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Italien : Der Erzengel klammert sich ans Giebelkreuz

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Von der Wallfahrtskirche San Michele will der Erzengel nicht loslassen Bild: Provincia.Foggia.it

Im Mittelalter galt Monte Sant'Angelo als eines der größten Heiligtümer der Christenheit. Auch heute noch weiß jedes Kind, dass der Erzengel Michael, der dem Ort den Namen gab, hier wohnt und für die Menschen sorgt. Ein Rundgang.

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          Gotthold Ephraim Lessing hielt nicht viel von Engeln. So fest er auch davon überzeugt war, dass ein Gott existiere, so felsenfest war sein Credo: Wunder haben sich gefälligst innerhalb der von den Naturgesetzen gegebenen Grenzen zu ereignen. Und das schloss für den Philosophen das Einwirken personifizierter Glücksbringer aus himmlischen Sphären - inklusive gefiederter - auf das irdische Geschehen grundsätzlich aus.

          Über so viel Anmaßung und Ignoranz können die Bewohner von Monte Sant'Angelo am Südhang des Bergmassivs Gargano nur den Kopf schütteln. Denn in dem achthundert Meter hoch gelegenen Städtchen weiß doch jedes Kind, dass der Erzengel Michael, der dem Ort den Namen gab, hier wohnt und für die Menschen sorgt. Anscheinend macht er seine Sache gut. Jedenfalls ziehen sich in dem Städtchen, das nicht weit von der Stelle entfernt liegt, an der sich der Sporn wieder mit dem Stiefel vereinigt, schneeweiße, blitzsaubere Häuschen in langen Ketten an den Hängen entlang. Und selbst die Ferienhäuser, inzwischen zahlreicher als die der Einheimischen, halten sich an die historischen Vorgaben.

          Ein besonderes Verhältnis zum Übernatürlichen

          Es ist neun Uhr vormittags. Wir sitzen auf der Terrasse des eleganten Palace Hotels St. Michele und freuen uns am Blick auf den Monte Sant'Angelo und den tiefblauen Golf von Manfredonia. Unglücklicherweise stören die verrosteten Industrieanlagen der gleichnamigen Hafenstadt, die nach dem Sohn Kaiser Friedrichs II. benannt ist, den Gesamteindruck erheblich. Und wir wundern uns darüber, dass sich jetzt im Frühjahr, da die Hauptsaison noch gar nicht begonnen hat, trotzdem schon so viele Pilgerbusse die Serpentinen hinaufquälen.

          Bild: F.A.Z.

          Aber auch wir sind Wallfahrer. Wir wollen Stätten im Gargano besuchen, die durch ihr besonderes Verhältnis zum Übernatürlichen bekanntgeworden sind. Natürlich genießt dabei die Grotte in Monte Sant'Angelo Priorität. Gestern sind wir auf der durch uralte Olivenhaine führenden Straße nach San Marco in Lamis gekommen, auf der jahrhundertelang die deutschen Pilger gezogen waren. In San Giovanni Rotondo wollten wir Padre Pio, dem ersten Heiligen des Gargano, unsere Reverenz erweisen. Aber nach kurzem Aufenthalt ergriffen wir die Flucht. An dem bescheidenen Pater, dessen Grab in der Krypta der Kirche Santa Maria delle Grazie Jahr für Jahr von sechs Millionen Menschen besucht wird, lag das nicht. Er konnte ja nicht ahnen, dass sich der Ort in einen riesigen Rummelplatz verwandeln würde.

          Der Erzengel aus Vorderasien in der Grotte

          Uns treibt anderes an als die Pilger, die seit mindestens zweitausendfünfhundert Jahren zur Grotte ziehen. Nicht Hoffnung auf Heilung wie die Wallfahrer in der Antike suchen wir, und auch nicht - wie später unter dem Kreuz - die Sorge um das Seelenheil ist unser Motiv. Wir wollen vielmehr den Ort erleben, an dem sichtbar wird, wie antike Mythen mit christlichen Legenden verschmolzen, wie sich das Mystische, das sich aus dieser Symbiose herauskristallisierte, in einem Kult verdichtete, der zuerst der von Barbaren drangsalierten illyrisch-römischen Bevölkerung des Gargano Trost spendete und dann, wenige Jahrhunderte später, die ganze Christenheit verzückte. Und seine Anziehungskraft dauert bis heute an.

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