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Italien : Das Geheimnis von Gubbio

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Wer im Dezember nach Gubbio fährt, einer kleinen Stadt in den umbrischen Bergen Mittelitaliens, braucht starke Nerven. Denn in den Wintermonaten ist dies eine düstere, ernste und melancholische Gegend.

          Wer im Dezember nach Gubbio fährt, einer kleinen Stadt in den umbrischen Bergen Mittelitaliens, braucht starke Nerven. Zypressen strecken sich mahnend in den bleigrauen Himmel, Regen rauscht wie ein undurchdringlicher Vorhang auf die Landschaft herab, und die berühmten Hügel verschwinden in jenseitigem Dunst. Umbrien, eine der beliebtesten und meistbesuchten Regionen Italiens, ist in den Wintermonaten eine düstere, ernste und melancholische Gegend.

          Für den, der mit dem Zug kommt, beginnt der Besuch in der Bahnhofsbar von Fossato di Vico. Denn wie viele der alten umbrischen Städte, die meisten von ihnen etruskischen Ursprungs und wehrhaft auf den Hügeln gelegen, hat auch Gubbio keinen eigenen Bahnhof. Auf den Bus, der von Fossato aus hoch in die Berge fährt, wartet an diesem späten Vormittag in der zugigen Bar eine seltsame Gruppe von Menschen. Eine Schwarzafrikanerin sortiert in einer Ecke den Inhalt ihrer riesigen Plastiktaschen. Zwei junge, polnisch sprechende Männer schauen fern. Alte Männer in allzu engen Anzügen sitzen an der Theke und trinken dunkle Flüssigkeiten aus kleinen Gläsern. Bedient werden sie von einer freundlichen Frau mittleren Alters, ihre Haare sind von einem abenteuerlichen Blond, ihr krauses Italienisch klingt nach mütterlich osteuropäischer Wärme.

          Kleine Reise durch die Nachkriegsgeschichte

          Die Fahrt von Fossato di Vico nach Gubbio dauert keine halbe Stunde. Diese zwanzig Kilometer lange Strecke, die sich der Bus langsam die Berge hinaufschlängelt, wird zu einer kleinen Reise durch die Nachkriegsgeschichte Italiens. Auch Umbrien ist schon lange kein reines Agrarland mehr, sondern hochindustrialisiert. Die Vorstellung von urwüchsigen Weinbauern, kleinen Trattorien am Wegesrand und endlosen Olivenhainen gehört ebenso zum ewigen Repertoire der Italien-Verkitschung wie die Vorstellung von Italien als Land sonniger Lebensfreude. Zu beiden Seiten der Straßen liegen Einkaufsmärkte, mittelgroße Industriebetriebe, Parkplätze und triste Wohnblocks. Schön ist hier wenig, ursprünglich nichts.

          Je näher der Bus Gubbio kommt, desto häufiger tauchen trutzige alte Häuser auf. Gebaut aus grobbehauenem Stein, scheinen sie weniger von Menschenhand errichtet als vielmehr direkt aus dem Boden gewachsen zu sein. Ein Vorgeschmack auf einen Anblick, der, kaum biegt der Bus auf die Piazza 40 martiri unterhalb der Altstadt Gubbios ein, noch heute so überraschend, großartig und auch einschüchternd ist, wie es von den Bauherren vor nahezu siebenhundert Jahren offensichtlich geplant war. Am Hang des Monte Ingino stapeln sich gewaltige, steinerne Gebäude. Eine geradezu überwältigende Kulisse mittelalterlichen Machtanspruchs, als Gubbio noch eine der bedeutendsten Städte Umbriens war. Mittendrin der Palazzo dei Consoli, größter und repräsentativster Bau der Stadt.

          Wo sind die Menschen?

          Gubbio ist eine seltsame Stadt - gerade im Dezember. Ohne die tröstende italienische Sonne und den touristischen Betrieb der Sommermonate wirken die mittelalterlichen Straßen wie ausgestorben. Gerade in dieser fast unheimlichen Verlassenheit aber läßt sich vom Geheimnis der uralten umbrischen Kulturlandschaft etwas erahnen. "La citta morta - die tote Stadt" wird Gubbio auch genannt. Und wie eine verlassene Filmkulisse liegen die Straßen nun da. Kein Hund läuft herum, nicht einmal eine flatternde Taube verbreitet Leben. Viertausend Menschen sollen im centro storico leben, nur wo sind sie? Irgendwo leuchtet im Nieselregen das Rücklicht eines Autos auf, weit hinten verschwindet eine alte Frau mit Einkaufstaschen hinter einer Ecke. Mehr nicht. Der größte Platz der Stadt, einer der eindrucksvollsten in ganz Mittelitalien, die Piazza grande, wirkt an diesem lichtlosen Nachmittag wie das Denkmal einer langen, vielleicht allzu langen Geschichte.

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