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Kreuzfahrt : Mit den Wiener Philharmonikern auf hoher See

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Die Zeit der Stehgeiger ist vorbei. Jetzt kommen ganze Symphonieorchester an Bord. Bild: picture-alliance / dpa

Wann wird er endlich kommen? Ist er etwa schon an Bord? Bange Fragen der Passagiere, die doch nur seinetwegen diese Kreuzfahrt angetreten haben. Den Pianisten Lang Lang wollen sie hören, die meisten der Passagiere jedenfalls.

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          Wann wird er endlich kommen? Ist er etwa schon an Bord? Bange Fragen der Passagiere, die doch nur seinetwegen diese Kreuzfahrt angetreten haben. Den Pianisten Lang Lang wollen sie hören, die meisten der Passagiere jedenfalls. Andere sind Fans der Wiener Philharmoniker oder Bewunderer von Zubin Mehta, deren Chefdirigenten.

          Es ist die Liebe zur Musik, die die zweitausend Passagiere der "Aida Diva" auf ihrer Fahrt, bei der es von Palma nach Valetta, Catania, Civitavecchia, Livorno und Barcelona geht, vereint. Für die Musikreise haben die Passagiere fast das Dreifache dessen bezahlt, was eine neuntägige Kreuzfahrt mit der "Aida Diva" normalerweise kostet. Da ist zum Beispiel Maria aus Uruguay, die einmal in ihrem Leben mit dem Maestro sprechen will und hofft, ein gemeinsames Foto mit ihm zu ergattern. Und natürlich freut sie sich auf die Musik, die an Land, aber auch an Bord des Schiffes gespielt werden soll: im "Theatrium", das von den Passagieren wegen seiner kugelförmigen Glasfront auch "Salatschüssel" genannt wird und mit einem Zuschauerraum ausgestattet ist, der sich über drei Stockwerke erstreckt. Alles in ihm ist rund und goldfarben lackiert - sogar die Toilettenräume.

          Beethoven als Dauerschleife

          Während der gesamten Fahrt ist der schwimmende Konzertraum, dessen Akustik die Musiker in den höchsten Tönen loben, überfüllt. Reservierte Plätze - "hier sitzt mein Mann" - werden mit Wollknäuel, Haarbürste oder Puderdose meist schon eine Stunde vor Konzertbeginn freigehalten. Ob man will oder nicht, eingestimmt auf klassische Musik wird man auf der "Aida Diva" auf jedem Schritt. Im Fahrstuhl auf dem Weg zum Frühstück - wir treffen auf Musiker in kurzen Hosen, Sandalen, vorhin noch im Bademantel am Pool gesichtet - läuft Beethovens Fünfte als Dauerschleife. Im "Weite-Welt-Restaurant" ertönen die Ungarischen Tänze zum Bohnencurry, und im Restaurant "Rossini" wird die Gänsestopfleber von Siegfrieds Rheinfahrt beschallt.

          Schon am ersten Seetag strömen die Passagiere in das Konzert von einer der vielen Kammermusikformationen, die auf dem Schiff auftreten werden. Die Atmosphäre erinnert ein wenig an Kurparkmusik: Niemand "muss" zwei Stunden aushalten im "Theatrium", sondern kann zwischendurch ein wenig in der Sonne flanieren, mit einem Latte Macchiato den Blick auf das Meer genießen oder Pizza essen gehen auf Deck zwölf. Auch dort erklingt Musik, doch beim dritten Satz einer Sonate von Erwin Schulhoff setzt ein Flüchten unter den Flaneuren ein.

          Bratsche mit Sonnenbrille

          Wo bleibt die Konzentration bei dem als "Konzertform der Zukunft" beworbenen Hörerlebnis, das hier an Bord zwischen Seenotrettungsübung um zehn Uhr morgens und dem Ansturm auf das Lunchbuffet ab zwölf Uhr fröhliche Urständ feiern sollte? Egal. Anderntags beim ersten Konzert an Land sind alle Passagiere vollzählig mit dabei. Im Amphitheater der sizilianischen Stadt Taormina erleben wir statt Gladiatorenkämpfen in glühender Mittagshitze Musik von Offenbach bis Bernstein, lauschen den Glissandi der Geigen und dem flirrenden Zirpen der Flöten. Die Bratsche, ganz cool mit Sonnenbrille im Haar, hat flotte Pizzicati zu spielen. Das Programm ist gut durchdacht. Doch es ist heiß. Sehr heiß. Und jene Gäste, die Plätze auf den grasbewachsenen Steinstufen ganz oben gebucht haben, entfernen sich schon bald in Richtung Eisstand. "Es ist viel zu heiß", intonieren die Musiker aus dem Musical Westside-Story, und tatsächlich wirken die verbliebenen Zuhörer ziemlich derangiert. Nur die Japanerinnen, alle mit Hut und Sonnenschirm, besitzen noch Kondition. Wie auch die Musiker: Sie grooven, lassen es fetzen und finden den richtigen Beat für ihre abschließende Jam-Session. Erschöpft kehren wir nach einigen Stunden an Bord zurück.

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