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Libyen : Die Stimmen von Ghadames

  • -Aktualisiert am

In der Altstadt von Tripolis Bild: AP

Tauwetter in der Sahara: Der Schurkenstaat Libyen will zum freundlichen Reiseland werden. Tripolitanien beginnt sich gerade erst vorsichtig dem Fremdenverkehr zu öffnen, Studienreisen sind schon regelmäßig ausgebucht.

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          Hischam Gaga tritt noch einen Schritt näher an den Rand der Dachterrasse und läßt seine Hand über die weißen Häuser ringsum schweifen, als würde er sie streicheln: "Schaut auf diese Stadt!" Ergriffenheit, Stolz und Wehmut schwingen in den Worten des Berbers, als er anhebt, seine alte Heimatstadt zu beschreiben: "Seht nur, die grünen Palmgärten zwischen den strahlenden Fassaden und dem Sand! Schaut euch dieses vollkommene Prinzip der überdachten Gassen an, das die Frauen auf den Dächern vor den Blicken der Männer verbarg! Dort drüben bin ich aufgewachsen. Habt ihr das Haus gesehen?"

          Hischam bricht ab, doch seine Worte liegen wie ein Zauber über dieser Stadt im Dreiländereck von Libyen, Algerien und Tunesien. Deren ehemalige Bewohner sprechen von ihr wie von einer verlorenen Tochter, dabei waren sie es doch, die diesem Ort den Rücken kehren mußten: Ghadames. Perle der Sahara, Quell der Fruchtbarkeit in der Wüste. Ehemals stolze Herrscherin über die Karawanenrouten des Transsahara-Handels: Dattelpalmen, Feigen-, Granatapfel- und Zitrusbäume, Zucchinistauden und Melonenfelder. "Den Tuareg erschien Ghadames als das Paradies", sagt Hischam Gaga.

          Erfrischend unprofessionell

          Heute ist das Paradies verlassen. Ein Modernisierungsprogramm zwang die libysche Regierung im Jahr 1983, die seßhaft gewordenen Tuareg in Betonhäuser umzusiedeln, und vernichtete so über Nacht eine jahrtausendealte Stadtkultur. Seit kurzem wird das Paradies nun wiederentdeckt von Touristen aus Europa, die sich nicht abhalten lassen vom noch immer negativen Ruf Libyens. Sie werden angelockt von einer der eindrucksvollsten Regionen Nordafrikas: Tripolitanien im Nordwesten Libyens bietet zwischen der Oasenstadt Ghadames und den antiken Ruinen an der Küste so viele Sehenswürdigkeiten, daß es sich hinter den Besuchermagneten Tunesien und Ägypten nicht verstecken muß.

          Die Düne Takarkiba sollen Touristen erst entdecken
          Die Düne Takarkiba sollen Touristen erst entdecken : Bild: Volkmar Janicke

          Tripolitanien beginnt sich gerade erst vorsichtig dem Fremdenverkehr zu öffnen, folglich stoßen Besucher allerorten auf eine erfrischende Unprofessionalität. Man mag es auch Unverdorbenheit nennen. Wer nicht auf Planungssicherheit besteht, kann in Libyens Schmuckkammer Kulturschätze ersten Ranges entdecken, ohne sich über Banausen ärgern zu müssen, die ihm in einer Ruinenstadt wie Leptis Magna vor die Kamera tappen oder die Magie dieser besterhaltenen römischen Metropole Nordafrikas durch lautes Gerede stören. Zahlreiche Polizeidienste observieren das wohlhabendste Land Afrikas, ohne daß der Eindruck eines Überwachungsstaates entstünde. "Mittlerweile schreiben sogar unsere eigenen Zeitungen kritisch über die Regierung, und Revolutionsführer Gaddafi gesteht Fehler seiner früheren Politik ein", behauptet der Rechtsanwalt Omar Howidi und fügt hinzu: "Unser Ansehen in der Welt ist auch deshalb so schlecht, weil die westlichen Medien, wenn sie sich schon mal mit Libyen befassen, nur die Politik beleuchten, das Leben der Menschen aber ausblenden."

          Studienreisen regelmäßig ausgebucht

          35 Milliarden US-Dollar will die Regierung bis 2006 in den Tourismus investieren, dabei sollen Studienreisen und Wellness-Angebote für maximal drei Millionen Besucher pro Jahr im Vordergrund stehen. An Massentourismus ist nicht gedacht. Wellness in Libyen? In Al-Adjilat nahe der Grenze zu Tunesien sprudeln heiße Schwefelquellen aus dem Sand, und auf der Mittelmeerhalbinsel Farwa ist der Bau mehrerer Erholungshotels geplant. Schon jetzt sind die wenigen Touren deutscher Studienreiseanbieter nach Tripolitanien regelmäßig ausgebucht. Wer allerdings Geld sparen und mehr erleben möchte, wird sich lieber an einen lokalen Reiseveranstalter wenden.

          Denn anders gelangt man nicht an Menschen wie Hischam Gaga. Er hat in der DDR studiert, was ihm aber wie vielen seiner Landsleute keinen dauerhaften Arbeitsplatz beschert hat, und führt nun Besucher durch die labyrinthartigen Gassen seiner Heimatstadt Ghadames, wo einst fünf Karawanenrouten zusammenliefen. Anfang des 9. Jahrhunderts wurden hier jährlich 30.000 Kamele verkauft. Ghadames stieg zum wichtigsten Handelsplatz zwischen der Mittelmeerinsel Djerba und der Stadt Gao am Niger auf, später kamen Verbindungen nach Kairo, Tripolis und Timbuktu hinzu. Neben Edelmetallen und schwarzen Sklaven war Salz eines der begehrtesten Handelsgüter und wurde zeitweise teurer gehandelt als Gold.

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