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Kanada : Frierst du noch? Oder wohnst du schon?

Wintersport in Quebec: Schneefallklettern Bild: Jean Sylvain/OTCCUQ

Winterkarneval in Quebec: Die Einheimischen tragen ihre Kanus über den Strom, die Fremden schlafen auf Eis.

          4 Min.

          Das Problem war das: Als die beiden betagten Österreicher erst mal im 38 Grad warmen Sprudelwasser lagen, wollten sie nicht mehr hinaus in die minus zwölf Grad kalte Welt. Fünfzig Grad Temperaturunterschied! Das Wasser sprudelte, am Sternenhimmel stieg der Große Wagen langsam über den eisigen Dächern des Hotels empor, und als die beiden nach Stunden dann doch endlich raus aus dem Whirlpool wollten, schreckten sie noch immer vor diesem Schritt zurück. Einer sagte stöhnend: „Wenn das meine Mutter wüßte.“ Und begann laut zu lachen.

          Andreas Lesti

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Manche mögen Eis

          Denn das um diesen Whirlpool herumgebaute Hotel ist kein Hotel mit kuscheliger Lobby, gemütlicher Bar und beheizten Fluren, auf die man in einem Bademantel bequem in ein beheiztes Zimmer huschte. Es ist vielmehr ein einziges großes Eisgebilde mit einem Innenhof, aus welchem die Jacuzzi-Dampfwolken in den Nachthimmel quellen. Es ist ein Hotel mit drei Korridoren, einer Eislobby, einer Eisbar, wo Wodka in Eisgläsern ausgeschenkt wird, einer Eisdisko und 32 Zimmern. Es ist das Eishotel von Quebec, erbaut aus 12 000 Tonnen Schnee und 400 Tonnen Eis. Es steht in der „Station touristique Duchesnay“ in der Nähe der Stadt Quebec. Hier wohnen Gäste aus Nordamerika, Europa, Japan und gelegentlich auch Österreich.

          Quebec City

          Während die Herren den Rückweg zu den Zimmern taktisch vorbereiteten, tobte, vierzig Fahrminuten entfernt, im Zentrum von Quebec der größte Winterkarneval der Welt. Zum Winterkarneval kommen jährlich etwa eine Million Gäste. Die meisten sind Franzosen, die es mögen, wenn sie weit weg von zu Hause sind und doch die Sprache verstehen, und US-Amerikaner, die es mögen, wenn sie nicht weit weg von zu Hause sind und sich doch wie in Europa fühlen.

          „Salt bonhomme“

          Im Chaos des Karnevals verlieren sie sich dann unter Tausenden von roten Luftballons, schreienden Kindern, verstörten Hunden und Einheimischen, die trotz der Minustemperaturen T-Shirt tragen. Sie betrachten die Eisskulpturen auf der Place Desjardins und rutschen auf den Plaines d'Abraham in gelben Schlauchbooten über die verschneiten Wiesen. Und an der Stadtmauer, wo der Eispalast des „Bonhomme“ steht, der schneemanngewordenen Symbolfigur des Festes, singen sie zwei Wochen lang in Chören: „Salut bonhomme, salut bonhomme!“

          Unten am Hafen schiebt der St.-Lorenz-Strom knirschend die kantigen Eisschollen aufeinander. Sie driften übereinander, ragen spitz in den Himmel und krachen ins Wasser. Es ist ein Schauspiel für sich. Doch wenn zum Abschluß des Karnevals hier die legendäre Kanu-Regatta stattfindet, dann stehen Tausende fasziniert am Ufer und beobachten nicht nur das Eis, sondern vor allem jene Kanus, in denen sich je fünf Insassen damit abrackern, das Boot über die Eisschollen und an den anderen Booten vorbei ans andere Ufer und wieder zurückzubekommen. Aus ihren Schuhen ragen lange Nägel, die ihnen auf den Eisschollen den entscheidenden Halt geben.

          Auf dem Hundeschlitten durch den Mondschein

          Währenddessen lagen die Österreicher im Whirlpool und wußten nicht, wie sie die wenigen Meter über das Eis der Korridore in ihre Zimmer gelangen sollten. Sie stellten die Düsen wieder an und bewunderten das Eishotel, das in nur vier Wochen im Dezember von dreißig Spezialisten gebaut worden ist (und im Mai in ähnlicher Geschwindigkeit wieder dahinschmelzen wird): Zunächst kommen 5400 sogenannte „Motherblocks“ aus Montreal nach Duchesnay. Anderthalb Meter lang, einen dreiviertel Meter breit und einen halben Meter hoch. Künstliches Eis aus einer Fabrik, die eigentlich Zement herstellt und deswegen über die notwendige Menge an destilliertem Wasser verfügt, um die Eisblöcke genau so zu fabrizieren, wie man sie für Eisbauten braucht: durchsichtig.

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