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Kenia : Ein Mann ohne Esel ist selbst der Esel

  • -Aktualisiert am

Weit weg von der Welt, aber dicht am weltpolitischen Geschehen - Szene am Strand von Lamu. Bild: Ellen Alpsten

Ein Leben ohne Zeit: Auf der Insel Lamu vor der Küste Kenias gibt es nichts zu tun. Das ist das Schönste, was man tun kann.

          Auf Lamu gibt es eine geheimnisvolle Krankheit: die "Coastitis", wie sie auf Englisch heißt, die "Küstitis" also. Es gibt keine Vorbeugung gegen das Leiden, und einmal angesteckt, kann man auch nichts mehr dagegen unternehmen. Zu ihren Symptomen gehören eine tiefe innere Ruhe und der Wunsch, sich nichts anderem hinzugeben als der Muße. Auf Swahili heißt das allerdings anders: Pole pole, nur die Ruhe. Schon Ernest Hemingway stellte fest: "Lamu darf nicht verschwendet werden. Gehen Sie die Stadt, die Inseln mit Ruhe und Geduld an."

          Ruhe und Geduld braucht der Reisende auch heute noch, wenn er zu dem Archipel im Norden Kenias aufbricht, etwa wenn er auf Nairobis kleinem Wilson Airport darauf wartet, dass die kleine Propellermaschine bereit zum Abheben ist. Pole pole. Endlich heißt es: Lamu, bitte einsteigen. Und dann sinkt die Maschine, die Propeller werden von Schatten zu Formen. Wir landen. Es ist Vormittag und die schon in wenigen Stunden herrschende trockene Hitze noch schwer vorstellbar. Der Kopf wird leicht, die Glieder werden schwer. Der erste Anflug der "Küstitis" stellt sich ein. Tage teilen sich nach Ebbe und Flut ein, nach Mangos am Morgen und dem Saft von Limonen am Abend. Weshalb hasten? Wohin auch? Und um was genau zu tun?

          Der Missionar fotografiert Blumen

          Der Flugplatz auf Lamus Nachbarinsel Manda besteht aus einem dünnen Streifen und drei Wellblechhütten. Das Gepäck wird auf einen Eselskarren geladen. Ein Swahili-Junge bietet Ketten aus Muscheln feil, seine Schwestern kauern neben ihm im Schatten. In ihren aus Europa gespendeten Kommunionskleidern wirken sie wie kleine Prinzessinnen. Ihre Gesichter erzählen die Geschichte der Inseln, die im sechsten oder siebten Jahrhundert von Händlern aus dem Oman besiedelt wurden. Diese mischten sich mit dem hier ansässigen Stamm der Boran, hochgewachsenen, schönen Menschen, die gefürchtete Elefantenjäger waren. Im fünfzehnten Jahrhundert stachen Vasco da Gama und seine Männer von Malindi aus in See, um den Seeweg nach Indien zu finden. Ihrer aller Nachfahren sind heute die Swahili, was auf Arabisch die "Leute, die an der Küste leben" bedeutet.

          Stundenlang aufs Meer blicken - manchmal kommt sogar ein kleines Boot vorbei.

          Am Anlegesteg des Flugplatzes warten die Dhaus auf die Reisenden. Schon Vasco da Gama erforschte die Küsten mit dieser Art Boot. Auf den geradlinigen Bug ist das Auge Allahs gemalt. Es lotet die ungewissen Tiefen der Meeresenge zwischen den Inseln aus. Mangrovenbäume und Palmen formen entlang des Ufers einen grünen Wall. Zwischen ihren Wurzeln bewegen sich Krabben seitwärts. Die Flut naht. Ali, der Kapitän, nimmt Kurs auf Lamu Town, dessen flache Dächer am Ufer gegenüber schimmern. Die kleine Hafenstadt wurde von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben. Auf der Mole herrscht buntes Treiben. Die Swahili-Männer tragen den Khanzu, einen arabischen Kittel, oder ein Hemd über dem Kikoi, dem kenianischen Tuch, das um die Hüften geschlungen wird. Zwischen ihnen ziehen in schwarze, lange Buibuis gewandte Frauen wie ein Vogelschwarm dahin. Auf Lamu herrscht der Islam und ein Missionar, der hier in seinem Urlaub Blumen fotografiert, sagt: "Ich muss es der Gegenseite zugestehen, hier kommt nichts weg, und es herrscht Frieden." Frieden gibt es auch zwischen Mensch und Tier: Überall auf der Corniche stehen, liegen, laufen und grasen Esel. Mehr als dreitausend von ihnen soll es auf der Insel geben. Der Swahili sagt: "Ein Mann ohne Esel ist selber ein Esel." Doch das Eselsanatorium im Norden der Stadt, in dem die Tiere bei Schatten, Tränke und Veterinär ihr Altenteil finden, wurde von den Weißen gegründet.

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