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Japan : Von heißen Quellen und himmlischen Qualen

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Tatsächlich nimmt der Aufseher des Bades seine Funktion als Anstandswauwau sehr ernst: Schon ein unbekümmertes Schwätzchen zwischen Mann und Frau über die schützenden Sichtblenden aus Naturstein hinweg - ohne Blickkontakt wohlgemerkt - kann einen Tadel zur Folge haben. Die Angst, am nächsten Tag mit negativer Publicity in der Zeitung Erwähnung zu finden, ist hier einfach zu groß. Überhaupt herrschen im Bad Zucht und Ordnung. „Baden ist eher eine sorgfältig geplante Diät als eine leichtfertig eingenommene Mahlzeit“, erklärt ein einheimischer Experte. Man bade nicht aus reiner Freude. Man will den schwarzen Badegürtel.

Wer noch nie in einem „onsen“ war, sollte sich also zunächst mit dem Regelwerk des japanischen Badens vertraut machen, das in mancher Fassung stilistisch an eine deutsche Anleitung zur Inbetriebnahme einer Espressomaschine erinnert. So sollte erstens der Körper bis zu zwischen neun und zehn Zentimetern oberhalb des Bauchnabels mit Wasser bedeckt sein. Zweitens sollte die durchschnittliche Badezeit zwanzig Minuten betragen. Dies begründe sich wie folgt: Das Blut benötigt etwa eine Minute, um einmal durch den Körper zu zirkulieren. In zwanzig Minuten zirkuliert es folglich zwanzigmal, eine offenbar als ideal angesehene Häufigkeit zur inneren Erwärmung des Körpers. Wichtig ist es übrigens auch, andere Badegäste nicht zu belästigen. Also dem Nachbarn bitte kein Gespräch aufzwingen und Spritzen, Planschen und lautstarke Diskussionen über die neueste Bademode unbedingt vermeiden!

Salziger Geschmack auf den Lippen

Welche Strafen drohen, wenn man gegen die Etikette verstößt, hat wohl bislang niemand herausfinden wollen. Bei aller Anstrengung, Wasch- und Badezeremonie unter Einhaltung des Regelwerks zu meistern, sollte man vor allem das Wesentliche im Auge behalten: Ziel des Badens, so überschreibt eine japanische Pharmafirma ihre Baderegeln, ist die Entspannung. So darf man vor allem den Blick für die vielgelobte japanische Ästhetik nicht verlieren, die sich in der kunstvollen Gestaltung vieler Quellbäder ebenso wiederfindet wie in der Formation der bekannten japanischen Gärten.

Wie guter Wein, so hat jedes Bad seinen eigenen Charakter. Das Sakino-yu onsen etwa in Shirahama, einem japanischen Urlaubsort etwa hundert Kilometer südlich von Osaka auf der Halbinsel Kii, ist eine in Naturstein eingelassene Quellandschaft auf einer Landzunge über dem Pazifik und bietet ein atemberaubendes Szenario für höchsten Badegenuß. Die an die Beckenränder klatschenden Wellen vermitteln den Eindruck, man bade mitten im tosenden Ozean, und salziger Geschmack auf den Lippen, ein traumhafter Ausblick auf das blaue Meer und - je nach Jahreszeit und Glück - schmelzende Schneeflocken, erfrischender Regen oder warme Sonnenstrahlen auf der Haut bringen ein Erlebnis für alle Sinne hervor.

In Adams Gewand

Weniger malerisch als ursprünglich lädt das verschlafene Örtchen Kawayu Onsen dreißig Kilometer weiter nordöstlich den Naturliebhaber zu einem kostenlosen Bad mitten im Fluß ein. Zwischen eiskalter Strömung finden sich immer wieder dampfende Passagen. Sebastian Kneipp hätte seine wahre Freude daran gehabt. Den ein oder anderen mag interessieren, daß dieser Fluß parallel zur Dorfstraße fließt. War nicht eine Baderegel, daß man die heiße Quelle in Adams Gewand genießt? Hier wurde Abhilfe geschaffen: Ein eher symbolischer Sichtschutz aus Reisstroh am Ufer soll die Intimität wahren.

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