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Kamerun : Mit Kamerun auf Augenhöhe

Hochzeitskapelle in Kekem auf dem Weg von Bafang nach Douala. Bild: Michael von Graffenried

Wer in diesen Tagen durch Lausanne, Basel, Zürich, Genf und Bern spaziert, unternimmt zugleich eine Reise nach Afrika: Auf riesigen Plakatwänden hat der Fotograf Michael von Graffenried seine Panoramabilder aus Kamerun installiert.

          Zwischen dem undurchdringlichen Grün des Kameruner Urwalds leuchtet der Junge mit dem roten T-Shirt wie eine exotische Blume. Barfuß ist er auf den Stamm des gefällten Baumriesen geklettert und betrachtet, wie in einer Meditation versunken, die Natur. Ein paar Straßen weiter versucht ein Medizinmann der Baka-Pygmäen mit seinem Beschwörungstanz todbringende Geister zu vertreiben.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir sind in Kamerun und dennoch weit von Afrika weg: Das riesige Plakat mit dem Bild des Jungen hängt im Bahnhof Bern, und der Medizinmann tanzt auf einer Wand vor dem Spital der Stadt. Auf dem Bild nahe einer edlen Einkaufspromenade bieten junge Kameruner den Fahrern der vorbeirasenden Autos Pullover aus europäischen Altkleidersammlungen feil - die dicke Wolle eignet sich auch für Schweizer Temperaturen.

          Wer in diesen Tagen durch die Straßen von Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich spaziert, kann dem Alltag Kameruns nicht entgehen. Drei Meter lang und fast anderthalb Meter hoch sind die Fotografien, die Michael von Graffenried dort installiert hat, wo sich sonst Models in Pose werfen. Jetzt halten auf den Werbeflächen Männer und Frauen aus Kamerun in dem, was sie gerade tun, inne und schauen die Vorbeieilenden in Augenhöhe an. Die Bilder sind eine überraschende Begegnung mit dem Unbekannten, sie provozieren, weil Menschen wie der Junge auf dem Baumstamm genauso wenig in die Hektik des Berner Bahnhofs passen will wie ein afrikanischer Medizinmann zu einem hochtechnisierten Schweizer Hospital. Oder doch? Liegen vielleicht wir mit unseren Ideen, wie das moderne Leben zu sein hat, falsch?

          Jogger in Bafoussam, Westkamerun

          Der Fotograf Michael von Graffenried bringt die Seh- und Denkgewohnheiten der Schweizer nicht zum ersten Mal durcheinander: Schon im Jahr 2003 stellte er auf öffentlichen Werbeflächen Panoramabilder aus, die aufrüttelten - damals dokumentierten die Bilder das Leben des drogenabhängigen Pärchens Astrid und Peter.

          Die neuen Fotos hat Michael von Graffenried von zwei Kamerun-Reisen mit dem Hilfswerk Fairmed, der ehemaligen Leprahilfe Emmaus Schweiz, mitgebracht. Das klischeehafte Traumafrika mit seinen wilden Tieren, bunten Märkten und folkloristischen Tänzen sucht man bei ihm vergeblich. Auch auf das Elend des afrikanischen Kontinents hat von Graffenried es nicht abgesehen. Sein Interesse gilt dem Alltäglichen. Seine Vorgehensweise hat er einmal so beschrieben: Er fahre an einen Ort, pflanze sich wie ein Pflanze dorthin und beobachte einfach, was um ihn herum geschehe.

          Die Panoramafotografien von Michael von Graffenried sind bis Ende März in den Straßen von Lausanne, Zürich, Bern, Basel und Genf zu sehen. Vom 6. bis zum 22. März werden sie außerdem in der Ausstellung „Eye on Africa“ im Außenraum des Zentrum Paul Klee, Monument im Fruchtland 3, 3006 Bern, gezeigt (im Internet: www.paulkleezentrum.ch). Zur Ausstellung erscheint der Katalog „Michael von Graffenried: eye on africa. Fotografien aus Kamerun/Photographies du Cameroun/Photographs from Cameroon“. Schwabe Verlag, Basel 2009. 77 Seiten, 32 Abbildungen. Gebunden, 34 Euro.

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