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Madagaskar : Die Gezeichneten dieser Erde

  • -Aktualisiert am

Die meisten Madagassen leben in sehr einfachen Lebensverhältnissen Bild: Jochen Büttner

Der Trickfilm „Madagaskar“ kommt demnächst in die Kinos und könnte mehr Touristen auf die Insel holen. Das ist gut, solange die sich darauf einstellen, Armut zu begegnen.

          Wenn in diesen Tage der Zeichentrickfilm "Madagaskar" in die Kinos kommt, ist das nicht der erste Comic, der auf Madagaskar spielt, sondern bereits der zweite. Bei der neuesten Dreamworks-Produktion handelt es sich dabei um einen Blockbuster, der überall auf der Welt zu sehen sein wird, nur nicht auf Madagaskar. Den ersten Madagaskar-Comic dagegen gab es nur auf der Insel - und nirgends sonst. Er erschien 1990 und war das Gemeinschaftswerk eines französischen Zoologieprofessors und eines Künstlers, unterstützt von der Unesco und Umweltschutzinitiativen.

          Einem der ärmsten Länder der Welt einen Comic zu schenken klingt zunächst nicht gerade nach einer ausgezeichneten Idee.

          War es aber.

          Um das zu verstehen, sollte man sich in die Perspektive des Ausländers versetzen, eines Touristen, der wie einst der Zoologieprofessor aus Frankreich nach Madagaskar kommt. Wie fühlt sich ein Reisender aus einer westlichen Industrienation? Beeindruckt, überwältigt, berührt, einerseits. Die viertgrößte Insel der Welt, rund 400 Kilometer von der afrikanischen Ostküste entfernt, beherbergt eine bezaubernde Artenvielfalt: Chamäleons, Schleichkatzen und vor allem Halbaffen - die berühmten Lemuren.

          Fast ein Drittel der Bevölkerung sind Analphabeten

          Das ist die eine Seite. Die andere macht einen beklommen, nachdenklich, betroffen. Zuletzt fand man Madagaskar auf der Liste der ärmsten Länder der Welt. Übersetzt heißt das: Was ein Madagasse durchschnittlich am Tag verdient, schmeißen wir beim Einkaufsbummel in die Parkuhr. Um während Dürreperioden Nahrungsmittel zu kaufen, fehlt den meisten das Geld. Sie verhungern. Fast ein Drittel der Bevölkerung sind Analphabeten.

          Auf der Reise wird also für jeden Touristen irgendwann der Punkt kommen, an dem er sich fragt: was tun? Vielleicht Geld verschenken? Keine gute Idee, erklärt einem jeder madagassische Führer. Aus Almosenempfängern werden in touristischen Gebieten Bettler. Einen bisher auf der Insel wenig verbreiteten Lebenswandel zu fördern, der vom schwankenden Mitleidspegel Reisender abhängig ist, möchte niemand. Die empfundene Abhängigkeit führt auf beiden Seiten zu Unbehagen und Spannungen.

          „Lemuren in Gefahr“

          Und genau aus diesen Gründen war der erste Madagaskar-Comic eine glänzende Idee. "Anosingidro tandindomin-doza" lautet der Titel, übersetzt "Lemuren in Gefahr". Erzählt wird die Geschichte, wie einst die Lemuren über den mocambiquanischen Kanal auf die Insel kamen, wovon sie sich ernähren, wo sie leben und wer ihre Feinde sind, darunter vor allem der Mensch. Als der Comic 1990 erschien, waren achtzig Prozent der Wälder verschwunden. Heute stehen kaum noch zehn Prozent. Zu den Hauptursachen zählt Brandrodung für landwirtschaftliche Zwecke, die in Madagaskar, wo viele Menschen Selbstversorger sind, traditionell betrieben wird.

          Der erste Madagaskar-Comic ist so etwas wie "Der Maulwurf Grabowski", ein engagiertes Kinderbuch, das darauf setzt, daß die nächste Generation anders handeln wird als die vorangegangene. Dahinter steht die Einsicht, daß, will man die Natur, die Menschen und Tiere darin, retten, die Bildung der Kinder der einzig mögliche Weg ist. Mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung sind jünger als fünfzehn Jahre. Für diese Kinder kann jeder Tourist etwas tun.

          Wer Eintritt zahlt, investiert in Bildung

          Statt willkürlich Almosen zu verteilen, lohnt es sich zum Beispiel, sich in Toamasina, der alten Hafenstadt an der Ostküste, in ein taxi brousse zu setzen und zum zehn Kilometer entfernten Naturpark Ivoloina zu fahren. Zwischen riesigen Bäumen findet sich dort auf dem Gelände ein kleiner hügeliger Zoo, durch den über hundert Lemuren tollen, einige frei, andere in Gehegen, dazu kommen Frösche, Schildkröten und Vögel, viele von ihnen konfiszierte Schmuggelware.

          Wer hier Eintritt zahlt, investiert in Bildung. An Samstagen wird in Ivoloina noch immer der Comic des Zoologieprofessors gelesen. Dann verwandelt sich das Gelände in eine große Freiluftschule. Junge madagassische Hochschulabgänger erklären das Leben der Lemuren und führen auf der angeschlossenen landwirtschaftlichen Modellstation in Techniken für nachhaltigen Anbau ein. Die alternativen Methoden sind nicht nur umweltfreundlicher als die Brandrodung, sondern auch ertragreicher. Bis zu hundert Kinder werden hier kostenlos unterrichtet. Das kann man hochrechnen, auf Schüler pro Jahr. Und multiplizieren, mit den Familienmitgliedern, in die das neu erworbene Wissen zurückgetragen wird.

          Wünsche? Einen Stift, ein Schulheft, ein wenig Kreide

          Ivoloina wurde von zwei Primatenforschern der amerikanischen Duke-Universität begründet. Inzwischen zählt das Projekt dreißig madagassische Mitarbeiter, geleitet wird es von Karen Freeman, einer jungen Biologin aus England.

          Wenn morgens in Ivoloina die Pforten für die Besucher öffnen, ist Madame Rasoarivelo bereits eine Stunde von ihrem Wohnort zu einem kleinen Fischerdorf südlich von Toamasina gelaufen, um dort vierzig Kinder zwischen sechs und vierzehn zu unterrichten. In den beiden vergangenen Jahren hat die Regierung unter dem 2002 gewählten Präsident Marc Ravalomanana jedem Schulanfänger einen Ranzen mit einem Stift und einem Heft geschenkt.

          Was sich Madame Rasoarivelo wünscht? Vielleicht noch ein, zwei Stifte und wieder einmal ein Heft für ihre Schüler, Tafelkreide für sich selbst. Sie erklärt dem Touristen den Weg zum nächsten Schreibwarenladen. Madame Rasoarivelo war noch nie im Kino. Auf Madagaskar gibt es keine Kinos. Den neuen Madagaskar-Film wird sie nicht sehen. In ihrem Französischlehrbuch gibt es nur einen kleinen gezeichneten Lemur auf Papier. Wenn morgen ihre Schüler einen Stift hätten, um "lemuriens" in ihr neues Heft zu schreiben, wäre das ein guter Tag.

          Einreise: Das Visum wird vor Ort am Flughafen ausgestellt oder vorher bei der Botschaft Madagaskars (Telefon 03322/2314-0, www.botschaft-madagaskar.de.), eine Malaria-Prophylaxe ist empfohlen.

          Rundreisen: Dertour hat mehrere Rundreisen sowie Hotels für den individuellen Aufenthalt im Programm: Die Reise "Naturerlebnis Madagaskar" dauert sechs Tage, Preis (inkl. Flug, Übernachtung, qualifizierte Reiseleitung) kostet ab 2009 Euro. Eine Privatreise mit Chauffeur ab/bis Antananarivo kostet ab 1146 Euro. Weitere Informationen im Reisebüro oder unter www.dertour.de. Gebeco nennt seine 15tägige Rundreise "Höhepunkte Madagaskars", Preis ab 2895 Euro (www.gebeco.de); bei Marco Polo kann man Madagaskar 13 Tage lang individuell mit Fahrer erkunden; ab 3269 Euro, www.marco-polo-reisen.com.

          Weitere Informationen zu den Projekten des Naturparks Ivoloina finden sich unter www.savethelemur.org. kaka

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