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Kolumbien : Das Land der Liebe und des Schmerzes

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Wie leicht könnte diese Stadt die Totenmaske der Musealität tragen, wie leichthändig füllen sie die Cartageneros mit Leben. Die Touristen nehmen an ihm teil, sie schwimmen mit, sind keine Beute. Die Bürgersteige gehören nicht allein den Andenkenhändlern, sondern genauso den Scherenschleifern, Schlüsselmachern, Saftpressern und all den Verkäufern von Lotterielosen, Erweckungsschriften, Gebrauchtbüchern, Mobiltelefonminuten. Dazwischen bahnen sich die karibischen Mamas ihren Weg, so stolz wie dick, fast schon Fleisch gewordene Karikaturen, ein halbes Dutzend Wassermelonen auf dem Kopf balancierend, die Hüfte wiegend wie ein Dromedar, den befrackten Kellner vom "Restaurante Polo Norte" lässig grüßend, der steif wie ein Pinguin vor der Tür steht. Humor haben sie auch noch in Cartagena - der Nordpol ist ein chinesisches Lokal, stickig wie eine Opiumhöhle - und Lust am Spiel: "La juguetería", der Spieleladen, heißt der Sexshop neben dem Nordpol, sein Sortiment macht dem Namen alle Ehre. Und noch mehr Lust an Worten: Wo sonst als in Cartagena, das Gabriel García Márquez in seiner "Liebe in den Zeiten der Cholera" literarisch heiligsprach, könnte eines der bedeutendsten Literaturfestivals Südamerikas stattfinden. Salman Rushdie, der große Lebensbeschwörer, war neulich eingeladen. Es wird ihm gefallen haben.

Die Stadt der Angst

So lässt man sich durch die Altstadt treiben, glückliches Strandgut an einem Meer aus Lebenslust, vorbei an Schönheiten aus Stein und Fleisch, vorbei an den verfallenen Erbstücken der Vergangenheit, die sich Cartagenas immer glühendere Liebhaber aus der Fremde luxuriös restaurieren lassen, vorbei an einer Straßenausstellung hinter dem Palast der Inquisition mit seinem Denunziantenfenster, die vierzig Momente der Stadtgeschichte rekapituliert. Der schwärzeste war 1985, als Cartagena "la ciudad del miedo" war, die Stadt der Angst, weil die Guerrilleros sie mit Bomben quälten. Wie weit ist das jetzt weg, und am weitesten spät abends, wenn der Tag auf der Plaza Santo Domingo langsam, widerwillig müde wird. Noch ein letzter Mojito, J.J. zu Ehren, wie recht er hat, noch ein letztes Ständchen von den fahrenden Cumbia-Combos, noch ein allerletzter sehnsüchtiger Blick auf die vielen Paare, die zärtlich die Köpfe zusammenstecken, lauter Kinder der Liebe, der echten oder der gekauften. Dann zahlen wir, der Kellner und die Köchin hocken schon erschöpft auf den Stufen vor dem Restaurant und schauen über den Platz und seine Paare. "El amor mueve el mundo", sagt er, die Liebe bewegt die Welt. "El amor es peor que la hambre", sagt sie, die Liebe ist schlimmer als der Hunger.

2. "Wir sind verrückt geworden", sagt Sandra, die seufzend aufs Meer von Capurganá schaut, die Augen verdreht und sich beide Hände einen halben Meter vor ihren Busen hält. „Solche Bälle lassen sich die Kolumbianerinnen machen, tausendfünfhundert Dollar links, tausendfünfhundert Dollar rechts, das ist eine richtige Epidemie geworden, eine nationale Obsession, sogar in den Dörfern. Schon Vierzehnjährige sparen für ihre Schönheitsoperation, Schönheit, dass ich nicht lache, solche Dinger, das ist doch bizarr, maßlos, das ist eine Schande. Viele Kolumbianerinnen sind so wunderschön, dass die Steine weinen, da braucht man doch kein Messer, und trotzdem glauben sie alle, diesen blöden Telenoveladiven nacheifern zu müssen. Wisst ihr, wie wir diese Glockenmonster nennen? Siliconadas oder Armadas, die Bewaffneten. Nehmt euch also in Acht!“

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