https://www.faz.net/-gxh-pjx1

Madagaskar : Unter Lemuren

  • -Aktualisiert am

Farbwechsler auf Madagaskar: das Chamäleon Bild: Jochen Büttner

Für Biologen ist Madagaskar eine Art Pompeji: ein einzigartiges Fenster in die Vergangenheit, das einen Blick auf faszinierende Tierarten gewährt, die auf der Insel überlebt haben.

          Humboldts Papagei zum Beispiel: der kam aus Madagaskar. Um 1800 schlüpfte er dort aus dem Ei, kam auf ein Boot, schipperte über die Weltmeere, um dann, später, über dreißig Jahre mit dem Berliner Gelehrten eine Wohnung zu teilen. Zuletzt lebten sie zusammen in der Oranienburger Straße 67, wo Jakob, der madegassische Papagei, von Humboldt folgenden Satz aufschnappte: „Viel Zucker, viel Kaffee, Herr Seifert!“

          Egal, ob es sich bei seinem Gegenüber nun um Humboldts Diener Johann Seifert handelte oder nicht, Jakob plapperte beharrlich den immer gleichen Satz heraus. Auch als Humboldt ihn fragte, wer von ihnen beiden wohl zuerst sterben werde, blieb Jakob dabei. Viel Zucker. Viel Kaffee. Herr Seifert - eine Antwort von „unangenehmer Sinnlichkeit“, wie Humboldt betrübt notierte. Jakob starb schließlich am 31. Januar 1859. Humboldt vier Monate später, im Mai.

          Papagei-Ausfuhr verboten

          Doch Madagaskars Papagei reist nicht mehr. Die Ausfuhr des eleganten schiefergrauen Vogels ist inzwischen verboten. Wer Jakobs Ahnen, den Coracopsis vasa vasa, sprechen hören will, muß zu ihm fahren. Jedes Jahr besuchen etwa 1,7 Millionen Touristen den afrikanischen Inselstaat, nicht viel für die viertgrößte Insel der Welt. Die meisten kommen aus Frankreich, Italien, Deutschland und der Schweiz, einige aus Südafrika. Nach dem Frühstück kreist nun im Hotel „Le Palmarium“ der Vasa-Papagei über ihren Köpfen, zieht seine Flugbahnen enger, bis er auf einem Ast landet und, in die Fotoapparate der Touristen hinein, zu sprechen beginnt. Zu einem Dutzend surrender Bildsucher sagt er: „Maki! Maki! Maki!“ Legt den Kopf schief. Ißt eine Erdnuß. Und fliegt davon.

          Der Krachmacher: Varilemuren sind die Meister des konzertierten Lärms

          Die Urlauber haben verstanden. Der Papagei sprach madegassisch. Dreimal das madegassische Wort für die berühmten koboltäugigen Halbaffen der Insel. „Makis“, das sind auf deutsch die Lemuren - in Bayern würden sie wohl unter die Wolpertinger fallen. Denn ein Lemur sieht nicht aus wie ein Tier, sondern wie eine Mischung aus mindestens zweien. Noch dazu gleicht keine der über dreißig Arten der anderen: es gibt zartgliederige Lemuren, die aussehen, als habe Mutter Natur Feen in Fellpyjamas eingenäht. Bullige, die an kleine Bären erinnern, mit Bärten wie Gamsböcke. Schlanke weiße, mit schwarzen Gesichtern, die ihren Pelz wie einen anmutigen Astronautenanzug tragen.

          Die Weibchen haben das Sagen

          Dazu kommen wieselhafte mit dunklen Zorromasken - mausgroße, koalabärartige, pandahafte oder waschbärgleiche. Bis auf den größten Lemur, den Indri, besitzen alle einen langen Schwanz. Gemeinsam sind ihnen die samtigen Händchen, bei denen, wie beim Menschen, der Daumen abgeteilt ist. Sie ernähren sich vegetarisch. Ab und an gibt's Heuschrecken oder Käfer. Bei den meisten Lemurenarten haben die Weibchen das Sagen. Sie leiten die Gruppe zur Futterstelle und essen zuerst. Für Biologen ist Madagaskar eine Art Pompeji: ein einzigartiges Fenster in die Vergangenheit. Im Lemur blickt uns das Eozän an wie aus Pompejis Mosaiken der Späthellenismus. Näher kann man der Geschichte nicht kommen.

          Der Halbaffe gilt als die nächste lebende Entsprechung des Urtieres, aus dem die Primaten, einschließlich des Menschen, hervorgingen. Daß der Lemur überlebt hat, verdankt er einer Katastrophe: Vor 250 Millionen Jahren zerbrach der Urkontinent Gondwana, Afrika und Asien, davor eine Landmasse, trieben auseinander, und Madagaskar trudelte allein in den Indischen Ozean. Als im Laufe der Evolution in Afrika neue Primatenarten entstanden, die alte Formen verdrängten, fand der Lemur seine Zufluchtsstätte auf Madagaskar. Pompeji überdauerte, weil es ein Vulkanausbruch verschüttete. Der Lemur, weil er sich vierhundert Kilometer vor die Ostküste Afrikas rettete, auf eine riesige Scherbe des Urkontinents Gondwana.

          Weitere Themen

          Der Hyänen-Anteil

          Airbnb expandiert : Der Hyänen-Anteil

          Ufo-Jagd in Arizona und Spurensuche mit kenianischen Stämmen: Airbnb hat jetzt „Adventures“ im Programm. Die Arbeit machen die Einheimischen. Was soll das?

          Massentourismus am Weltwunder Petra Video-Seite öffnen

          Jordanien : Massentourismus am Weltwunder Petra

          Die Felsenstadt Petra in Jordanien leidet unter den jährlich wachsenden Besucherzahlen. Wie viel Massentourismus verträgt ein Weltwunder? F.A.Z.-Redakteurin Elena Witzeck hat sich vor Ort umgesehen.

          Am Ende der Straße

          Bei den Cree in Kanada : Am Ende der Straße

          Eeyou Istchee ist das Land der Cree-Indianer. Die Region liegt im Norden von Quebec, sie ist größer als Deutschland, nur 18.000 Menschen leben hier: Eine Reise an die Gestade der James Bay.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Thomas Holl

          FAZ.NET-Sprinter : Sorge vor neuem rechtsextremem Terror

          Wie real ist die Gefahr eines neuen rechtsextremen Terrornetzwerks nach dem Mordfall Lübcke? Wer profitiert vom geplanten Abbau des Solidaritätszuschlags? Und warum lohnt sich das Sammeln antiker Münzen? Der FAZ.NET Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.