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Kreuzfahrt : Spaßschiff trifft Hochkultur

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Das führte zu soziologisch interessanten Situationen - Stunden wartete eine Tischgesellschaft aus der Schweiz hungrig vor üppigen Büfetts darauf, dass serviert werde -, und der Erkenntnis: Hier prallen Welten aufeinander, Massenkreuzfahrt und Kulturtourismus, doch am Ende kann ein jeder doch nach seiner Façon selig werden.

Beethoven und die Kuschelinseln

Beim Spiel des Cello-Ensembles auf dem Sonnenanbeter-Biotop Pooldeck flieht die Zuhörerschaft unter Schirme und Bedachungen und atmet auf, als das Schiff in den Wolkenschatten dreht. Konzerte finden von da an nur noch im Theatrium statt, mit bestem Blick auf den gutaussehenden Kontrabass in Bermudas. Drumherum sind Bars, Restaurants und die himbeerfarbigen "Kuschelinseln" arrangiert. In einer grübelt Herr Park aus Seoul, ein Schmuckfabrikant, im Schneidersitz über seinem Brettspiel, während Frau und Tochter Beethovens "Rondo a capriccio" beim Kammerkonzert lauschen. Zum Wiener-Walzer-Tanzkurs muss er dann wie sein Schwiegersohn, ein Anwalt, aber mit.

So oder so ist man akustisch überall mittendrin. Ein Passagier lässt sich zu den Hornklängen der Philharmoniker auf dem virtuellen Golfplatz nebenan die Grifftechnik am Schläger erklären, um sogleich, mit einem lauten Plopp, den Abschlag zu üben. Kaum strafende Blicke. Herr Park deutet auf große Gruppen mit asiatischen Damen. Ihre Männer sind zu Hause geblieben. "Geld verdienen", sagt Herr Park. Nach dem Konzert darf seine Familie Zubin Mehta die Hand schütteln, sie bekommt ihr Autogramm, auch auf dem mitgebrachten Panamahut, und dann lässt sich der Maestro leutselig erst mit der Familie, dann mit der Verwandtschaft fotografieren. Der Höhepunkt, schwärmt der weitgereiste Herr Park mit glühenden Wangen.

In keiner anderen Sparte des Reisens hat sich so viel verändert wie auf See. Vorurteile, nicht Vorfreude prägten lange das Ansehen der Kreuzfahrt in Deutschland. Langweilig, altmodisch, teuer. Noch den schönsten und elegantesten Schiffen haftete das Schimpfwort "schwimmendes Altenheim" an.

Seereisen im Aufschwung

Heute besteht an der strahlenden Zukunft der Seereise um des Vergnügens willen trotz Klimadebatte und schwindelerregender Ölpreise kein Zweifel mehr. Das belegen neueste Zahlen vom Statistischen Bundesamt, das belegt die Kreuzfahrtstudie des Deutschen Reiseverbands. Danach wuchs der gesamte deutsche Kreuzfahrtmarkt 2007 um acht Prozent auf mehr als eine Million Passagiere, fast achthunderttausend Urlauber unternahmen Hochsee-Kreuzfahrten. Ein Fünftel buchte, mit zunehmender Tendenz, Angebote zwischen 75 und 125 Euro je Tag, ein weiteres Fünftel ein Schiff der Oberklasse, mit Tagespreisen von mehr als 250 Euro. Auf den im vorigen Jahr vier Schiffen von Marktführer "Aida Cruises" - 120 bis 300 Euro pro Kopf und Tag - reisten mehr als eine Viertelmillion Menschen. Bis 2012 soll der Aida-Schiffspark neun Kussmund-Schwestern aufweisen.

"Aida Cruises" aus Rostock ist die Lieblingstochter von Weltmarktführer Carnival, der ihr die Traumrendite von etwa 25 Prozent - im Pauschaltourismus wird ein Zehntel davon erreicht - mit dieser Milliardeninvestition dankt. Zweiundzwanzig neue Schiffe hat der Kreuzfahrtmulti aus Miami insgesamt im Bau, zumeist in europäischen Werften. Doch die Werften kommen nicht nach. Notgedrungen musste die Tui auf ein gebrauchtes Schiff ihres amerikanischen Joint-Venture-Partners Royal Carribean zurückgreifen, das jetzt, nach der unendlichen Geschichte des Wiedereinstiegs der Tui ins lukrative Kreuzfahrtgeschäft, im Geschwindschritt für die Taufe nächstes Frühjahr umgerüstet wird.

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