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Japan : Von heißen Quellen und himmlischen Qualen

  • -Aktualisiert am

Aus Japans Erde dampft eine exotische Badelust Bild: AFP

Für die Japaner ist Baden weit mehr als Körperpflege. Der Besuch eines öffentlichen Bades gehört zur Kultur und folgt ganz bestimmten Regeln. Auf den unbedarften Anfänger lauern dabei Fettnäpfchen und schmerzhafte Erfahrungen.

          8 Min.

          Er verbeugt sich nicht nur unbewußt am Telefon. Nein, der Japaner badet auch in einer nach faulen Eiern stinkenden Brühe. Freiwillig, wohlgemerkt. Vielmehr: Er bezahlt auch noch dafür. Baden ist in Japan mehr als nur Hygiene. Aus Japans Erde dampft eine exotische Badelust.

          Für manch geneigten Ausländer, im Fernen Osten oft wenig liebevoll als „gaijin“, der Mensch von draußen, bezeichnet, gestaltet sich der Einstieg ins japanische Badevergnügen allerdings als unerbittliche Aufnahmeprüfung. Und wie so manches vielzitierte Fettnäpfchen, etwa die türkisfarbenen Klo-Pantoffeln, mit denen der Ausländer versehentlich in den Speisesaal zurückkehrt, eignet sich auch das japanische Bad vorzüglich, um die Vokabel „gaijin“ mit Leben zu füllen.

          Es beginnt damit, daß Männer die linke und Frauen die rechte Umkleidekabine benutzen sollen. Oder umgekehrt. Englische Schilder fehlen leider.

          Das Handtuch wird für alles benutzt, nur nicht zum abtrocknen

          Sich waschen kann so schwierig sein

          Und die nächste Hürde kommt jetzt: Man soll sich waschen, bevor die wohlige Wärme des Bades für des Tages Mühen belohnt. Ein Ritual, das so einfach klingt. Nur, wo sind die Duschen? Die gibt es nicht. Ein schwerer Hauch von Ahnungslosigkeit legt sich auf meine westlichen Züge. Die anderen Badegäste starren mich interessiert an. Zum Glück lassen sich in einer Ecke einige waschtaugliche Utensilien entdecken: mehrere zwanzig Zentimeter hohe Sitzhöckerchen, ideal vielleicht für den durchschnittlich etwas kleineren Japaner, ein paar Waschschüsseln, wie man sie hierzulande üblicherweise zum Spülen benutzt, ja sogar ein kleiner Wasserfall, der zwischen den Steinen aus der Wand plätschert und sich in einem großen Wasserbottich sammelt.

          Shampoo und Seife, die einem eigentlich zur Verfügung gestellt werden sollten, so zumindest verspricht es der ein oder andere Reiseführer, findet man im entscheidenden Moment natürlich nicht. Also tue man so, als würde man sich nie mit Seife waschen, nehme selbstsicher eine Schüssel in die Hand und beginne beherzt, Wasser aus dem Bottich zu schöpfen, über sich wieder auszuleeren und diese Handlungsfolge nach Bedarf beliebig oft zu wiederholen. Das verrät Stil und zeigt, daß man sich in die japanische Gesellschaft einfügen möchte. Im stillen hofft man, das Abwasser möge irgendwo einen Abfluß finden, denn noch ist unklar, ob der um die Knöchel herum langsam ansteigende Wasserpegel wirklich Teil der Waschzeremonie ist. Da die unbewegten japanischen Mienen immer noch auf mir ruhen, bemühe ich mich um einen souveränen Gesichtsausdruck - sich zu waschen kann doch nicht so schwierig sein.

          Geisha schwitzt mit Karpfenzüchterin

          Aber erst jetzt geht es ans Eingemachte: Vom Erfolg meiner vermeintlich souveränen Vorstellung beschwingt, schreite ich forsch zum Beckenrand und lasse mich unbedacht ins Wasser gleiten. Augenblicklich verzerren sich meine Züge schmerzerfüllt, sprich: Das Vergnügen dauert nicht lange. Ich bin versehentlich ins Becken für Fortgeschrittene gestiegen. Temperatur: Siebenundvierzig Grad Celsius. Gelernte Lektion: Temperatur vorab mit dem kleinen Zeh testen und diesen notfalls mit einem „atsui!“, zu deutsch „heiß!“, wieder zurückziehen.

          Ist das Badeerlebnis für die Einheimischen wirklich so anders? Mit asiatischem Gleichmut, so scheint es, taucht Mayumi ihren Körper bis zum Kinn in das siedend heiße Wasser. Ihre Miene ist unbewegt, ja sogar entspannt, könnte man sagen. Sie hält die Augen geschlossen, atmet ruhig und beherzt die Worte des Quellbadbesitzers, der mit einem monotonen „o yukuri“, frei übersetzt „mach langsam“, immer wieder zur Entspannung mahnt. Mayumi ist keine Ausnahmeerscheinung, ganz im Gegenteil: Wie die Sardinen in der Öldose liegen die Gesichter im Wasserbecken. Eingehüllt in dicken Wasserdampf, der wie aus einem Reistopf emporsteigt, schwitzt hier die Geisha neben der Karpfenzüchterin und der arbeitswütigen Geschäftsfrau. Die Jugend döst vor sich hin, bevor sie in Tokios schillerndes Nachtleben eintaucht. Das heiße Wasser wird zum Schmelztiegel der japanischen Gesellschaft. Der strikte Verhaltenskodex, der das soziale Leben regelt, ist hier gelockert.

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