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Litauen : Schöne Grüße von Väterchen Stalin

  • -Aktualisiert am

Held in Übergröße: Dieser Lenin im Geschichtspark Grutas in Litauen list unverwüstlicher als seine Ideen. Bild:

Wie eine ideologisch nicht ganz einwandfreie Reminiszenz an jene Ära der UdSSR, die für den Thermalbetrieb im Süden Litauens höchst einträglich war, mutet der Geschichtspark in Grutas an, einem Dorf sieben Kilometer östlich von Druskininkai.

          Zu Sowjetzeiten war Druskininkai ein berühmter Kurort. Nicht nur die kommunistische Nomenklatura ließ sich in den litauischen Bädern, Saunen und Massageräumen kurieren. Auch eine halbe Million verdienter Arbeiter durfte Jahr für Jahr zur Regeneration in die Sanatorien reisen. Doch seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 gehen die Geschäfte mit den eisenhaltigen Quellen schlecht. Kaum ein Litauer kann sich die kostspieligen Behandlungen noch leisten. Auch aus dem nur wenig weniger armen Nachbarland Polen kommen immer seltener Gäste, während Wellness-Touristen aus Westeuropa bislang gänzlich ausbleiben und wohlhabende Russen zur Gesundheitsfürsorge lieber nach Marbella, Dubai oder auf die Seychellen fliegen.

          Wie eine ideologisch nicht ganz einwandfreie Reminiszenz an jene Ära der UdSSR, die für den Thermalbetrieb im Süden Litauens höchst einträglich war, mutet der Geschichtspark in Grutas an, einem Dorf sieben Kilometer östlich von Druskininkai. Auf dem zwanzig Hektar großen Gelände wurde 2001 ein Freilichtmuseum eröffnet, in dem eine erstaunliche Mischung aus unverbesserlicher Nostalgie und dringend nötiger Vergangenheitsbewältigung geboten wird. Marx, Engels und Lenin, Stalin, Chruschtschow und Breschnew, KGB-Agenten, Rotarmisten und mit Maschinengewehren bewaffnete revolutionäre Bäuerinnen - auf dem bizarren Friedhof der Untoten von Grutas sind sie alle versammelt. In Form von Statuen, Büsten und Reliefs warben die Heroen des Sowjetsystems einst in Litauens Städten für die kommunistischen Ideale. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurden sie kollektiv vom Sockel gestoßen, um, sofern man sie nicht zerstückelte oder einschmolz, auf diesem Schrottplatz der Geschichte wiederaufzuerstehen.

          Millionär mit Pilzen und Beeren

          Die Idee zu dem Park stammt von Viliumas Malinauskas. Der ehemalige litauische Meister im Schwergewichtsringen und gelernte Zootierpfleger amtierte vor der Wende als Kolchose-Direktor und wurde nach 1991 als Pilzzüchter zum Millionär. Hesona, seine Firma, beliefert heute halb Westeuropa und die Vereinigten Staaten mit Pilzen und Beeren und zählt zu den größten Arbeitgebern in der Region um Druskininkai. Der ganze Stolz des umtriebigen Unternehmers aber ist das Skulpturenareal, in das er seit 1999 eine Million Euro investiert hat. Sein vorrangiges Ziel sei es, wie Malinauskas stets betont, die Sowjetzeit nicht zu verherrlichen, sondern die Unterdrückung durch ein Regime anzuprangern, dem nach der Annexion Litauens im Jahre 1940 mehrere hunderttausend seiner Landsleute zum Opfer fielen.

          Sowejtsentimentalität soll hier gar nicht erst aufkommen - tut es bei manchem Besucher aber doch.

          Gleich hinter dem Eingang stehen auf ein paar Metern Schienen einige jener Viehwaggons, in denen die rebellischen Litauer damals in sibirische Straflager deportiert wurden. Dann betritt der Besucher einen von Stacheldrähten umzäunten Wald, in dem sich zwischen Kiefern und Birken nachgebaute Wachtürme des Gulags und die neunzig Statuen verstecken, die Malinauskas nach und nach aufgekauft hat. Das größte Exponat, eine Partisanengruppe, wiegt mehr als hundert Tonnen. Eindruck machen auch der vier Meter hohe, in Bronze gegossene Lenin, der überlebensgroße, in Granit gemeißelte Kopf von Karl Marx, die übermannshohe Arbeiterfrau, die in der Hand eine Kalaschnikow hält. Um dem Retrogefühl auch gastronomisch zu huldigen, können die Gäste des Blockhüttenrestaurants sich von Kellnerinnen mit rotem Halstuch Borschtsch-Suppe, Sprotten, Zwiebeln, Wodka und andere kulinarische Spezialitäten aus UdSSR-Zeiten servieren lassen, auf Wunsch auch gern auf Blechtellern mit Alubesteck. Im Andenkenladen gibt es definitiv kein Entkommen vor der Geschichte mehr. Auf Gläsern, Tassen und Bechern sind die Exhelden als Abziehbildchen verewigt. Von unzähligen Ansteckern, Schlüsselanhängern, Fähnchen und Schals strahlen die Konterfeis derer, die vom litauischen Volk bis heute als Vertreter einer gnadenlosen Besatzungsmacht empfunden werden.

          Personenkult als Touristenattraktion

          Kein Wunder, dass Malinauskas' Plan anfangs auf massive Ablehnung stieß. Die Frage war, ob der typisch kommunistische Personenkult ein für alle Mal verurteilt oder nicht eher neu befeuert würde. Die meisten Kritiker sind inzwischen verstummt. Der wirtschaftliche Erfolg der Einrichtung hat alle politischen Bedenken beseitigt, längst gilt der Park mit seinen jährlich zweihunderttausend Besuchern als populärste Sehenswürdigkeit im ganzen Land. Von den Touristen und ihrem Geld profitiert auch die Geschäftswelt im nahen Druskininkai, sehr zur Freude des dortigen Bürgermeisters. Der ist übrigens der Sohn des ehemals umstrittenen, mittlerweile aber als Wohltäter geachteten Parkgründers.

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