https://www.faz.net/-gxh-6ybqu

Haiti : Was vom Beben übrig blieb

  • -Aktualisiert am

Die Kathedrale in Port-au-Prince sieht mit seinen abgesackten Mauern immer noch so aus, als sei sie vor einer höheren Macht in die Knie gegangen Bild: dapd

Eine Reise in ein getroffenes Land: Haiti hat herrliche Strände - aber kaum Touristen. Und die meisten, die kommen, ahnen wohl nicht einmal, dass sie in Haiti baden.

          6 Min.

          Nun saß man hier, gut zehn Stunden Flug entfernt vom Winter in Deutschland an einem karibischen Sommerabend unter einem üppigen Blätterdach von Mangobäumen und Bananenstauden. Auf dem Teller lag eine köstlich gewürzte Seebrasse, auf den Lippen bitzelten die Zuckerkristalle von einem Glas mit Rum Sour. Aber das war nur die eine Seite.

          Haiti, das sind zwei Parallelwelten, die nur flüchtig miteinander in Berührung kommen, seit dem Erdbeben 2010 umso mehr. In der einen fährt man robuste Geländewagen, in der anderen mit buntbemalten Sammeltaxis, auf denen „Jesus ist mein Herr“ oder andere religiöse Botschaften stehen. In der einen bezahlt man mit US-Dollar, in der anderen mit haitianischen Gourdes. In der einen gibt es Hotelzimmer für 130 Dollar die Nacht mit Flachbildschirm und fließendem Wasser, Supermärkte, in denen ein Liter Vollmilch fast drei Dollar kostet und sechs Rollen dreilagiges Toilettenpapier 14. In der anderen machen sich Frauen und Männer in der Dunkelheit auf, fegen mit einem Stück Pappe ein Fleckchen Bürgersteig, um dort den Tag über Käufer für ein paar Kochbananen zu finden, für Fahrradketten und gebrauchte Reifen oder für T-Shirts, die als Kleiderspende aus dem Ausland kamen.

          Ein streng abgeriegeltes Gebiet um den Hafen Labadee

          Es ist paradox: Haiti liegt auf der gleichen Insel wie die Dominikanische Republik. Aber während es an die Strände im östlichen Teil von Hispaniola jedes Jahr mehr als drei Millionen Touristen zieht, würde kaum jemand auf die Idee kommen, seinen Urlaub in Haiti zu verbringen. Man kennt nicht die 1700 Kilometer Karibikküste und nicht den Stolz der Menschen auf ihre Vorfahren, die sich aus der Sklaverei befreiten und 1804 den ersten unabhängigen schwarzen Staat gründeten. Wohl bekannt aber sind die Horrorgeschichten von „Papa Doc“ und „Baby Doc“, vom Armenpriester-Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, von Todesschwadronen und Militärinterventionen, von Armut, Korruption, Kriminalität und Naturkatastrophen.

          Postkartenhaiti: Kreuzfahrer in Labadee

          Tatsächlich gibt es auch Urlauber, die von weißen Stränden vor türkisblauem Meer schwärmen könnten. Jedes Jahr sogar gut eine Million. Aber die meisten von ihnen ahnen wohl nicht einmal, dass sie in Haiti baden. Sie kommen mit einem Kreuzfahrtschiff der Royal Caribbean Cruises, das sie für ein paar Stunden in ein streng abgeriegeltes Gebiet um den Hafen Labadee ganz im Norden der Insel entlässt. Sechs Dollar zahlt die Kreuzfahrtgesellschaft dem haitianischen Staat pro Besucher.

          Nur die politischen Gäste halten nie bei Louis

          „Das Land ist verhext“, sagt Louis mit so viel Ernst, dass ein Scherz ausgeschlossen scheint, und hält eine kleine Stoffpuppe hoch. Voodoo? Der Kult ist verbreitet in Haiti, obwohl sich fast alle zum Katholizismus bekennen. „Keine Angst, die hat keine Wirkung, aber die Ausländer nehmen so etwas gerne als Souvenir mit nach Hause.“ Louis ist Künstler, er malt Bilder, die Frauen auf dem Markt zeigen und ein anderes Motiv, das er „Déconstruction“ nennt. Eine Gruppe von verschlungenen Menschen. Man kann nicht erkennen, welcher Kopf zu welchen Armen und Beinen gehört. „So ist Haiti“, sagt er trocken. Er war in der Dominikanischen Republik, aber seit die Vertreter internationaler Organisationen zu Tausenden in Haiti sind, ist er zurück. Das Geschäft mit ihnen läuft nicht schlecht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Peter Altmaier spricht sich beim 5G-Netz gegen den Ausschluss einzelner Unternehmen aus.

          5G-Netz : Altmaier warnt vor Huawei-Ausschluss

          Im Bundestag wird heftig darüber debattiert, den chinesischen Netzwerkausrüster beim Ausbau des 5G-Netzes zu sperren. Nun meldet sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier zu Wort: „Wir sollten uns nicht gegen einzelne Unternehmen richten“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.