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Kirgisien : Auf halbem Weg zum Himmel

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Aibek Iskanderov kommt seit mehr als fünfzig Jahren hierher. Der kleine Kirgise mit dem runden, bartlosen Gesicht blinzelt, wenn er den Blick über das baumlose Land schweifen läßt, in dem er so viele Gebirgssommer verbracht hat.

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          Aibek Iskanderov kommt seit mehr als fünfzig Jahren hierher. Der kleine Kirgise mit dem runden, bartlosen Gesicht blinzelt, wenn er den Blick über das baumlose Land schweifen läßt, in dem er so viele Gebirgssommer verbracht hat. Als er noch ein junger Mann war, lag der stille See schon genauso da und spiegelte die Farben des Wetters: ein tiefes Blau bei Sonnenschein, sanftes Rosa an den Abenden und Eisgrau, wenn ein plötzlicher Schneeschauer über ihn hinwegjagte. Das Vieh zog wie heute über das sanft geneigte Grasland bis zu den Bergketten, die das Hochplateau gegen den Himmel abschließen. Bis in den Juni hinein tragen die Gipfel Schnee, und die steilen Wege hier herauf sind schlammig und rutschig vom Schmelzwasser. Trotzdem haben Aibek Iskanderov und seine Familie es geschafft, die ersten am 3016 Meter hoch gelegenen See Song-Kul zu sein, um die fetten Weidegründe ringsum für ein oder zwei Wochen für sich zu haben. Song-Kul bedeutet "Der letzte See", weil die kirgisischen Hirten auf den steilen Wegen das Gefühl haben, direkt in die Wolken zu steigen, bevor sie dieses höchste irdische Quartier für Menschen und Tiere erreichen.

          Im Juli werden die anderen auch da sein. Kirgisistan ist ein armes Land, in dem ein Lehrer mit seinem regelmäßigen Gehalt von dreißig Euro im Monat schon zu den Besserverdienenden gehört. Kaum eine Familie könnte ohne ihren großen Gemüsegarten überleben, und mancher kehrt zum traditionellen Nomadentum zurück: Schließlich wächst das Gras in den Bergen für alle. Seit die Kirgisen 1991 als erstes Volk in Zentralasien ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt haben, können sie das. Vorher war auch die Nomadenwirtschaft streng reglementiert: Wer einer Kolchose zugeteilt war, brachte jedes Jahr das volkseigene Vieh auf die Sommerweiden. Die anderen zogen als Bau- oder Fabrikarbeiter in die Hauptstadt Bischkek.

          Zelte wie Pilze

          Die Familie Iskanderov hatte Glück. Sie konnte in den grünen Bergen bleiben und dem traditionellen Lebensstil der Kirgisen folgen. Und so sind sie auch dieses Jahr wieder hier oben, zwölf Menschen in zwei Jurten, den runden hellgrauen Filzzelten, die ein bißchen wie Pilze aussehen. Aibek ist mit seinen 66 Jahren der älteste. Die Jüngste im Camp ist seine Enkelin Dilobar, gerade zwanzig Tage alt. Den umtriebigen Ulughbek, Aibeks ältesten Sohn, erkennt man schon von weitem, weil auf seinem Kopf immer der weiße Kalpak thront, der hohe kirgisische Filzhut. Seit der Morgendämmerung ist er in Bewegung. Er achtet darauf, daß die 210 Schafe der Familie nicht in die Hochtäler hineinlaufen, in denen Wölfe ihr Unwesen treiben. Er repariert die Jurte, wenn durch einen Spalt kalter Wind über den Deckenberg weht, in dem seine Mutter sitzt. Er treibt sechsmal am Tag die kleine Pferdeherde zusammen, damit die Frauen der Familie die Stuten melken können. Die Milch wird in einen großen Lederbeutel gefüllt und gärt dort in wenigen Tagen zu Kumys, dem Nationalgetränk der Kirgisen. Kumys schmeckt wie H-Milch mit trockenem Sekt. Es ist erfrischend, gibt Energie und macht schnell betrunken.

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