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Japan : Von heißen Quellen und himmlischen Qualen

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Für den etwas genierlicheren Badegast drückt aber auch der Bäder-Knigge hier ein Auge zu und erlaubt die Badehose. Scheu hin oder her, dreht man der Straße den Rücken zu, wird man mit einem phantastischen Blick auf sattes Grün und dem Gefühl natürlicher Ursprünglichkeit mehr als belohnt. Während der Wintermonate verwandeln Bulldozer den Fluß allerdings in eine Großraum-Badewanne, in der tausend Badehungrige Platz finden. Die beschauliche Szenerie wird zur Bühne eines Massenspektakels.

Eier nehmen den Geschmack des Quellwassers auf

Heißes Wasser alleine reicht längst nicht mehr aus, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen und die nach Entspannung dürstenden Seelen ins eigene Quellbad zu locken. Während ein gutes Dutzend traditionsbewußter Orte sich als „ältestes Quellbad Japans“ anpreisen, setzen andere auf die Gesundheitswelle und stellen Heilerfolge in Aussicht, die Betroffene neugierig machen: Quellwasser befreie von Rheuma, Erkältungen, Hauterkrankungen und so manch anderer Plage der gestreßten japanischen Großstadtseele, vorausgesetzt, man bade in regelmäßigen Abständen. Nebenbei bemerkt, sterben im Quellbad allerdings jährlich ähnlich viele Japaner wie bei Verkehrsunfällen, weiß der Badaufseher in Yunomine Onsen, einem ebenfalls auf der Kii-Halbinsel gelegenen Badeort.

Hier kann man übrigens als Erlebnis der besonderen Art in einem separaten Becken Eier kochen, die eigens zu diesem Zwecke, in Netzen mit einer Schlaufe zum Aufhängen verpackt, vor Ort verkauft werden. Man sagt, daß die Eier den besonderen Geschmack des Quellwassers aufnehmen. Fünfzehn Minuten bei siebenundsiebzig Grad, guten Appetit. Wer eher dem alkoholischen Nationalgetränk Sake zugetan ist, kommt in Watarase Onsen, einem Nachbarort von Kawayu Onsen, auf seine Kosten. Hier darf der Gast im Wasserbecken einen nach Art des Hauses mit geräuchertem Fisch zubereiteten Reisschnaps schlürfen, in schönen Bambusbehältern serviert: „Kanpai!“

Im eigenen Saft

Für die eher naturwissenschaftlich orientierten Gäste listet jedes Bad peinlichst genau die chemische Zusammensetzung des Quellwassers auf - mal eher salzig, woanders schweflig und dann wieder eisenhaltig -, eine wahre Freude für jeden Hobbychemiker. Kohlendioxydhaltiges Wasser zum Beispiel beginnt zu sprudeln, wenn man eintaucht. Ähnlich wie eine frische Cola, in der man mit dem Finger rührt. Besonders in Gegenden um Vulkane herum finden sich schwefelhaltige Quellen, die nicht nur nach verfaulten Eiern stinken, sondern auch ihre Umgebung durch gelbliche Ablagerungen signieren. Weisen Haut und Haar nach dem Baden rötlich-braune Verfärbungen auf, war das Wasser eisenhaltig.

Welche Substanzen das Quellwasser enthält, hängt zum einen von seiner ursprünglichen Temperatur, zum anderen vom Gestein ab, mit dem es tief in der Erde in Kontakt gekommen ist. Die meisten Quellen sind allerdings weitgehend farb- und geruchlos, häufig salzig. Das Geheimnis des Salzes: Der Körper heizt sich auf, weil der Schweiß durch das Salz auf der Haut nicht mehr verdunsten kann. Man schmort, im wahrsten Sinne des Wortes zumindest, in seinem eigenen Saft.

Aus Gewohnheit Vergnügen machen

Möchte man übrigens wie Kleopatra in Milch baden, sollte man sich eine Quelle mit viel Kalzium für eine milchig weiße Wasserfarbe aussuchen - und natürlich noch ein wenig Phantasie mitbringen.

Steven Spielbergs Geisha drückt es in ihren Erinnerungen so aus: Nach westlichem Stil ist ein Bad nichts weiter als eine schnelle Dusche mit einem Stück Kernseife. In Japan ist es die Kunst, aus Gewohnheit Vergnügen zu machen.

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