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Handy & Flugzeug : Abschalten war gestern

  • -Aktualisiert am

Nun auch über den Wolken: SMS, E-mails und Telefonieren Bild: dpa

Bis vor kurzem war man zumindest über den Wolken telefonisch nicht verfügbar. Doch das ändert sich nun rasch. Die EU-Kommission hat neue Regeln für GSM-Netze in Flugzeugen verabschiedet und einige Fluggesellschaften testen bereits die neuen Systeme.

          Wer in diesen Tagen im richtigen Airbus A318 sitzt, kann unterwegs bereits die Termine für die nächste Woche absprechen oder noch schnell für den Abend ein paar Freunde zum Essen einladen - mit dem eigenen Handy. Bis Ende Juli läuft bei Air France die Testphase für den Mobilfunk über den Wolken, zunächst an Bord eines Flugzeuges. Wenn die Kunden mit dem Angebot zufrieden sind, soll die Technik für die ganze Flotte übernommen werden. Mehrere Fluggesellschaften wollen den Service in Zukunft anbieten und ihren Kunden so Kommunikation über den Wolken ermöglichen.

          Die Bordsysteme der Anbieter On Air und Aero Mobile erzeugen ein eigenes Funknetz im Flugzeug. Über eine Außenantenne und einen Satelliten werden die Handysignale an eine Bodenstation gesendet und von dort ins Telefonnetz eingespeist. Auch das Verschicken und Empfangen von SMS, MMS und E-Mails ist möglich. Die EU-Kommission hat Anfang April einheitliche Regeln für GSM-Netze in Flugzeugen verabschiedet. Seither sind Handytelefonate während des Fluges europaweit erlaubt, wenn die Bordtechnik von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) zugelassen wurde. Für Inlandsflüge hatte das Bundesverkehrsministerium bereits im März die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen.

          Weitere Fluggesellschaften folgen

          Neben Air France ist die irische Ryanair eine der ersten europäischen Airlines, die den neuen Service ab Ende Juli austesten, zunächst an Bord von 14 Maschinen auf Strecken von und nach Dublin und Stansted. "Nach der Testphase wird sukzessive die ganze Flotte mit der Technik ausgestattet", sagt die für Deutschland zuständige Vertriebsmanagerin Anja Seugling. Sie rechne aber nicht damit, dass plötzlich alle Passagiere telefonieren wollen. "Wir denken, dass die Leute am Anfang vor allem den SMS- und E-Mail-Service nutzen werden", sagt Seugling. Weitere Fluggesellschaften werden folgen. Die portugiesische Tap und British Midland Airways stehen kurz vor der Umsetzung, die chinesische Airline Shenzhen hat angekündigt, den Service bis zu den Olympischen Spielen in Peking Anfang August einsatzfähig zu haben. Bei Emirates laufen bereits Tests in sechs Flugzeugen. Die Fluggesellschaft mit Sitz in Dubai investiert 27 Millionen Dollar, um alle 116 Flugzeuge der Flotte für mobile Dienste umzubauen. Zum Jahreswechsel folgen Royal Jordanian, Oman Air, Jazeera Airways aus Kuweit, Kingfisher aus Indien und Air Asia aus Malaysia. Auch die australische Qantas und die neue Fluglinie V Australia von Virgin Blue werden den Service anbieten.

          In Zukunft also nur noch lautes Geklingel über den Wolken und Telefonate der Art: "Schatz, du, wir sind jetzt hier über Grönland, das solltest du sehen"? Es liegt bei den Fluggesellschaften, wie viel störendes Gebrabbel und Geklingel sie zulassen. Aus technischen Gründen ist die Anzahl der gleichzeitigen Gespräche ohnehin beschränkt, zunächst auf fünf oder sechs pro Flugzeug, sie kann aber bei Bedarf erhöht werden. Die Besatzung behält jederzeit die Kontrolle über das System und kann etwa bei Nachtflügen die Sprachfunktion abschalten, damit schlafende Fluggäste nicht gestört werden. Bei Emirates werden Passagiere schon jetzt in Informationsvideos gebeten, ihre Handys während des Fluges auf lautlosen Modus zu stellen.

          SMS und E-mails statt Telefonieren

          Die britische Fluggesellschaft British Midland Airways hat sich dennoch gegen Telefonate entschieden. "Es ist für uns offensichtlich, dass die Kunden keine Telefongespräche im Flugzeug wollen", sagt Pressesprecher Phil Shepherd. Stattdessen werden nur SMS und E-Mails per Handy zugelassen, zunächst testweise an Bord einer Maschine. Auch bei den beiden größten deutschen Fluggesellschaften, Air Berlin und Lufthansa, wird es künftig keine Handytelefonate an Bord geben. "Viele Passagiere sehen Handygeklingel als Störung", sagt Air-Berlin-Sprecherin Alexandra Müller. Bei Lufthansa haben Bordumfragen ergeben, dass die meisten Passagiere sich durch lautes Telefonieren gestört fühlen würden. Telefonate an Bord bleiben daher auf die wenigen fest installierten Satellitentelefone beschränkt. Geplant ist stattdessen ein W-Lan-Netzwerk im Passagierraum, über das man sich mit dem Laptop oder Smartphone ins Internet einloggen kann. "Wahrscheinlich werden wir in diesem Rahmen auch stille Kommunikation per Mobilfunk wie SMS zulassen", sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. Wann genau das Breitbandinternet bei Lufthansa-Flügen verfügbar sein wird, ist allerdings noch unklar. Es wäre der zweite Anlauf: 69 Langstreckenmaschinen der Deutschen Lufthansa sind bereits mit einem satellitengestützten Internetsystem von Connexion by Boeing ausgestattet, das wegen hoher Verluste 2006 eingestellt wurde.

          Stellt sich nur die Frage, warum es plötzlich ungefährlich sein soll, das Handy im Flugzeug einzuschalten, was vor Jahren noch undenkbar war. Die Antwort liegt in der Technik der Bordsysteme. Ein Störsignal verhindert, dass Mobiltelefone versuchen, sich in Bodennetze einzuwählen. Stattdessen stellen die Handys die Verbindung über eine Relaisantenne an Bord der Maschine her und benötigen so aufgrund der Nähe nur ein sehr schwaches Signal. Eine Störung der Bordelektronik ist laut Air France somit ausgeschlossen.

          Hohe Tarife

          Günstig wird das Telefonieren über den Wolken allerdings nicht. Nach Angaben von On Air, der unter anderem die Funknetze für Air France betreibt, müssen Passagiere mit einem Gesprächspreis von zwei bis drei Euro pro Minute rechnen und mit bis zu zwei Euro pro hundert Kilobyte für Datenverbindungen. Es hängt mit dem Netzbetreiber zusammen, ob und zu welchem Preis deutsche Handybenutzer im Flugzeug telefonieren können. Noch haben nicht alle Mobilfunkbetreiber Roaming-Verträge abgeschlossen. Ein Anruf aus einer Air-France-Maschine aus 10 000 Metern Höhe wird mit O2 voraussichtlich fast so viel kosten, wie mit dem eigenen Handy vom Hotel in Singapur aus zu Hause anzurufen - 2,67 Euro pro Minute. Vielleicht zu teuer, um einfach nur zu erzählen, wie schön Grönland von oben ist.

          Ihre Verbindung wird gehalten: Auf welchen Flügen Sie telefonieren dürfen

          Telefonieren im Flugzeug ist mit jedem gängigen Dual- oder Tribandhandy möglich, ab einer Flughöhe von 3000 Metern (On Air) oder 6000 Metern (Aero Mobile), davor bleibt das System ausgeschaltet. Es handelt sich um GSM-Netze im Bereich von 1800 MHz, nicht UMTS. Bei einem Anruf aus dem Flugzeug muss eine internationale Vorwahlnummer gewählt werden. Im Luftraum der USA bleibt das Telefonieren mit dem Handy verboten, im internationalen Luftraum gelten die Bestimmungen des Heimatlandes der Fluggesellschaft.

          On Air (Air France, British Midland, Ryan Air, Tap Portugal u. a.) hat bereits Verträge mit folgenden deutschen Mobilfunkanbietern:- T-Mobile (2,67 Euro pro Minute, Änderungen vorbehalten)- O2 (2,67 Euro pro Minute, Änderungen vorbehalten) - E-Plus (bislang keine Angabe zu Minutenpreisen)

          Aero Mobile (Emirates, Qantas, V Australia) hat bereits Verträge mit folgenden deutschen Mobilfunkanbietern:- O2 (bislang keine Angaben zu Minutenpreisen mit Aero Mobile)

          Air France (On Air) bietet Handytelefonate und E-Mails über GPRS bereits an Bord eines Airbus A318 an. Die Testphase dauert bis Ende Juli, danach
          wird entschieden, ob die Technik für die ganze Flotte übernommen wird.

          British Midland Airways (On Air) wird nur SMS und E-Mail per Handy zulassen. Der Beginn der Testphase an Bord eines Airbus A320 hängt von
          der Genehmigung der britischen Luftfahrtbehörde ab.

          Die Deutsche Lufthansa plant eine Breitbandinternetverbindung und E-Mail per Mobilfunk. Sprachverbindungen wird es weiterhin nur über fest installierte Satellitentelefone geben, für rund sechs Euro pro angefangener Minute.

          Emirates (Aero Mobile) testet Handytelefonate an Bord von mehreren Maschinen des Typs Airbus A340-300, A340-500 und Boeing 777-300. Bis Ende des Jahres soll auch der Versand von E-Mails über GPRS möglich sein. Internetverbindungen mit W-Lan gibt es bereits an Bord der Airbus 350-500. Außerdem bietet Emirates E-Mail- und SMS-Versand über das integrierte Entertainment-System für 65 Cent pro Nachricht.

          Qantas (Aero Mobile) wird ab Ende des Jahres auf inneraustralischen Flügen SMS und E-Mail per Handy anbieten.

          Ryanair (On Air) bietet ab Ende Juni Handytelefonate und E-Mail über GPRS an Bord von 14 Flugzeugen des Typs Boeing 737-800 an, auf Flügen von und nach Dublin und Stansted. Nach sechsmonatiger Testphase soll die ganze Flotte sukzessive umgerüstet werden.

          Tap Portugal (On Air) wird die Technik zunächst sechs Monate lang an Bord eines Airbus A319 testen.

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