https://www.faz.net/-gxh-rv9m

Japan : Zwischen Meer und Magen

Ein 200-Kilo-Thunfisch auf dem Tsukiji-Markt Bild: picture-alliance / dpa

Hohetempel der Frische, Pforte ins Himmelreich der Genüsse, wunderbarster Platz der Megalopolis Tokio: Ein Besuch auf dem weltgrößten Fischmarkt in Tsukiji und ein Blick in Särge voller Eis.

          3 Min.

          Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Hier ißt er sie auf. Der Wal landet in seinem Bauch, nicht umgekehrt. Was würde Gott dazu sagen? Zürnte er, oder bekäme auch der Schöpfer Appetit in diesem Hohetempel der Frische, dieser Pforte ins Himmelreich der Genüsse, dem wunderbarsten Platz der Megalopolis Tokio? Gott kauft nicht ein in den heiligen Hallen von Tsukiji, dem größten Fischmarkt auf seiner Erde. Er ist weit und breit der einzige.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wer wissen will, warum die Weltmeere leer sind, findet in Tsukiji die Antwort. Zweitausendvierhundert Tonnen Fisch und Meeresfrüchte werden Tag für Tag im Bauch von Tokio umgeschlagen, ein Drittel des gesamten japanischen Verbrauchs. Sechs Stunden reichen dafür, um vier Uhr morgens fängt es an, um zehn sind die Geschäfte gemacht, dazwischen ist der Teufel los. Armadas von Kleinlastern stehen aufgereiht vor den Hallen, Tausende von Wägelchen mit knatternden Motoren in Form einer Mülltonne flitzen wie Ameisenarmeen zwischen den Ständen umher, und überall Menschen, Karren ziehend, Fische filettierend, große Gesten machend. Bis unter die Decke stapeln sich Styroporkisten, Pappschachteln, Metallwannen, hölzerne Särge voller Eis. Die japanische Höflichkeit wird in der Hektik der Fischauktionen zerrieben, barsch schieben die Männer lästige Besucher beiseite, während die Frauen in Holzverschlägen Zahlenkolonnen addieren, strenge Hüterinnen des Gelds, ihre rauhen, rauchenden Männer immer aus dem Augenwinkel kontrollierend.

          Die Früchte der Unterwasserwunderwelt

          Tsukiji ist die Nahtstelle zwischen Meer und Magen, die Schatztruhe einer Unterwasserwunderwelt voller nie gesehener Kreaturen, nie gekosteter Wesen, nie vermuteter Geschöpfe. Es gibt Muscheln so groß wie Suppenteller und Muscheln, aus denen ein muränendicker Leib quillt, Fische so silbern wie Aluminium und Fische mit Augen wie Liza Minelli, Pyramiden aus Pulpos, Gebirge von Gedärmen, Schatullen voller Rogen. Blutrot wie Rinderfilet glänzen die Blöcke aus Walfleisch, rund wie Weinfässer ruhen monströse Thunfische auf hölzernen Theken, tiefgefroren die meisten, reisende Riesenleiber aus Amerika, Südafrika oder Australien, weil die Meere Japans längst leer sind und es fast ein Wunder ist, dort einmal einen Kin Kai zu fangen, den heimischen Thunfisch. Kostbar ist er wie Gold, fünfzehntausend Dollar kostet ein Tier.

          Knochenjob Fischverkäufer

          Mit Messern, die eher an das Schwert des heiligen Georg erinnern, werden die Leiber zerlegt, vier Männer braucht es dazu, eine Wissenschaft ist der richtige Schnitt, der falsche vernichtet ein Vermögen. Die tiefgefrorenen Thunfische werden kreischend zersägt, ein Moment des erstarrten Entsetzens, die lebenden Tiere an tausend Ständen mit einem tausendmal geübten Hieb getötet. Und wenn man dann die Bottiche sieht voller in sich verschlungener Aale, die kriechend zu fliehen versuchen, und die wimmernden Seespinnen und die agonischen Schlangenfische im blutroten Wasser, dann denkt man, was wäre, wenn der Ozean Rache nähme für die Plünderung und die Kreatur für den Verzehr, wenn die Meeresfrucht zurückschlüge und der Hummer über seinen Händler herfiele.

          Das Geheimnis des Ingwer

          Doch der Hummer ist gefesselt, und Fische haben keine Hände, die ein Beil halten könnten. Außerdem verscheucht der Heißhunger schnell das Mitleid. Vielleicht ist es ein Trick der Schöpfung, Fische und Meeresfrüchte so häßlich gemacht zu haben, daß wir kein Erbarmen kennen. Der Mensch fühlt sich zum Schönen hingezogen, das Häßliche jedoch schmeckt besser. Ein Goldfisch ist ungenießbar, ein Drachenkopf, eine Dornenkreatur wie aus einem Monsterfilm, ist eine Delikatesse. Wie schmecken wohl Delphine?

          Delphin-Sushi wird in den einfachen Restaurants nicht serviert, die rund um die Markthallen von Tsukiji lauern wie Raubvögel auf Beute. Hier ißt man den frischesten aller Fische, Fischfrühstück um sechs Uhr früh für die letzten Nachtschwärmer und die hungrigen Händler und die staunenden Besucher, die endlich kosten wollen, was sie gesehen haben - endlich den Kin Kai, der aussieht wie polierter Marmor und so zart schmeckt wie ein Mousse, oder leuchtendes Kaisergranat, der Kronschatz der Küche, vor den Augen der Gäste zubereitet von einem fröhlichen Sushi-Chef, den die frühe Stunde befremdlich beflügelt. Er lacht und scherzt und erklärt en passant das Wesen des Sushi - daß der feingeschnittene Ingwer etwa nicht nur der Intensivierung des Geschmacks dient, sondern auch dem Schutz vor Vergiftungen. Denn manchmal sind die Schätze der Schöpfung verbotene Früchte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.