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Indonesien : Speisen am Ende der Nacht

Französische Modenschau in einem Nachtclub Bild: REUTERS

Kaum einer fliegt nach Jakarta, um dort Urlaub zu machen. Dabei ist das ein Fehler. Denn wenn der Moloch ins nächtliche Schwarz getaucht ist, tritt die Schönheit ans künstliche Licht.

          3 Min.

          Nach Jakarta reist niemand zum Spaß. Entweder hat man dort zu tun, oder es ist ein Malheur passiert und der Weiterflug nach Bali wurde aus ungeklärten Gründen auf den nächsten Tag verschoben. Wer über die Flughafenautobahn in die indonesische Hauptstadt hineinfährt, ist unglücklich, und er hat ein Recht dazu. Für den Touristen gibt es hier nichts zu sehen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Der alte holländische Stadtkern ist nur noch in Rudimenten erhalten, wer trotzdem ein Glas Tee im "Cafe Batavia" trinken will, muß sich lange ins Taxi setzen. Das historische "Kota" ist von den gängigen Hotels fast so weit entfernt wie der Hafen, der in Reiseführern ebenfalls als malerisch beschrieben wird, in Wahrheit aber geschäftig, heiß und stickig ist.

          Ein Zentrum sucht man in Jakarta vergebens. Irgendwo erhebt sich das Wahrzeichen "Monas", der Obelisk mit der goldenen Flamme, das Nationalmonument zu Ehren der Unabhängigkeit, aber drum herum gruppieren sich nur Regierungsbauten. Das neue Herz Jakartas ist ein Geschäftsviertel, begrenzt vom "Plaza Indonesia" im Norden und der "Ring-Road" im Süden. Es besteht aus sechsspurigen Straßen und Hochhäusern, in denen sich Büros und Malls verstecken. Am besten man legt sich ins Hotelbett, zieht die Vorhänge zu und öffnet sie erst wieder, wenn es draußen dunkel ist. Denn der Tag in Jakarta ist verloren. Die Nacht nicht.

          Nicht von dieser Welt

          Wenn der Moloch endlich in Schwarz getaucht ist, tritt die Schönheit ans künstliche Licht. Alles, was das Land jenseits der Metropole liebenswert macht, das Entspannte der indonesischen Seele, der Sinn fürs Feine, das fröhlich Lebenszugewandte, all dies geht am Abend auf wie ein großer Mond. Schon in der Dämmerung verabschieden die Muezzins die Blässe des Tages. Ab jetzt ruht die Religion im größten muslimischen Land der Welt. Die Imame gehen nach Hause und suchen Deckung vor der Energie der Nacht, vor dem Laster oder auch nur vor dem herrlich sinnlosen Genuß.

          Die Restaurants und Lounges, Bars und Clubs, die jetzt öffnen, haben Weltniveau; selbst in Bangkok und Hongkong ist Vergleichbares schwer zu finden. Nicht nur in den großen Hotels läßt sich erstklassig essen. Eigenständige Restaurants wie das "Lana Thai", das "Paprika" oder die "Cinna Bar" bieten vorzügliche Küche in geschmackvollem Design. Die Speisen sind liebevoll angerichtet, den Kellnern steht kein Schweiß auf der Stirn, das Lounging beginnt schon bei Tisch. Wer hier den Abend startet, ist versucht, ihn auch hier zu beenden, denn viele der neuen Restaurants haben separate Bars, die, wären sie in Frankfurt oder München, auch so einen Besuch lohnen würden.

          Nach dem Essen und vor Mitternacht trifft sich die Jeunesse doree Jakartas und die Jugend der "Expat-Community" in den neuen Lounges der Stadt. Im "Blowfish", einem karg-warm eingerichteten Stockwerk im 29. Stock eines Bürohochhauses, schauen sie bei ausgesuchten Weinen und kubanischen Zigarren hinab auf das Lichtermeer, während das "Manna House" auf urbane Oase macht und Tische an einem kleinen See aufgestellt hat. Im kühl-roten "Burgundy's" spielt um diese Zeit eine Jazzband für das Publikum um vierzig, hier treffen sich zu Geld gekommene Werber und Waffenhändler mit den Staranwälten der Stadt und den Kindern des früheren Diktators Suharto.

          Die Nacht, ein Tag

          Wenn die Lounges schließen, zieht das jüngere Partyvolk weiter, in Clubs wie das "Retro" oder das "Embassy", wo DJs aus aller Welt auflegen. Hartgesottene machen sich auf den weiten Weg ins "Stadion", im nördlichen Glodok. Hinter der unscheinbar wirkenden Reihenhausfassade verbergen sich riesige Hallen, der Techno regiert hier auf fünf Ebenen. Im Stadion versammelt sich alles, was nicht schlafen will - der Club ist von Freitag abend bis Montag mittag durchgehend geöffnet. Der Hauptsaal erinnert an die großen Techno-Tempel Ost-Berlins, und auch das Publikum gleicht sich in seiner sonderbaren Mischung aus exzessiv Vergnügungssüchtigen, Nachtprofis und gesellschaftlichem Treibgut.

          Wenn die Muezzins zum Frühgebet rufen, ist Warung-Zeit. Nirgendwo läßt sich der heraufdämmernde Morgen intensiver begrüßen als auf einem Plastikstuhl mitten auf dem Bürgersteig im Stadtteil Menteng, vor sich ein Glas Tee und einen Napf mit Nasi Goreng. Um die Zeit sind die Tropen so kühl, wie sie nur sein können, und die Stadt, deren Motor noch nicht angelaufen ist, zeigt ein Stück blauen Himmel. Scheu verschenken die Vorbeischlendernden das erste Lächeln des Tages, und ganz selbstverständlich wird einem bewußt, daß Jakarta eine der schönsten Städte der Welt ist.

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