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Japan : Von heißen Quellen und himmlischen Qualen

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Zweieinhalb Millionen Liter Wasser pro Minute

Die Wurzeln der japanischen Badekultur reichen weit zurück. Archäologische Ausgrabungen legen nahe, daß die Bewohner Nippons bereits vor zehntausend Jahren in heißen Quellen gebadet haben. Auch die Samurai, die Krieger der vermeintlich guten alten Zeit, in der die klassischen japanischen Traditionen und Werte noch Hochkonjunktur hatten, haben das entspannende Bad ausgiebig gepflegt, heißt es. Mit diesem Gütesiegel versehen, ziehen die heißen Quellen heute die Massen an und sind zentraler Bestandteil der japanischen Tourismusindustrie. Wer den Samurai nacheifern möchte, muß nicht lange suchen. Quellbäder finden sich, ähnlich wie Biergärten in Deutschland, über das ganze Land verteilt, angefangen auf Hokkaido, der nördlichsten der Japanischen Hauptinseln, wo die heißen Quellen im strengen Kontrast zu den eiskalten Wintern stehen, bis nach Kyushu, der südlichsten Japanischen Hauptinsel, mit dem bekannten Badeort Beppu.

Geographischer Nährboden für den besonderen Badegenuß ist die hohe seismische Aktivität der Inseln, die aufgrund ihrer Lage an der Schnittstelle dreier Kontinentalplatten nicht nur eine Vielzahl aktiver Vulkane und gefährlicher Erdbeben, sondern als positiven Nebeneffekt heiße Quellen im ganzen Land beschert. Rund zweieinhalbtausend Kubikmeter Wasser sprudeln pro Minute aus Japans Erde. Genug, um über fünfundzwanzigtausend Quellen zu speisen und einhundertzwanzig Millionen Menschen mit einem entspannenden Bad zu verwöhnen. Genug, um den Kölner Dom in gut zweieinhalb Stunden komplett zu fluten.

Zum Abtrocknen zu klein

Bevor aber die Natur zur Kultur und in einem japanischen Quellbad, dem sogenannten „onsen“, zum Hort des Wohlbefindens werden kann, temperiert man das oft siedend heiß emporquellende Naß durch Zugabe kühleren Wassers auf verschiedene Wärmegrade für alle Bedürfnisse. Als „jigoku“, zu deutsch „Hölle“, werden übrigens solche Quellen bezeichnet, die mit kochendem Wasser selbst für den Japaner ein wenig zu warm sind.

Und so finde auch ich auf den freundlichen Hinweis der hinter vorgehaltener Hand verschämt kichernden Mayumi hin zum Glück noch ein anderes Becken mit anfängerfreundlichen achtunddreißig Grad und fange, ganz japanisch, endlich an, die Wonnen des wohlig warmen Wassers für mich zu entdecken.

Feigenblatt-Funktion

In ihrer Funktion als Kopfbedeckung befremdlich wirken die taschentuchgroßen weißen Handtücher, die auf den Schöpfen der Schwitzenden einen auffallenden Kontrast zum Schwarz des Haares bilden. Der interessierte Betrachter mag sich fragen, welchem Zweck sie dienen. Zum Abtrocknen sind sie offensichtlich zu klein. Zumal sie zwischendurch immer wieder ins Wasser getunkt werden und so ihre Trockenfunktion ohnehin verlieren. Mit der unnachahmlichen japanischen Höflichkeit erklärt Mayumi in gebrochenem Englisch auf die irritierte Nachfrage hin, die Handtücher seien multifunktionell, sie ersetzen Sonnenhut, wärmende Wollmütze und Feigenblatt, je nach Bedarf.

Das mit dem Kopfschutz ist nachvollziehbar, denn viele japanische Bäder, die sogenannten „rotemburo“, dampfen unter freiem Himmel. Die Feigenblatt-Funktion erfordert dagegen mehr Phantasie. Sitzt denn die badende Japanerin im Bottich, wie Gott sie schuf? In der Tat schreibt dies der Bäder-Knigge vor. Warum sie sich allerdings die weiße Badehaube mit den Maßen eines Taschentuchs verschämt vorhält, wenn sie zwischen den Becken wandelt, bleibt allein das Geheimnis der japanischen Badekultur, denn Männer und Frauen baden hier seit der Modernisierung der Meiji-Restauration ohnehin meist getrennt.

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