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Kolumbien : Das Land der Liebe und des Schmerzes

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Der Weg nach San Agustín, der bedeutendsten präkolumbischen Ausgrabungsstätte Kolumbiens, führt an riesigen Reisfeldern vorbei, satt und fett das Grün, die Halme so akkurat, als seien sie gekämmt worden. Die Felder gehören noch immer den Großgrundbesitzern, daran haben Jahrzehnte volksbefreiender Gewalt nichts geändert. Jetzt sind die Farc, die in ihren hehren Anfängen kommunistische Ideale hatten, lange vor ihrer schmutzigen Karriere als Drogenhändler mit ideologischem Lügen-Poncho, ausgerechnet vom Latifundisten Álvaro Uribe entscheidend geschwächt worden, bittere Ironie der Geschichte, alles Blut umsonst. Jedes andere Volk wäre von diesen Volten traumatisiert bis ans Ende seiner Tage, der Schädel platzte ihm vor lauter Schmerz der Sinnlosigkeit. Doch die Kolumbianer lächeln und leben und scheinen sich von der Verzweiflung nicht die Seelen vergiften zu lassen. „Wir wollen vergessen, und wir können es“, sagt der Minister. Ist es wirklich so? Oder ist es nur lebensrettender Trotz im Angesicht der Tragik?

Hoffnung, nicht Trotz

Es kann nicht nur Trotz, es muss Hoffnung sein, wenn die Bauern in den Bergen von San Agustín ihre Häuschen so liebevoll herrichten, als sollten sie Modell stehen für ein Gemälde von Monet, die Fassaden in optimistischen Farben gestrichen, pfirsichgelb, rosenrosarot, die Gärten voller Hyazinthen, Azaleen, Magnolien und wunderlicher Blumen, die „Wiege der Venus“ oder „Herz Christi“ heißen. Durch eine Bilderbuchbukolik aus Kaffeesträuchern und Mandarinenbäumen, Yuccafeldern und Kakaobüschen, winkenden Kindern und jätenden Großeltern reitet man hier oben auf dem Weg zur Schlucht von Chakira, bis die Pferde nicht mehr weiter wollen, weil sich vor ihnen ein Schlund öffnet, so gewaltig, so großartig, als sei er mit einer gigantischen prähistorischen Axt in die Kordilleren geschlagen worden: Zweihundert Meter ist sie tief, wie ein Chiffonkleid überzieht tropische Vegetation ihre Steilwände, hochhaushohe Wasserfälle schießen aus ihnen heraus wie bei einem Wasserrohrbruch der Natur. Und an der exponiertesten Stelle blickt ein steinernes Gesicht auf diese ungeheuerliche Schlucht, behauen von einer rätselhaften präkolumbischen Kultur, die aus purer Verlegenheit den Namen San Agustín bekam und deren Gräber den Bauern ständig die Pflüge verbiegen, so viele sind es.

Ein paar Kilometer von der Chakiraschlucht entfernt hat man die steinernen Erbstücke der augustinischen Indianer in einem Stelenwald aufgestellt. Sie zeigen Gestalten, die halb Mensch sind und halb Jaguar, Kaiman, Schlange, Adler, manche grimmig, andere grinsend, manche verblüfft, andere misstrauisch. Die meisten schauen die Besucher so ratlos an, wie sie selbst angeschaut werden, Wesen aus einer anderen Welt, die nichts mit unserer zu tun hat. Eine Stele aber versteht man, sie scheint eine Metapher für Kolumbiens Schicksal zu sein: ein Jaguarmensch mit fürchterlichen Reißzähnen, der mit seinen Händen ein Kind an den Beinen packt und es im nächsten Moment verschlingen wird. Doch dann erkennt man noch etwas anderes. Das untere Ende der Stele ist eine Frau, eine Gebährende, kopfunter liegend, und der Raubkatzenmann ist kein Ungeheuer, sondern der Geburtshelfer, und die Stele ein Sinnbild dafür, was man Kolumbien zum Abschied wünscht: kein Leid mehr. Leben.

Anreise: Air France fliegt von vielen deutschen Flughäfen über Paris nach Bogotá (Preise ab 700 Euro). Man kann auch mit Iberia über Madrid oder mit amerikanischen Gesellschaften fliegen, muss dann allerdings die Einreiseformalitäten in den Vereinigten Staaten durchlaufen. Für die Einreise nach Kolumbien genügt ein Reisepass.

Reisen im Land: Die touristische Infrastruktur ist, außer in Cartagena mit seinen vielen Restaurants und Boutique-Hotels , vergleichsweise schwach entwickelt. Man sollte keine allzu hohen Ansprüche an Unterkunft und Ernährung stellen. Ein Bett und einen gedeckten Tisch findet man aber immer. Gut funktioniert der innerkolumbianische Verkehr, vor allem das Fliegen ist sicher und unkompliziert.

Sicherheit : Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert. Bis auf wenige Zonen kann man sich überall im Land gefahrlos bewegen. Das gilt auch für die großen Städte. Das Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Anschlags zu werden, ist minimal. Detaillierte Sicherheitshinweise gibt das Auswärtige Amt (www.auswaertiges-amt.de).

Arrangements: Nur wenige Veranstalter haben Kolumbien im Programm und dies meistens in Kombination mit Ecuador oder Peru. Der auf Kolumbien spezialisierte Reiseveranstalter Kontour (Bergstraße 40, 91227 Diepersdorf, Telefon: 09120/183217, E-Mail: georg.rubin@kontour-travel.com, Internet: www.kontour-travel.com) bietet individuelle Arrangements und Gruppenreisen an, die auf Wunsch zu allen beschriebenen Orten führen. Die Preise für eine vierzehntägige Reise beginnen bei 2500 Euro pro Person inklusive Flug.

Literatur : „Kolumbien Reisekompass“ von Hella Braune und Frank Semper. Sebra Verlag, Hamburg 2009. 616 Seiten, zahlreiche Fotos und Karten, 23,90 Euro, www.sebra.de; „Colombia Handbook“ von Anastasia Moloney und Charlie Devereux, Footprint Handbooks, Bath 2009. 464 Seiten, zahlreiche Fotos und Karten, 14,95 Euro, www.footprintbooks.com.

Informationen: im Internet unter www.colombia.travel.

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