa-Schließungen heftig kritisierte. Ob in den ersten Tagen des neuen Jahres überhaupt ein Spa geschlossen wurde, ist nicht dokumentiert. Fast alle Hotels meldeten bereits Mitte der Woche Normalbetrieb, auch die Kunden der großen Reiseveranstalter blieben gelassen: Thomas-Cook-Sprecherin Nina Kreke sagte ebenso wie Airtours-Sprecherin Beate Arnold, dass alle Spas in den Anlagen weiter geöffnet und bislang keine Stornierungen eingegangen seien.

          Touristische Normalität schon wieder hergestellt

          Am Montag folgten die offiziellen Stellungsnahmen: Sim Ibrahim sagte, es gebe „definitiv“ keinen Sex-Tourismus auf den Malediven. Gottfried Mücke, Honorargeneral-Konsul der Malediven mit Sitz in Bad Homburg, erklärte: „Dieser schnelle Beschluss war natürlich ein Fehler. Das hat dem Tourismus geschadet. Bei mir haben diese Woche Reisebüros und Touristen aus ganz Europa angerufen und mich gefragt: Müssen wir stornieren? Sind die Spas geöffnet? Dürfen wir noch Alkohol trinken und Schweinefleisch essen?“ Und auch Yehiya sagte: „Das war ein großer Fehler“, dass diese Nachricht um die Welt gegangen sei. Ein anderer Inselhotelier sprach von einem „PR-Desaster“. Alle Beobachter waren sich einig, dass es in den Spa-Resorts auf den Malediven keinen einzigen dokumentierten Fall von Prostitution gab.

          Bereits am Dienstag schien die touristische Normalität schon wieder hergestellt - wie eine sanft über den Strand schwappende Welle, die alle Spuren verwischt. Die offizielle Tourismusseite der Malediven, vermeldete unter „Aktuelle Neuigkeiten“, dass wieder mal ein Luxusresort als „Best Overseas Leisure Hotel“ ausgezeichnet worden sei und Cristiano Ronaldo seinen Urlaub auf den Malediven verbringe.

          Im Paradies war es 28 Grad warm und nur leicht bewölkt, war außerdem zu lesen. Bei der touristischen Vertretung in Deutschland geht keiner ans Telefon.

          „Gesunde Debatte über die Richtung des Landes“

          Am Mittwoch meldete sich dann erstmals der Präsident zu Wort. Auf einer Pressekonferenz im „Kurumba Resort“ (und Spa), dem ersten Hotel, das 1972 im Nord-Male-Atoll eröffnet worden ist, erklärte Nasheed, dass der Oberste Gerichtshof der Malediven derzeit prüfe, ob der Betrieb der Wellnessbereiche gegen den Islam verstoße. Bis zu einem finalen Urteil des Gerichtshofs bleiben die Wellnessbereiche geöffnet.

          Die Regierung habe bereits in den vergangenen Tagen eine Qualitätskontrolle der Wellnessbereiche angeordnet. Dabei habe sich herausgestellt, dass es bei den Spas nichts zu beanstanden gebe. „Wir haben festgestellt, dass sie völlig einwandfrei sind und dass es sich um Bereiche handelt, in denen Familien hochwertige Behandlungen bekommen können“, fügte Nasheed hinzu. „Wir können sie also wieder öffnen.“

          Auf der Website des Präsidenten stand zuletzt zu lesen, dass nun die Nation „aus ihrem Schlummer gerissen wurde“ und „eine gesunde, nationale Debatte angefacht wurde über die zukünftige Richtung des Landes“. Er ließ aber keinen Zweifel daran, dass diese Zukunft touristisch sein wird. Es wäre auch zu schade, wenn die Malediven untergingen, bevor sie irgendwann vom Meer geschluckt werden.

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