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Haie vor La Réunion : Tage der Anspannung

  • -Aktualisiert am

„Sie sind ein bisschen wie krankhaft schüchterne Männer“: Die Apnoetaucher Frédéric Buyle und William Winram haben so etwas Schüchternes wie die Bullenhaie vor La Réunion noch nie erlebt Bild: Frédéric Buyle

Nur beim Wandern ist man wirklich sicher: Auf der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion haben Haiangriffe die Urlaubsruhe gestört. Ein Versuch der Annäherung.

          Es ist Samstagmittag auf La Réunion, dem vulkanischen Brocken Frankreich im Indischen Ozean. Die Hochsaison hat gerade begonnen, und eigentlich sieht alles so aus, wie man es sich in kalten europäischen Wintern erträumt: Fast dreißig Grad, der Sand ist weiß, das Wasser klar, im Hintergrund erklingt kreolische Musik, und die Restaurants empfangen ihre Gäste mit Fischtartar und einem Dutzend Variationen von „Rhum arrangés“. Wie das „Saint-Tropez von La Réunion“ wirkt Boucan Canot aber trotzdem nicht, denn der Strand ist quasi leer. „Wie schön!“, denkt man vielleicht, „einer der letzten einsamen Strände im Indischen Ozean!“, aber dann bemerkt man die Strandrestaurants und Boutiquen, die verraten: So wie jetzt war es hier nicht immer.

          Tatsächlich war der übersichtliche Strand der Nordwestküste bisher ein von Surfern sehr geliebter Ort und auch einer der bestbesuchten Badeplätze der Insel. Warum diese Leere? Ein kryptischer Hinweis findet sich in der Nähe des unbesetzten Rettungsschwimmerpostens: Dort liegen Blumenkränze, Kerzen, Briefe und Bilder in Gedenken an Mathieu Schiller, den ehemaligen französischen Meister im Bodyboarden und Leiter der lokalen Surfschule. Am 19. September 2011 war der einunddreißigjährige Surfer kurz vor 15 Uhr nur wenige Meter vom Ufer entfernt von einem Hai angegriffen worden. Nachdem das Tier kurz darauf wieder verschwunden war, versuchten Schillers Begleiter den Berichten zufolge, ihn auf ihre Bretter zu hieven und an den Strand zu bringen, als - ab hier gehen die Schilderungen auseinander - der Hai ein zweites Mal angriff und Mathieu Schiller in die Tiefe zog. Dieses bei Haien systematische Jagdverhalten, die Beute ein erstes Mal zu beißen, zu verschwinden und das geschwächte Tier erst beim zweiten Angriff richtig zu packen, erscheint eher unwahrscheinlich. Mittlerweile lautet die offizielle, plausiblere Version, eine Welle habe den Körper von den Brettern herunter und zurück ins Meer gespült. Sein Leichnam wurde nie gefunden.

          Wie am Buffet eines Fünfsternehotels

          Der Angriff auf Schiller im September war der vierte des Jahres und der zweite tödliche. Zwei weitere folgten im Oktober und im November - die Opfer kamen ohne gravierende Schäden davon. Seitdem am 19. Februar 2011 ein Tourist aus der „métropole“ (so nennt man hier Kontinentalfrankreich), nur wenige Stunden nach seiner Ankunft, bei einem Haiangriff ein Bein verlor, hatten sich die Attacken im Vergleich zu den Vorjahren vervierfacht.

          Selbstporträt mit Harpune: Der Apnoetaucher Frédéric Buyle

          In deutschen Medien fanden die Ereignisse kaum Beachtung, in den Lokalzeitungen von La Réunion führten sie zu einer fast hysterischen Berichterstattung, die mit ungenauen Fakten und widersprüchlichen Informationen weniger der Aufklärung denn der Verwirrung diente. In der französischen Presse häuften sich die Schlagzeilen: „Neue Haiattacke auf La Réunion“, „Das Mysterium der zunehmenden Haiattacken“ - das Ganze gerne mit dem Gruseltenor „blutrünstiger Killerhai im friedlichen Inselparadies“.

          Wie groß der Schock tatsächlich ist und wie irrational die Diskussionen sind, wird erst weit weg von Paris klar. Weshalb die Küstenbewohner schon von einer „Haipsychose“ sprechen, erfährt der Gast bereits wenige Minuten nachdem er am Flughafen ins Taxi gestiegen ist: „Wir Kreolen gehen sowieso nicht ins Wasser, wir wissen, dass das gefährlich ist!“, sagt der Chauffeur und schießt, wild mit den Armen fuchtelnd, um die Kurve, an der Rezeption des Hotels geht es weiter: „Gehen Sie am besten nur in der Lagune ins Wasser!“ Und in der Bäckerei spricht man über die neuesten Erkenntnisse, die eigentlich reine Gerüchte sind („Heute Morgen ist ein Taucher bei Trois Bassins angegriffen worden!“). Abends auf einer Party präsentieren ein paar Surfer ihre Lösungsvorschläge: Für die Haie sei das hier wie am Buffet eines Fünfsternehotels. Die einzige Möglichkeit sei, sie zu töten. Vermutlich.

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