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Kolumbien : Das Land der Liebe und des Schmerzes

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Vielleicht die schönste Stadt Südamerikas: Cartagena de Indias ist ein Geschenk der Geschichte, das jeden Tag im Jungbrunnen badet. Bild: ASSOCIATED PRESS

Kolumbiens Ruf ist ruiniert, doch es ist ganz anders, als man denkt: Kolumbien ist so schön und anrührend, so widersprüchlich und mitreißend wie kaum ein anderes Land in Lateinamerika. Wer es ungerührt verlässt, hat ein Herz aus Stein.

          11 Min.

          1. Wir wissen alle, wann wir geboren wurden, aber wir wissen nicht, wann wir sterben", sagt der Mann, der sich J.J. nennt und das Leben durchschaut hat, ein sanguinischer Hobbyexistentialist mit Ray-Ban-Sonnenbrillenimitat, Seifenopersuperheldenlächeln und Tropensonnengemüt. "Und was bedeutet das? Genieße jeden Augenblick, Mann, bevor es zu spät ist! Kein Trübsinn, Party! Ich rotte mich jedes Wochenende mit meinen Freunden zusammen, dann kochen wir, trinken, tanzen, ,hacer la vaca' heißt das bei uns, die Kuh machen, keine Ahnung, warum. Für die Jungen gibt's Bier und Rum, für die Alten Whisky, weil wir es hier ab fünfundvierzig alle am Herzen haben, wir essen eben zu viel Frittiertes, und der Whisky weitet die Gefäße, das ist wissenschaftlich erwiesen, das sagt dir jeder Arzt. Und getanzt wird natürlich Cumbia, was sonst, Tradition, Ehrensache, der Tanz der Sklaven, die Fußfesseln tragen mussten und deswegen nicht hüpfen konnten wie daheim in Afrika. Also haben sie den Hüftschwung der Cumbia erfunden, der ist berühmt. Siehst du, so, genau so, immer aus der Hüfte. Das ist die Wahrheit, ich schwör's, und wahr ist auch, dass schon das Wort Cumbia alles über uns sagt: Es bedeutet in der Sklavensprache Glück und Schmerz - voller Schmerzen ist das Leben, und ein Glück ist es, am Leben zu sein."

          J.J. steht auf dem Hausberg seiner Heimatstadt Cartagena de Indias und streichelt zufrieden seinen Rumbierbauch, der schon leichte Ansätze einer Whiskywampe hat, vor sich den Panoramablick auf ein Wunder aus Widersprüchen, hinter sich das vierhundert Jahre alte Augustinerkloster La Popa, dessen Kreuzgang mit Sinnsprüchen des heiligen Augustinus geschmückt ist. "Das Maß der Liebe ist die Liebe ohne Maß", lautet einer, und er klingt so, als habe der Heilige die vergangene Nacht mit J.J. durchgezecht. "Schaut euch das an, meine Stadt, Glück und Schmerz!", sagt er und breitet die Arme aus, als wolle er Cartagena umschlingen, um es nie wieder loszulassen.

          Patrioten nicht nur beim Fußball: Die Kolumbianer sind immer stolz auf ihr Land, auch dann, wenn sie wenig Grund dazu haben.

          Eine pharaonische Festung

          Das Glück wohnt dort hinten in den Appartementhochhäusern von Bocagrande, auf einer schmalen Landzunge, die als Kolumbiens Klein-Miami wie eine Sichel ins Meer schneidet. Und es wohnt in der Altstadt mit ihrem Fort San Felipe, einer pharaonischen Festung, der größten Amerikas, einst Beschützerin des sichersten Hafens der Neuen Welt, durch den alle Reichtümer Südamerikas geschleust wurden, all das Gold und Silber, all die Smaragde aus der unerschöpflichen Erde Kolumbiens. San Felipe ist ein Labyrinth aus Rampen, Kasematten und Wehrtürmen, seiner Wehrhaftigkeit längst beraubt wie ein Samson ohne Schopf, ein steinerner Termitenhügel, durchzogen von schmalen Gängen, so eng, dass darin nur Luft für dreißig Menschen ist. Ein Schild warnt heute die Besucher davor, niemand warnte früher die Feinde, die in die toten Gänge getrieben wurden und dort erstickten.

          Der Schmerz haust auf der anderen Seite der Stadt, in den Slums hinter dem Flughafen, die sich Quadratkilometer um Quadratkilometer in den Dunst des Horizonts wälzen. Achthunderttausend Menschen sollen dort leben, vertrieben aus ihren Dörfern von den linksgerichteten Farc-Guerrilleros oder den rechtsgerichteten Paramilitärs, hier macht es keinen Unterschied mehr. Sie sind die Opfer der unfassbaren Gewalttätigkeit dieses so sanftmütigen Landes, in dem es vier Millionen Binnenflüchtlinge gibt, mehr als im Kongo oder in Afghanistan, und jedes Jahr so viele Minenopfer wie nirgendwo sonst auf der Welt. Es ist ein Land der Paradoxien, das sich seit dem blutigen Ende von Simón Bolívars Traum eines Groß-Kolumbien fast ununterbrochen die Köpfe eingeschlagen hat und trotzdem unendlich stolz auf sich ist; das die Etappen seiner Geschichte "La Violencia" oder "Krieg der tausend Tage" nennt und dennoch in der Rangliste der glücklichsten Staaten immer einen Spitzenplatz belegt; das eine maßlose Lebenslust, eine unstillbare Lebensgier besitzt und mit unbegreiflicher Lust und Gier Leben zerstört; das so kultiviert, so höflich, so menschlich ist und so grausam sein kann; das die phantasievollste Literatur Lateinamerikas schreibt und das einfallsloseste Essen zwischen dem Río Grande und Feuerland kocht - lauter kolumbianische Widersprüche, nach innen und nach außen auch, denn das Bild der Welt von Kolumbien hat nichts mit seiner Wirklichkeit zu tun.

          Liebe auf den ersten Blick

          Die Kronzeugin dafür ist Cartagena de Indias. Wer sie sieht, weiß sofort: Es ist Liebe auf den ersten Blick - zur schönsten, angenehmsten, friedfertigsten Stadt Kolumbiens, wenn nicht ganz Südamerikas. Cartagena ist ein Geschenk der Geschichte. Es wurde von ihr vergoldet und versilbert wie ein karibisches Sevilla, es ist uralt und scheint jeden Tag im Jungbrunnen zu baden, es hat Patina und strahlt so hell bis zur Blendung. Die meisten Städte von solcher Schönheit sind Diven, kapriziös und unnahbar, die erobert werden wollen. Cartagena aber überschüttet jeden mit ihren Reizen: mit hölzernen Balkonen, von denen Blumenkaskaden hinunterstürzen, Arkaden mit Granitsäulen, an denen schon die Konquistadoren ihre Pferde festmachten, schmiedeeisernen Toren, die tapfer Francis Drake standhielten, Fassaden in den fröhlichsten Farben tropischer Früchte, Innenhöfen mit säuselnden Brunnen zur Besänftigung der karibischen Hitze, neoklassizistischen Palästen mit überschwänglichen Stuckornamenten, verspielt wie Schaumkronen. Und immer wieder nimmt sich die Stadt Muße für Plätze, die idyllisch bis zum Kitsch sind, so wie die Plaza de Bolívar: Der "Vater des Vaterlandes" reitet hoch zu Ross in der Mitte des Plätzchens, umrahmt von vier Brunnen mit gurgelnden Fontänen und Bänken voller plappernder Menschen, Kinder, Greise, Schuhputzer, Zeitungleser, Schwarze, Weiße, Mulatten, Mestizen, alle einträchtig vereint, und darüber turmhohe Palmen, die dem Helden und seinem Platz jeden hohlen Heroismus nehmen - groß ist der Befreier vom Joch der spanischen Könige, noch viel größer allerdings sind die Königspalmen, so einfach ist das.

          Wie leicht könnte diese Stadt die Totenmaske der Musealität tragen, wie leichthändig füllen sie die Cartageneros mit Leben. Die Touristen nehmen an ihm teil, sie schwimmen mit, sind keine Beute. Die Bürgersteige gehören nicht allein den Andenkenhändlern, sondern genauso den Scherenschleifern, Schlüsselmachern, Saftpressern und all den Verkäufern von Lotterielosen, Erweckungsschriften, Gebrauchtbüchern, Mobiltelefonminuten. Dazwischen bahnen sich die karibischen Mamas ihren Weg, so stolz wie dick, fast schon Fleisch gewordene Karikaturen, ein halbes Dutzend Wassermelonen auf dem Kopf balancierend, die Hüfte wiegend wie ein Dromedar, den befrackten Kellner vom "Restaurante Polo Norte" lässig grüßend, der steif wie ein Pinguin vor der Tür steht. Humor haben sie auch noch in Cartagena - der Nordpol ist ein chinesisches Lokal, stickig wie eine Opiumhöhle - und Lust am Spiel: "La juguetería", der Spieleladen, heißt der Sexshop neben dem Nordpol, sein Sortiment macht dem Namen alle Ehre. Und noch mehr Lust an Worten: Wo sonst als in Cartagena, das Gabriel García Márquez in seiner "Liebe in den Zeiten der Cholera" literarisch heiligsprach, könnte eines der bedeutendsten Literaturfestivals Südamerikas stattfinden. Salman Rushdie, der große Lebensbeschwörer, war neulich eingeladen. Es wird ihm gefallen haben.

          Die Stadt der Angst

          So lässt man sich durch die Altstadt treiben, glückliches Strandgut an einem Meer aus Lebenslust, vorbei an Schönheiten aus Stein und Fleisch, vorbei an den verfallenen Erbstücken der Vergangenheit, die sich Cartagenas immer glühendere Liebhaber aus der Fremde luxuriös restaurieren lassen, vorbei an einer Straßenausstellung hinter dem Palast der Inquisition mit seinem Denunziantenfenster, die vierzig Momente der Stadtgeschichte rekapituliert. Der schwärzeste war 1985, als Cartagena "la ciudad del miedo" war, die Stadt der Angst, weil die Guerrilleros sie mit Bomben quälten. Wie weit ist das jetzt weg, und am weitesten spät abends, wenn der Tag auf der Plaza Santo Domingo langsam, widerwillig müde wird. Noch ein letzter Mojito, J.J. zu Ehren, wie recht er hat, noch ein letztes Ständchen von den fahrenden Cumbia-Combos, noch ein allerletzter sehnsüchtiger Blick auf die vielen Paare, die zärtlich die Köpfe zusammenstecken, lauter Kinder der Liebe, der echten oder der gekauften. Dann zahlen wir, der Kellner und die Köchin hocken schon erschöpft auf den Stufen vor dem Restaurant und schauen über den Platz und seine Paare. "El amor mueve el mundo", sagt er, die Liebe bewegt die Welt. "El amor es peor que la hambre", sagt sie, die Liebe ist schlimmer als der Hunger.

          2. "Wir sind verrückt geworden", sagt Sandra, die seufzend aufs Meer von Capurganá schaut, die Augen verdreht und sich beide Hände einen halben Meter vor ihren Busen hält. „Solche Bälle lassen sich die Kolumbianerinnen machen, tausendfünfhundert Dollar links, tausendfünfhundert Dollar rechts, das ist eine richtige Epidemie geworden, eine nationale Obsession, sogar in den Dörfern. Schon Vierzehnjährige sparen für ihre Schönheitsoperation, Schönheit, dass ich nicht lache, solche Dinger, das ist doch bizarr, maßlos, das ist eine Schande. Viele Kolumbianerinnen sind so wunderschön, dass die Steine weinen, da braucht man doch kein Messer, und trotzdem glauben sie alle, diesen blöden Telenoveladiven nacheifern zu müssen. Wisst ihr, wie wir diese Glockenmonster nennen? Siliconadas oder Armadas, die Bewaffneten. Nehmt euch also in Acht!“

          Wer sich weder in Acht nehmen noch seinen Blick schamvoll senken will, wird in Kolumbien alle Meisterwerke und Missetaten der plastischen Chirurgie zu Gesicht bekommen, aber oft genug auch Menschen wie Sandra treffen, die ein halbes Jahr lang in einem Hotel in Capurganá arbeitet, um dann wochenlang mit ihrem Rucksack durch Südamerika zu fahren, und die ihre Schönheit nicht Silikon, sondern Selbstbewusstsein verdankt - glückliches Land, das solche stolzen Töchter hat, es gibt sie nicht nur in den Büchern. „Unser Ideal ist es, so schlank wie Europäerinnen zu sein und zugleich so wollüstig wie Südamerikanerinnen auszusehen. Das ist in der Natur nicht vorgesehen. Das geht nicht. Schaut euch doch nur um!“ Wir geben Sandra recht, zögerlich.

          Freuden des Beischlafs

          Der Beweis räkelt sich unübersehbar am Strand von Capurganá, einem Dorf im äußersten Nordwesten Kolumbiens kurz vor der Grenze zu Panama, das hinter den sieben Bergen in einem trügerischen Schlummer liegt. Man erreicht es nur mit dem Boot oder dem Kleinflugzeug, das nach einem abenteuerlichen Anflug in Achterbahnmanier mitten im Dorf landet, nein, es plumpst auf die Piste wie ein fetter Käfer. Die Piste ersetzt die Hauptstraße, die man nicht braucht, weil es in Capurganá nichts Motorisiertes außer Außenborder gibt. Die Ankommenden werden vom würdevoll schwitzenden Militärkommandanten mit jovialem Schulterklopfen und von einem halben Dutzend Dorfbewohner mit tropisch träger Eilfertigkeit begrüßt, die Koffer auf Eselskarren geladen und die Fußfaulen auf einen Pferdewagen, auf dem Plastikstühle mit abgesägten Beinen festgezurrt sind.

          So zieht die seltsame Prozession die Landebahn entlang zum Dorfplatz, der gleichzeitig Bolzplatz und Amüsierviertel ist, und weiter durch einen Ort ohne Eile und Ehrgeiz, eine Ansammlung von Betonhäuschen, Bretterverschlägen, Backpackerhostels und drei, vier größeren Hotels weit entfernt vom Luxus. Es gibt ein paar Imbissbuden, die „Frittenpalast“ heißen, das eine oder andere Internet-Café, das viel Geduld verlangt, und eine winzige Kirche, die so rosafarben ist wie ein Marzipanschweinchen. Sonst putzt sich Capurganá nicht heraus, weil sich Eremiten nicht schminken, schämt sich auch nicht seines Lotterlebens, weil hier alle eines führen, und liegt lieber in der Hängematte, als Sturmschäden zu beseitigen. Es hört statt der heiligen Messe dröhnend laut Musik, die den Wankelmut der Liebe verflucht oder die Freuden des Beischlafs besingt, und tanzt dazu eine Kopulationsimitation, die aus gutem Grund „Bailasexy“ genannt wird.

          Im Schatten der Melancholie

          Hier schert sich niemand um das eherne Tropengesetz, dass Alkohol erst nach Sonnenuntergang opportun sei, und die Soldaten im Militärposten kümmert es nicht, wenn halbnackte Lausebengel auf ihren Sandsäcken herumklettern. Sie lächeln dann nur. Wir lächeln zurück, auch wenn wir hinter der ganzen Lebenslust den schweren Schatten der Melancholie erahnen. Und trotzdem machen wir es uns in den Widersprüchen von Capurganá, diesem unaufgeräumten Garten Eden, gerne bequem: in seiner eigentümlichen Mischung aus Weltabgeschiedenheit und Backpackerglobalisierung, Dauerdösen und Spontanagilität, Sehnsucht und Wunschlosigkeit, Agonie und Glück - aus der Leichtigkeit und Schwere also, mit der hier die Zeit vergeht.

          Es gebe nur drei Dinge in ihrem Dorf, sagen die Leute: Fisch, Musik und Touristen, jetzt wieder, zum Glück, Gäste statt Guerrilleros. In den späten neunziger Jahren überfiel die Farc Capurganá, der Tourismus brach zusammen, die Menschen litten, dem Staat war es egal. Heute ist er so massiv präsent mit Polizei und Militär, dass die Leute scherzen, sie würden besser bewacht als der Präsident. Es ist fast schon ein bisschen zu viel, wenn man sich bei seinen Robinsonaden mit Roomservice in den Lodges außerhalb des Dorfes oder während der Wanderungen an der wilden Küste den Dschungel mit ganzen Armeebrigaden teilen muss, freundlich grüßenden Schutzengeln in Tarnuniform. Es muss wohl sein, die Grenze ist nah, der Drogenschmuggel ein gutes Geschäft, die Gewalt gezähmt, nicht besiegt, Präsident Álvaro Uribe sei Dank, der mit eiserner Faust die Guerrilla zerrieben, Kolumbien den Optimismus und Capurganá seine Touristen zurückgegeben hat - und jenem alten Mann die Hoffnung auf ein kleines Stück Glück, der mit seiner hölzernen Sackkarre das Gepäck vom Hotel zum Flugplatz schafft. „Transportes El Paisa“ hat er mit rührendem Stolz auf die klapprige Karre geschrieben, gestatten, man nennt mich den Paisa, Spediteur aus Muskelkraft, endlich wieder im Dienst.

          3.

          „Wir alle haben Schuld, auch diejenigen, die nichts getan haben - weil sie nichts getan haben“, sagt Douglas Alfonso Romero Sánchez, der Kultus- und Tourismusminister des südkolumbianischen Departements Huila, und macht es sich schnaufend in seinem Dienstjeep bequem, das viele Frittierte fordert Tribut. „Es gibt nicht die Guten und die Bösen in diesem Krieg und jetzt weniger denn je. Jetzt sind alle einfach nur müde nach so vielen Jahren des Mordens und Leidens. Ich kenne Familien, denen die Farc einen Sohn gestohlen haben und einen die Paramilitärs, und dann haben sich die Brüder gegenseitig im Dschungel umgebracht.“ Auch der Minister sieht müde aus, er weiß, wovon er spricht. Sein Departement war rote Zone, Kriegsgebiet und diese Fahrt hinauf nach San Agustín vor fünf, sechs Jahren noch hochriskant - damals, als die Motorradfahrer noch keine Leuchtwesten mit ihrem Nummernschild darauf tragen mussten; nun müssen es alle tun, als ebenso simplen wie effizienten Schutz vor den Sicarios, den Auftragsmördern auf Motorrädern, einer kolumbianischen Pest. „Wisst ihr, dass die Farc auf dieser Allee vor ein paar Jahren einen Senator verschleppt haben? Erst haben sie die Bäume gerodet und die Brücken gesprengt, um vor Verfolgern sicher zu sein. Dann haben sie sein Flugzeug auf dem Weg von Bogotá in die Departementshauptstadt entführt, sind auf der Straße gelandet und mit dem Senator in den Bergen verschwunden. Sechs Jahre lang war er im Urwald, sechs Jahre.“ Der Minister schweigt und schaut stumpf aus dem Fenster. Er weiß, dass es genauso gut ihn hätte treffen können.

          Der Weg nach San Agustín, der bedeutendsten präkolumbischen Ausgrabungsstätte Kolumbiens, führt an riesigen Reisfeldern vorbei, satt und fett das Grün, die Halme so akkurat, als seien sie gekämmt worden. Die Felder gehören noch immer den Großgrundbesitzern, daran haben Jahrzehnte volksbefreiender Gewalt nichts geändert. Jetzt sind die Farc, die in ihren hehren Anfängen kommunistische Ideale hatten, lange vor ihrer schmutzigen Karriere als Drogenhändler mit ideologischem Lügen-Poncho, ausgerechnet vom Latifundisten Álvaro Uribe entscheidend geschwächt worden, bittere Ironie der Geschichte, alles Blut umsonst. Jedes andere Volk wäre von diesen Volten traumatisiert bis ans Ende seiner Tage, der Schädel platzte ihm vor lauter Schmerz der Sinnlosigkeit. Doch die Kolumbianer lächeln und leben und scheinen sich von der Verzweiflung nicht die Seelen vergiften zu lassen. „Wir wollen vergessen, und wir können es“, sagt der Minister. Ist es wirklich so? Oder ist es nur lebensrettender Trotz im Angesicht der Tragik?

          Hoffnung, nicht Trotz

          Es kann nicht nur Trotz, es muss Hoffnung sein, wenn die Bauern in den Bergen von San Agustín ihre Häuschen so liebevoll herrichten, als sollten sie Modell stehen für ein Gemälde von Monet, die Fassaden in optimistischen Farben gestrichen, pfirsichgelb, rosenrosarot, die Gärten voller Hyazinthen, Azaleen, Magnolien und wunderlicher Blumen, die „Wiege der Venus“ oder „Herz Christi“ heißen. Durch eine Bilderbuchbukolik aus Kaffeesträuchern und Mandarinenbäumen, Yuccafeldern und Kakaobüschen, winkenden Kindern und jätenden Großeltern reitet man hier oben auf dem Weg zur Schlucht von Chakira, bis die Pferde nicht mehr weiter wollen, weil sich vor ihnen ein Schlund öffnet, so gewaltig, so großartig, als sei er mit einer gigantischen prähistorischen Axt in die Kordilleren geschlagen worden: Zweihundert Meter ist sie tief, wie ein Chiffonkleid überzieht tropische Vegetation ihre Steilwände, hochhaushohe Wasserfälle schießen aus ihnen heraus wie bei einem Wasserrohrbruch der Natur. Und an der exponiertesten Stelle blickt ein steinernes Gesicht auf diese ungeheuerliche Schlucht, behauen von einer rätselhaften präkolumbischen Kultur, die aus purer Verlegenheit den Namen San Agustín bekam und deren Gräber den Bauern ständig die Pflüge verbiegen, so viele sind es.

          Ein paar Kilometer von der Chakiraschlucht entfernt hat man die steinernen Erbstücke der augustinischen Indianer in einem Stelenwald aufgestellt. Sie zeigen Gestalten, die halb Mensch sind und halb Jaguar, Kaiman, Schlange, Adler, manche grimmig, andere grinsend, manche verblüfft, andere misstrauisch. Die meisten schauen die Besucher so ratlos an, wie sie selbst angeschaut werden, Wesen aus einer anderen Welt, die nichts mit unserer zu tun hat. Eine Stele aber versteht man, sie scheint eine Metapher für Kolumbiens Schicksal zu sein: ein Jaguarmensch mit fürchterlichen Reißzähnen, der mit seinen Händen ein Kind an den Beinen packt und es im nächsten Moment verschlingen wird. Doch dann erkennt man noch etwas anderes. Das untere Ende der Stele ist eine Frau, eine Gebährende, kopfunter liegend, und der Raubkatzenmann ist kein Ungeheuer, sondern der Geburtshelfer, und die Stele ein Sinnbild dafür, was man Kolumbien zum Abschied wünscht: kein Leid mehr. Leben.

          Anreise: Air France fliegt von vielen deutschen Flughäfen über Paris nach Bogotá (Preise ab 700 Euro). Man kann auch mit Iberia über Madrid oder mit amerikanischen Gesellschaften fliegen, muss dann allerdings die Einreiseformalitäten in den Vereinigten Staaten durchlaufen. Für die Einreise nach Kolumbien genügt ein Reisepass.

          Reisen im Land: Die touristische Infrastruktur ist, außer in Cartagena mit seinen vielen Restaurants und Boutique-Hotels , vergleichsweise schwach entwickelt. Man sollte keine allzu hohen Ansprüche an Unterkunft und Ernährung stellen. Ein Bett und einen gedeckten Tisch findet man aber immer. Gut funktioniert der innerkolumbianische Verkehr, vor allem das Fliegen ist sicher und unkompliziert.

          Sicherheit : Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert. Bis auf wenige Zonen kann man sich überall im Land gefahrlos bewegen. Das gilt auch für die großen Städte. Das Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Anschlags zu werden, ist minimal. Detaillierte Sicherheitshinweise gibt das Auswärtige Amt (www.auswaertiges-amt.de).

          Arrangements: Nur wenige Veranstalter haben Kolumbien im Programm und dies meistens in Kombination mit Ecuador oder Peru. Der auf Kolumbien spezialisierte Reiseveranstalter Kontour (Bergstraße 40, 91227 Diepersdorf, Telefon: 09120/183217, E-Mail: georg.rubin@kontour-travel.com, Internet: www.kontour-travel.com) bietet individuelle Arrangements und Gruppenreisen an, die auf Wunsch zu allen beschriebenen Orten führen. Die Preise für eine vierzehntägige Reise beginnen bei 2500 Euro pro Person inklusive Flug.

          Literatur : „Kolumbien Reisekompass“ von Hella Braune und Frank Semper. Sebra Verlag, Hamburg 2009. 616 Seiten, zahlreiche Fotos und Karten, 23,90 Euro, www.sebra.de; „Colombia Handbook“ von Anastasia Moloney und Charlie Devereux, Footprint Handbooks, Bath 2009. 464 Seiten, zahlreiche Fotos und Karten, 14,95 Euro, www.footprintbooks.com.

          Informationen: im Internet unter www.colombia.travel.

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