https://www.faz.net/-gxh-nlw7

Kreuzfahrt : Die Welt ist zum Entdecken da

  • -Aktualisiert am

Landgang vom Schlauchboot Bild: Andreas Obst

Passagiere auf Expeditionsschiffen erwarten mehr als geruhsame Kreuzfahrten in den Badewannen des Massentourismus. Sie entdecken das Ochotskische Meer oder Port Lockroy in der Antarktis.

          3 Min.

          Eintrag ins Schiffstagebuch vom Mittwoch, 6. November 2002: "Sonnenaufgang 0535 Uhr, Sonnenuntergang 1830 Uhr. Auf See - auf dem Weg nach Pitcairn. Unser Tag auf See begann sonnig, die ,World Discoverer' pflügte mit 9,6 Knoten durch das Meer. Das Thermometer kletterte schon um 0900 Uhr auf stattliche 26o C im Schatten. Heute war ,Bounty Tag'. Der Großteil von uns fand sich um 0915 Uhr in der Observation Lounge ein, wo der Spielfilm ,Meuterei auf der Bounty' auf Großleinwand zu sehen war. Da wir am nächsten Tag auf der legendären Insel Pitcairn anlanden sollten, befaßten sich die Vorträge unserer Lektoren mit diesen Themen."

          Beschauliche Schiffstagebücher, die viel von Muße und von wenig Urlaubsstreß zeugen, werden heute nicht auf den Vergnügungsdampfern der internationalen Kreuzfahrtbranche geschrieben, sondern eher an Bord von Expeditionsschiffen, die wie die deutsche "World Discoverer" und "Hanseatic" oder die amerikanische "Marco Polo" bis an die Enden der Welt fahren und dabei, wie die "World Discoverer", die "Bremen" und die "Hanseatic", selbst die berüchtigte und bis heute gefährliche Nordwestpassage bezwingen.

          Wo der Spaß niemals endet

          Schiffe dieser Art scheinen die Dinosaurier im modernen Seereisegeschäft zu sein, dessen zeitgemäße Verkaufsargumente auf eine Klientel aus der soziologisch so gefaßten Mittelschicht zielen, die in den letzten Jahren als neue Kundschaft vor allem in Amerika die preiswerte Massennachfrage anheizt. Diese Nachfrage gebar die Megaschiffe, die dreitausend Gäste und mehr über die Meere schippern können. Dabei stand ein neuer Marketinggedanke Pate: freestyle cruising, das Schiff wird als schwimmender Club und Themenpark selbst zum Urlaubsziel, wo der Spaß nie zu Ende geht. Häfen oder Länder, die das Schiff anläuft, spielen keine wesentliche Rolle mehr.

          Die Massentransporte verlangten aber auch nach neuen Konstruktionen. So entstanden schwimmende Riesenkörper mit flachen Rümpfen und extrem hohen Aufbauten - Schiffe, die ungeeignet für Ozeane und Meeresregionen sind, wo starke Winde wehen und hohe Wellen gehen. Deswegen kreuzen die Massentourismusschiffe bevorzugt in der Karibik, in der Ostsee und im Mittelmeer.

          Auf Expeditionsschiffen reist die Elite

          Die "Zielort-Kreuzfahrt", wie es in der Branche heißt, gilt im Kreuzfahrttourismus inzwischen als Nischenmarkt. Ihn haben die Expeditionskreuzer besetzt. In den Badewannen des internationalen Massentourismus werden sie deshalb selten ankern. Am reinsten verkörpert die "World Discoverer" den Typus des Expeditionsschiffs, das nie im Hafen von Palma, Piräus oder rund um die Bahamas zu sehen sein wird. Sie fährt mit maximal hundertfünfzig Passagieren nach klassischem, auf See freilich unmodern gewordenem Motto: Entdecke die Welt, das noch wenig Bekannte und Gesehene. Dazu zählen Beringsee oder Ochotskisches Meer, die Inselketten der Kurilen oder Aleuten, das Louisiaden-Archipel im Pazifik oder Port Lockroy in der Antarktis. Dort fahren auch die luxuriöse "Hanseatic" von Hapag Lloyd und ihr Vier-Sterne-Schwesterschiff "Bremen" ebenso wie die mit vier Sternen geschmückte "Marco Polo" von Orient Lines. Während "Hanseatic" und "Marco Polo" durchaus auch mal im Mittelmeer anzutreffen sind, steuert die "Bremen" exotischere Ziele an.

          Passagiere auf Expeditionsschiffen sind eine besondere Spezies von Touristen: wohlhabend und neugierig, sie wollen erforschen und entdecken; sie fühlen sich als Elite der Kreuzfahrttouristen, ihnen ist beispielsweise die Erkundung der Flora und Fauna eines Eilands wichtiger als die Wellness-Oasen aller neuen Urlaubswelten. Aus diesem Grund begleiten stets Wissenschaftler der unterschiedlichsten Fachrichtungen und viele bildende Vorträge die Entdeckungsfahrten etwa der "World Discoverer". Ihre Gäste suchen das kalkulierte, das mit Sterne-Komfort abgepolsterte Abenteuer.

          Dem Buckelwal ganz nahe

          Dazu paßt der Unternehmensgrundsatz ihrer Eigner: "Es ist der Wunsch, Menschen mit Entdeckerfreude und Abenteuerlust zu den weltweit exotischsten und entlegensten Regionen zu begleiten." Dafür ist das Schiff bestens gerüstet. Sie sei eines der wenigen Expeditionsschiffe weltweit, heißt es in Broschüren der Reederei, das Flexibilität und Komfort perfekt miteinander verbinde. Durch ihren geringen Tiefgang sowie ihre Einstufung in die höchstmögliche Eisklasse, die einem Passagierschiff verliehen werden könne, sei ein dichtes Heranfahren an Inseln und Atolle oder das Packeis beider Polarregionen problemlos möglich. Das erlaubt der "World Discoverer", Ziele anzusteuern, die weit außerhalb des Streckennetzes herkömmlicher Kreuzfahrtschiffe liegen. Dabei spielen, wie bei allen Expeditionsschiffen, die wendigen Landungsboote eine wichtige Rolle. Sie erlauben es den Gästen, sich ganz nahe an Korallenriffe, Pinguine, Buckelwale und antarktisches Labkraut heranzupirschen.

          Allerdings geraten die Expeditionsschiffe deshalb auch immer wieder ins Visier von Umweltschützern. Ihnen liegt insbesondere die Antarktis am Herzen, wo inzwischen Jahr für Jahr weit mehr als zehntausend Passagiere angelandet werden, die mit ihren Fußspuren und Abfällen eines der empfindlichsten Ökosysteme der Erde bedrohen. Die Antarktis ist zu einem Renner des internationalen Expeditionsschiffstourismus geworden. Dort kreuzen heute spartanisch ausgerüstete russische Eisbrecher und Expeditionsschiffe mit Touristen an Bord die Routen der westlichen Luxusliner.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Die durchschnittliche Spendensumme für Bernie Sanders liegt bei 18,07 Dollar.

          Unsummen im Wahlkampf : Das weiße Haus des Geldes

          Wer keine Fernsehspots kaufen kann, hat das Nachsehen beim Kampf um die Aufmerksamkeit der demokratischen Wähler. Die Konkurrenz der Milliardäre macht es noch schwerer – aber manche Kandidaten sind davon unbeeindruckt.

          Nach dem Sieg in Mainz : Darum funktioniert der BVB plötzlich

          Gab es mal Zweifel um Trainer Lucien Favre beim BVB? Plötzlich hat der Trainer nach dem Sieg in Mainz einen Rekord gebrochen. Aber reicht das für einen Gegner wie Leipzig am Dienstag? Nordenglische Klubs will Manager Zorc jedenfalls lieber meiden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.