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Kanada : Drei Hallunaqs auf dem Qamotiq

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Die zehn Hunde ziehen in Fächerformation, nicht in Kolonne. Der Leithund läuft in der Mitte, hin und wieder mit Bissen nach links und rechts für Disziplin im Gespann sorgend. Es ist Platz genug auf dem Eis der Hudson Bay, unendlich, erschreckend viel Platz.

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          Die zehn Hunde ziehen in Fächerformation, nicht in Kolonne. Der Leithund läuft in der Mitte, hin und wieder mit Bissen nach links und rechts für Disziplin im Gespann sorgend. Es ist Platz genug auf dem Eis der Hudson Bay, unendlich, erschreckend viel Platz. Die Welt aber, kalt, weiß und leer, reduziert sich auf den Schlitten, den Qamotiq. Die greifbare Welt ist einen Meter breit und vier Meter lang. Drei Hallunaqs - so heißen die Weißen hier - sitzen oder knien auf dem Gefährt und versuchen, nicht herunterzufallen. Ganz vorne ist ein Kasten angebracht, der alles zum Überleben Notwendige enthält. Das Knirschen der Kufen im harten Schnee zerteilt die Stille.

          "Ich weiß, was man da unten erzählt." Adamie, der Inuit-Führer, ist ein paar Meter neben dem Schlitten hergelaufen und kniet jetzt wieder hinter dem Kasten. Die Hunde arbeiten gut und gleichmäßig. Hin und wieder feuert sie Adamie, der im Winter Touristen auf seinem Schlitten mitnimmt, mit einem schrillen "Uit, uit" an. "Da unten denken sie, wir hätten unsere Hunde damals selbst abgeschossen." Da unten, das ist Kanada, das Kanada der Hallunaqs. Zwischen den Weißen im Süden und den Menschen von Nunavik, dem Inuit-Territorium der Provinz Quebec, liegen nicht nur zweitausend Kilometer menschenleerer Weite.

          Das Gemetzel an den Hunden

          Zwischen 1955 und 1969 ließ die Regierung fast alle Inuit-Hunde in Nunavik töten, um - so hieß es offiziell - der Tollwut vorzubeugen. Doch das "Inuit Dog Slaughter", wie das Gemetzel im Kollektivbewußtsein der Ureinwohner verankert ist, beraubte die Inuit ihrer Lebensgrundlage: Ohne Hundeschlitten konnten sie nicht mehr jagen, keine Fallen mehr stellen, sie wurden endgültig abhängig von den vermeintlichen Segnungen der Zivilisation. Daß die Regierung ausgerechnet während dieser Zeit feste Dörfer bauen ließ, ist für die Kritiker kein Zufall. Man habe die Inuit seßhaft machen wollen, sagen sie, und dazu sei jedes Mittel recht gewesen.

          Das Eis zwischen der Inuit-Siedlung Akulivik und Smith Island, dem Tagesziel, ist fest, sicher, befahrbar. Dort, wo die wellige Küstenlinie den Nordwind durchließ, hat er den Schnee zu skurrilen Formationen aufgetürmt. Die Sonne steht hoch und strahlend am Himmel, doch es sind minus 35 Grad. Adamies Leithund ist neu in dem Job. Weißer, sein Vorgänger, war in der Nacht zuvor von einem Hund aus einem anderen Gespann so übel zugerichtet worden, daß Adamie ihn hatte ausschirren müssen. Hinkend und winselnd war er dem Schlitten noch eine Weile gefolgt, ein Bild des Jammers und der Verzweiflung. Adamie hatte ihn keines Blickes mehr gewürdigt. Wenn er am Abend noch lebt, könnte er es schaffen.

          Teepause bei Tiefkühlwetter

          "Damals zerstörten sie unsere Kultur", sagt Adamie jetzt und springt wieder ab, um den Hunden die Arbeit zu erleichtern. Die drei Hallunaqs wollen tierlieb sein und tun es dem Inuit-Guide nach - allerdings frieren sie auch, Bewegung verspricht Linderung. Smith Island kommt in Sicht. Bis 1955 unterhielt die Hudson Bay Company einen Handelsposten auf der Felseninsel. Adamies Eltern jagten dort See-Elefanten. Der Posten soll noch stehen, Laden, Lagerhaus, Unterkünfte, eine veritable Zeitmaschine. Zwei, höchstens drei Kilometer noch. Doch Adamie will nichts überstürzen. Als Smith Island auf Faustgröße gewachsen ist, hält er an, stellt den Schlitten als Windschutz hochkant und wirft dahinter den Gasofen an.

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