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Kreuzfahrt : Bollywood an Bord, Kosmos im Einklang

  • -Aktualisiert am

Bollywood an Bord: „MS Europa” Bild: Hapag-Lloyd

Seereisen werden sorgfältig komponiert, damit die Gäste nicht unvorbereitet an Land gehen. Unterwegs mit der "MS Europa" im Indischen Ozean.

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          Der Mann mit der Klarinette schreitet, dem Rattenfänger von Hameln gleich, die Reihen der Kinder ab. Er spielt das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert. Mädchen und Jungen allen Alters sitzen um ihn herum und hören andächtig zu. Die Kleinen des SOS-Kinderdorfes der indischen Stadt Kochi haben ihre schönsten Kleider für den Besuch der "MS Europa"-Passagiere angezogen. Die Reederei Hapag-Lloyd, unter deren Flagge das Kreuzfahrtschiff fährt, unterstützt das Kinderdorf mit Spenden. Seine kleinen Bewohner scheinen die Musik als genauso exotisch zu empfinden wie die Kreuzfahrtpassagiere ihren Ausflug in das Landesinnere der südindischen Provinz Kerala. Saris und Seidenstoffe haben sie in den Basaren Kochis gekauft, schließlich wird "Indien" das Motto eines Galaabends sein, der sie am nächsten Tag an Bord der "Europa" erwartet. Das Thema der dreiwöchigen Kreuzfahrt dagegen heißt "Magische Momente im Indischen Ozean". In Singapur ist die Reise gestartet, enden wird sie in Dubai.

          Auf der "MS Europa" bemüht man sich, jede Reise zu einem Gesamtkunstwerk zu machen. Jedes Detail ist entsprechend durchkomponiert; das Essen und das Unterhaltungsprogramm an Bord orientiert sich an den Orten, an denen die "Europa" auf der jeweilige Route vor Anker geht. In Indonesien wurden wir mit der Musik eines Gamelan-Ensembles begrüßt. Läuft das Schiff in einen Hafen Australiens ein, musizieren Aborigines auf Didgeridoos für die Passagiere. Und dann sind da noch all die Musiker und Tänzer, die als Kulturbotschafter ihrer Länder für einen Auftritt an Bord engagiert werden. Auch olfaktorisch werden die Gäste auf das Ziel der Reise eingestimmt, durch Düfte, Essenzen und Öle in den bordeigenen Spas: Die Wonnen des Mittelmeers erfahren sie mit Extrakten aus Zitrusfrüchten, reisen sie nach Ägypten, lädt das Spa zu Milchbädern ein, wie einst Kleopatra sie genossen haben soll. Und falls man sich, wie die Passagiere der "MS Europa", gerade im Indischen Ozean befindet, dann machen betörende Aromen aus indischen Ingredienzien die Seele für die kommende Eindrücke empfänglich.

          Italienische Schlager im Andamanischen Meer

          Auf die Flora, Fauna und Topographie des Reiseziels werden wir dagegen durch Vorträge von Lektoren vorbereitet. Lektor Wolfgang Peters, zuständig für Landeskunde, gibt sich große Mühe, damit die Passagiere der "MS Europa" nicht zu jenen deutschen Touristen gehören, die, wie kolportiert wird, Hafenstädte ärmerer Länder nur als "zu laut, zu schmutzig, zu heiß" beschreiben. Der Ayurveda-Experte dagegen empfiehlt uns in seinem Vortrag, keine eiskalten Getränke mehr zu trinken: Sonst wird das Verdauungsfeuer gelöscht. Der gelernte Schulmediziner erzählt von den "drei Doshas" - Körper und Geist müssen mit dem Kosmos in Übereinstimmung gebracht werden, lernen wir. Religionswissenschaftler Robert Kötter dagegen will uns über die Geheimnisse der Weltreligionen aufklären. Er philosophiert, doziert, spricht von Ängsten, von einer Welt ohne Verzauberung, von Religionen als Quellen des Reichtums, und sagt: "Nicht nur das Beten lehrt die Not." Richtig zuhören ihm alle eigentlich erst, als er von seiner Zeit als Novize in einem buddhistischen Kloster erzählt. Sein Vortrag wird von der Lautsprecher-durchsage des Staff-Captains unterbrochen. Sie ertönt auf dem ganzen Schiff, wie jeden Tag um diese Zeit: "Das Wetter ist schön, bleibt schön; genießen Sie das Schiff und, nicht zu vergessen, das Leben!"

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