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Iran : Mit einer Kastenente um die halbe Welt: Das Omidvar-Museum in Teheran

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Ideal für Weltenbummler: 2CV als Lieferwagen Bild: Georg Hausemer

Abdullah und Issa Omidvar stammen aus einer wohlhabenden Teheraner Kaufmannsfamilie. Als die Brüder in den dreißiger Jahren aufwuchsen, herrschte in Persien eine Zeit der umfassenden politischen Reformen.

          Abdullah und Issa Omidvar stammen aus einer wohlhabenden Teheraner Kaufmannsfamilie. Als die Brüder in den dreißiger Jahren aufwuchsen, herrschte in Persien eine Zeit der umfassenden politischen Reformen. Der 1925 durch einen Putsch an die Macht gekommene Schah Reza Pahlavi hatte nach dem Vorbild des türkischen Staatspräsidenten Kemal Atatürk eine Säkularisierung des Staates und eine radikale Anpassung der Gesellschaft an westliche Normen durchgesetzt. Auch im Hause Omidvar trug man, wie nun vorgeschrieben, nicht länger Tschador, Turban und Kaftan, sondern europäische Kleidung. Die Eltern orientierten sich an europäischer Kultur und unternahmen mit ihren Sprösslingen ausgiebige Reisen, auch ins Ausland und teils sogar im eigenen Auto, was selbst in den besseren Kreisen keineswegs üblich war. Als der Landesname 1935 in Iran geändert wurde, waren Issa und Abdullah noch keine zehn Jahre alt, doch sie besaßen, im Gegensatz zu den meisten ihrer Freunde, Fahrräder. Mit denen erkundeten sie die Umgebung. In frühester Kindheit hatte die abenteuerlustige Mutter ihren Söhnen den Fernweh-Virus eingeimpft.

          Mit sechzehn brach Issa, der Ältere, zu seiner ersten eigenständigen Radtour auf. Sie führte ihn durch die iranischen Wüsten Lut und Kavir. Als Achtzehnjähriger ließ er sich vom Vater ein neues Fahrrad schenken. Damit machte er sich auf den Weg in die Türkei, wo er vier Monate blieb, ehe er über Syrien zurückkehrte. Richtig ernst mit der Globetrotterei wurde es Issa und Abdullah Anfang der Fünfziger. Drei Jahre lang bereiteten sich die beiden auf ihre erste große Expedition vor. Nachdem ihr Vater in England zwei Motorräder bestellt hatte, fuhren sie 1954 los, Richtung Osten. Die ersten Stationen hießen: Afghanistan, Pakistan und Indien. Es folgten Thailand, Malaysia und Indonesien. In Jakarta verfrachteten sie die Maschinen in den Flieger nach Australien. Von dort flogen sie auf die Philippinen, nach Hongkong und Japan, bevor es in die Arktis ging, wo sie fünf Monate bei Inuit verbrachten. Als Nächstes durchquerten sie den gesamten amerikanischen Kontinent und setzten sogar in die Antarktis über. Erst sieben Jahre später kehrten sie heim.

          Elefantenzähne und Handwerkszeug

          Indische Holzfiguren, asiatisches Kochgeschirr, Waffen der Indianer, Schrumpfköpfe aus dem Amazonasgebiet - Erinnerungen nicht nur an diese erste Weltreise sind im Omidvar-Museum ausgestellt, das im September 2003 in Teheran eröffnet wurde. Auch ihre zweite große Fahrt, die nur drei Monate später begann, durch Europa, den Vorderen Orient, kreuz und quer durch Afrika führte und bis 1967 dauerte, ist in dem Schatzhaus dokumentiert. Neben den gesammelten Gegenständen, die von Elefantenzähnen und primitivem Handwerkszeug über orientalische Krummdolche und Masken bis zu Jagdtrophäen und Pygmäengebissen reichen, sind Zeitungsausschnitte und Bilder ausgestellt. Sie belegen, dass Issa und Abdullah keineswegs bloß als Abenteurer unterwegs waren. "Wir verstanden uns nicht als Ethnologen", erzählt Issa, mittlerweile achtzig Jahre alt, der immer noch in Teheran lebt, dort einen kleinen Posamentenladen betreibt und sein Museum im Sa'adabad-Komplex im Norden der Stadt regelmäßig besucht. "Doch wir hatten uns ein paar Fragen gestellt, auf die wir in den entlegensten Ecken des Planeten nach Antworten suchten: Wie leben die Menschen? Was unterscheidet die einzelnen Völker und Stämme voneinander? Wie schafft man es, mit ihnen in Kontakt zu kommen?" Der Forscherdrang schlägt sich nieder in Zehntausenden von Fotos, Dutzenden von Filmrollen, haufenweise Tonbändern, mehreren, bislang kaum übersetzten Büchern und unzähligen Artikeln, die sie sogar für "National Geographic" verfassten, aber auch für die Illustrierte "Bunte", die eine ihrer Reportage-Serien in den sechziger Jahren mit der unglaublichen Summe von elftausend Mark honoriert haben soll. Abdullah hängt immer noch seinen alten Leidenschaften nach: dem Reisen und dem Filmen. Vor Jahrzehnten hat die Liebe ihn nach Chile verschlagen. Dort gibt er eine Tourismuszeitschrift heraus und hat mitgeholfen, eines der größten Kinozentren Lateinamerikas aufzubauen.

          Die schönsten Relikte der Omidvarschen Reiselust stehen vor dem Museum - in einem gläserner Kasten: eines der Motorräder der beiden Brüder und die khakifarbene Kastenente ihrer zweiten Entdeckungsreise. Den robusten und nur wenig Kraftstoff verbrauchenden Lieferwagen hatten sie 1964 vom Automobilhersteller Citroën geschenkt bekommen.

          Information: Sa'adabad Museum Complex, Valiasr Avenue, Taheri Street, Teheran, Telefon: 0098/22282031, im Internet unter www.omidvar-brothers.com.

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