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Kreta : Eßt dort, wo die schwarze Witwe kocht

  • -Aktualisiert am

Kreta ist fast dreihundert Kilometer lang, im Schnitt vierzig Kilometer breit und hat drei Gebirgsstöcke mit sechzig Gipfeln, die höher als zweitausend Meter sind. Soviel zu den Fakten. Dem Mythos freilich kommt man damit nicht auf die Spur.

          Kreta ist fast dreihundert Kilometer lang, im Schnitt vierzig Kilometer breit und hat drei Gebirgsstöcke mit sechzig Gipfeln, die höher als zweitausend Meter sind. Der bekannteste Schriftsteller der Insel ist Nikos Kazantsakis, der berühmteste Musiker Mikis Theodorakis, und es scheint zwischen Sitia im Osten und Kastelli im Westen meistens die Sonne. Kretas bekanntestes Altertum heißt Knossos; ob allerdings der Minotauros dort hauste, ist ungewiß.Und schon steht man mit einem uß im Mythos, dem man auch sonst auf Kreta nicht entkommt. So ist Kreta etwa keineswegs so, wie es auf Postkarten dargestellt wird - auf absurden Fotografien, die überall in Metallständern vor jedem Kiosk hängen. Denn Männer reiten hier nicht auf Eseln, Frauen backen kein Anisbrot im Lehmofen hinter dem Haus, Bauern dreschen kein Getreide mit dem Holzschlegel, und Fischer fischen heute eher selten.

          Vielmehr fahren die Männer fahren in allradgetriebenen Pritschenwagen herum, schwarzlackiert, mit Kuhfängern so groß wie ein Doppelbett. Frauen kaufen Brot aus dem nächstbesten Elektro-Schnellbackofen. Bauern bauen überhaupt kein Getreide mehr an, weil sie es zum subventionierten EU-Preis in der Kooperative abholenkönnen. Fischer machen ihre bunten Holzboote im Hafen fest, damit sie sich wenigstensin Gedanken vorstellen können, eines Tages wieder auszufahren, um zu fischen, in hundert Jahren vielleicht.

          Fischen mit Dynamit

          Die Strände waren nie besonders toll; in diesen Tagen sind sie nicht besser geworden, höchstens schmutziger. In der Gegend von Heraklion, der mit hundertfünfzigtausend Einwohnern größten menschlichen Siedlung Kretas, sieht es spätabends am Strand so aus, als seien die Müllkutscher der Stadt hier vorbeigekommen, weil sie keine Lust hatten, ihre Fuhre in eine Schlucht in den Bergen zu kippen.

          An den immer noch dünnbesiedelten Küsten im Süden ist das Meer türkisblau, kristallklar und ziemlich tot. Die einhändigen, einbeinigen, kopflosen Jungs der heimischen Fischereizunft haben ihre Fanggebiete dreißig Jahre lang gründlich gesäubert, mit Dynamit vor allem und mit Schleppnetzen so lang wie ein ganzes Fischerleben. Seit einiger Zeit gibt es nicht einmal mehr Seeigel, was die Strandhoteliers und ihre Gäste nicht weiter stören wird.

          Wildkräuter statt Gyros

          Wer über Kreta spricht, muß den Nationaldichter zu Wort kommen lassen. Für Nikos Kazantsakis war die Insel ein lebendes Wesen. Vom Psiloritis aus, dem höchsten Gipfel, auf den er geklettert war, sah er sie zu seinen Füßen liegen, "gebärend und dampfend wie ein Tier". Das stimmt irgendwie noch immer, weil einige Millionen Ziegen und Schafe auf der freien Weide gehen; keiner weiß, wie viele es wirklich sind. Sie werden mit Millionen Euro aus Brüssel bezahlt und gehätschelt.Ihre Hüter brauchen vor allem Straßen und Geld. Die Behüteten brauchen Futter. Sie haben die Bergwelt so schnell und gründlich kahlgefressen, daß die Kinder der Schaf- und Ziegenhirten gar nicht mehr wissen, daß die Almen früher grün statt braun waren, daß die Alten fünfzig, nicht fünfhundert Tiere in der Herde hatten, daß es sogar im Gebirge Bäume gab und daß man mittags Wildkräuter aß statt Gyros; so blieb der Körper schlank, und das Herz schlug kräftig bis ins hohe Alter.

          Wer Kreta früher bereiste, sagen wir vor dreißig Jahren, der wünschte sich, nie mehr nach Hause zurück zu müssen. Im April, wenn sich anderswo der Himmel zuzog, war die Landschaft ein Tollhaus der Natur. Hornissen, Bienen, Schmetterlinge und Nashornkäfer brausten über das dornige Brachland, ein Blütenmeerbreitete sich aus bis an den Horizont. Wer aus dem Flugzeug stieg, in Chania zum Beispiel, der wußte, wo er gelandet war. Kretas Duft, der Duft seiner Kräuter, war unvergleichlich.

          Für jeden ein Bett

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